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Feed Title: Stützen der Gesellschaft last 5 items

Leben wie Don Giovanni, überleben wie Leporello

You think you’re mad too unstable
Kicking in chairs and knocking down tables
In a restaurant in a West end town
Call the police there’s a mad man around
Pet Shop Boys, West End Girls

An einem kalten Januartag fuhr ich zu einem Mann, der viel Schlechtes über mich gehört hatte: Ich sei unkontrollierbar, höflich formuliert menschlich äußerst schwierig, und man würde es keine vier Wochen mit mir aushalten – dann würde ich eine brennende Lunte in die Pulverkammer werfen. Davon wusste ich nichts, aber erstens stimmte das alles aufs Wort und zweitens hatte man mir erzählt, mit dem Mann würde man es kaum aushalten, eine ganze Feuilleton-Redaktion sei vor ihm geflohen, ich sollte um Himmels Willen nicht glauben, dass er es ernst mit meinem Konzept für ein Blog über die eingebildete Oberschicht in einem bayerischen Westviertel meinen würde: Keine vier Wochen würde ich mit ihm aushalten. Nach acht Wochen wäre ich für diesen Mann barfuss durch die Hölle gegangen und hätte dafür bezahlt: Wenn er in seinem Stuhl saß, die genagelten Schuhe auf dem Tisch und die Cola neben sich, scheinbar entspannt und guter Laune, bis er einen Gedanken hörte, der neu und dreist war, um dann blitzartig wie ein Raubtier nach vorne zu schnellen – das machen wir!… Der Mann, der Nachts um drei anrief, weil er sah, dass ich noch Kommentare freischaltete und sagte, er hätte da eine Idee und wenn ich um 7 den Text schicke, geht er gleich nach vorne… Der Mann, der in Empörung baden konnte wie Siegfried im Drachenblut… der hatte am Tag vor seinem Tod noch so viele Pläne.

Und so theatralisch wie die erste Fahrt nach Frankfurt war auch dieser Dies Ater. Ich war auf dem Jaufenpass, die Sonne schien, und wie aus dem Nichts tauchte oben, als wir gerade angekommen waren ein Bergunwetter auf. Wir schossen auf den Rädern die 1150 Höhenmeter zurück ins Tal, die tiefschwarzen Wolken grollten hinter uns, und unten las ich dann die Nachricht. Meine Blogs waren mit diesem Tag vorbei, ich bot meine Kündigung an, aber der damals neue Onlinechef Mathias Müller von Blumencron wollte, dass ich trotzdem weiter schrieb. Es ging also weiter, und es wäre jetzt eigentlich vorbei, denn diesmal hat die FAZ beschlossen, diese meine Blogs nicht mehr unter ihrem Dach fortzuführen – relativ kurzfristig, mit mir sehr unangenehmen und überflüssigen Nebenwirkungen im Netz, aber auch einigen Nettigkeiten wie diverse sehr ernste Angebote, mich genau dort weiter schreiben zu lassen, wo ich hier das Blog zusperre.

Eines habe ich nicht kurz entschlossen wie damals in Januar, sondern nach reiflicher Überlegung angenommen. Die Fürsorge und Solidarität ist – für so einen kleinen, unbedeutenden Blogger und freien Mitarbeiter – sehr angenehm. Und es ist, zusammen mit dem Umstand, dass ich diesen Text in der Toskana schreibe, in einem sehr komfortablen Hotel und nach einer Radtour zu einem spannenden Thema, das nicht mehr hier laufen wird, schlichtweg keine Laune in mir, zu sagen: Aus, vorbei, das war’s. Das sagt man nicht, es stimmt auch nicht. Deshalb möchte ich hier exemplarisch über einen anderen Herren sprechen, der sich nach schicksalhaften Momenten derrappelt, den Staub des Höllenfahrt von sich abschüttelt und in die Schänke geht, um sich einen neuen Herrn zu suchen: Leporello, der faule, gefräßige, abergläubige, zynische, sexistische Diener von Don Giovanni, der schon in seiner ersten Arie losmault: Keine Ruh bei Tag und Nacht, nichts was mir noch Freude macht, schmale Kost und wenig Geld, das ertrage wem’s gefällt… und dann will er kein Diener mehr sein.

Ich mag Leporello. Er ist auf eine nette Art verdorben bis in die Knochen, man kann ihm nichts übel nehmen. Gut, er deckt den Mord seines Herrn am Komtur, aber das machen wir ja alle, er sagt aber auch Don Giovanni ins Gesicht, dass er ein Schuft ist und von den Frauen lassen sollte – und ist für vier hingeworfene Doublonen sofort wieder bereit, zum Komplizen seines Chefs zu werden. Dieser Dienstbote und Handlanger ist mindestens ein ebenso schlimmer Finger wie Chef: Nicht nur, dass er die an Frauenverachtung nicht zu überbietende Registerarie singt – dass dies Büchlein Stoff erhalte, schwärmt er bisweilen sogar für Alte – wer diese lustvolle Aufzählung einmal gehört hat, beschwert sich nie wieder über Eugen Gomringer. Nein, er macht sich in dieser Arie offensichtlich auch an Donna Elvira heran, die er mit dem Ausruf “Oh bella, Donna Elvira” begrüßt hat. Im weiteren Verlauf vergreift er sich an einem Bauernmädchen aus dem Gefolge von Zerlina und Masetto, und im zweiten Akt erzählt Don Giovanni, wie er, der Leporellos Mantel trug, von dessen Freundin begehrt wurde, Metoorello vergreift sich also selbst an hoch und niedrig geboren Frauen, und hat neben her noch eine Liebschaft laufen.

Im zweiten Akt redet er sich ein, es sei in Ordnung, seinem Herrn das Essen zu stehlen, und Don Giovanni und er loben danach zusammen den Koch und die Prasserei. Leporello hat das moralische Bewusstsein eines Einzellers, vielleicht gibt es sogar moderne Politiker, die ethischer als er agieren – und er kommt damit durch. Immer. Er bettelt im richtigen Moment um Gnade, als Don Ottavio und die anderen Moralapostel ihm. weil sie ihn für Don Giovanni halten, den Garaus machen wollen. Er denkt, er sei mit seinem Herrn verloren, als der Komtur als steinerne Statue auftaucht – aber dem geht es nur um Don Giovanni, während sich Leporello unter dem Tisch verkriecht. Man kann sagen, was man will; Der Mann hat einen phantastischen Überlebensinstinkt im Angesicht grösster Gefahr, als Don Giovanni direktemang zur Hölle fährt.

Es gibt zwei Arten von Menschen in den Opernhäusern dieser Welt: Die einen lassen sich moralisch belehren und finden die Strafe gerecht, die anderen lernen, dass man einfach nicht zu viele Leute gegen sich aufbringen sollte, das Niederstechen von Vätern vermeidet, und es in Spanien vorsichtigerweise bei 1002 Frauen belässt, bevor man an eine Scherereien machende Donna Elvira gerät – und dass man als Leporello immer wieder den Kopf aus der Schlinge zieht und aufpasst, dass es immer einen gibt, den die Hölle auf der Abholliste vor einem stehen hat. Das macht das Leben noch nicht frei von Verwicklungen, aber: Leporello ist die zweitübelste Gestalt der Oper, und hat am Ende als einziger die Freiheit.

Denn am Ende singen die Beteiligten, was sie jetzt tun werden. Donna Elvira geht ins Kloster und wird sich jede Nacht in die Arme eines Don Giovannis wünschen. Don Ottavio, der Inbegriff des besten Freundeswürstchens, das nie eine Frau abbekommt, muss mit seinen Sexwünschen, für die er Don Giovanni gemeuchelt hätte, noch ein halbes Jahr der Trauer seiner Angebeteten abwarten. Und in dieser Zeit wird Donna Anna noch ein Studium des Genderismus anfangen und ihn jeden Tag mit ihren Variationen über Judith Butler und Sabine Hark konfrontieren, und den Besuch einer Lesung mit Stefanie Sargnagel für gelungene Abendgestaltung halten. Der gewalttätige Masetto und die naive Zerlina gehen in ihr Bauernhaus, er wird sie mit seinen überzogenen Ehrbegriffen schikanieren. und sie wird sich nach ein paar Jahren fragen, warum sie sich damals im Schloss so angestellt hat: Eine Nacht mit den Giovanni wäre letztlich lustiger als ein Leben mit diesem prügelnden, eifersüchtigen Tropf. Nur Leporello packt seine Siebensachen und dazu vielleicht noch das ein oder andere, was Don Giovanni jetzt eh nicht mehr brauchen wird, und geht in die Schänke, um einen besseren Herren zu finden.

Besser, sagt er. Nicht gut, nicht ethisch, nicht wohlerzogen und keusch, kein Don Ottavio, es reicht Leporello, wenn der neue Herr etwas besser als Don Giovanni ist, der gerade zur Hölle fuhr. Leporello ist durchaus lernfähig, aber eben nur genau so weit, wie es zur Beibehaltung schlechter Moral und fragwürdiger Methoden nötig ist, und das auch nur aus Sorge um das eigene Wohlergehen. Und wie man sieht: Das reicht schon, um eine beliebte Opernfigur zu werden. Die Ansprüche des Publikums sind gar nicht so hoch, jeder kennt die streberhaften Don Ottavios, die gern in der Liebe und im Berufsleben Ethik oder Sachgründe vorschieben, um ihre eigene, schmierige Agenda zu betreiben. Leporello ist feige und egoistisch, gierig und wollüstig – bei ihm weiß man, woran man ist, und deshalb hat er vielleicht aus das beste Ende bekommen. Ein Ende, das ein neuer Anfang ist, eine Gelegenheit, ein neues Register anzulegen und dem Herrn genau das zu sagen, was man eigentlich nicht sagt. Leporello hat in etwa so niedrige Ansprüche an sein Dasein wie ich an meine Texte, mir wohnt der gleiche Widerwille inne, anderen eine Botschaft zu verkaufen, die ich gar nicht habe, und die in meinem flexiblen Dasein auch langfristig hinderlich wäre. Leporello machte am Ende alles richtig, und ich möchte dem Publikum nicht anders dienen.

Ich hoffe, ich habe Sie, liebe Leser, über all die Jahre seit der Fahrt nach Frankfurt halbwegs gut unterhalten, Sie hatten hier angenehme Gespräche, bei denen die Gedanken wild durcheinander tanzten, hier Menuette, dort Sarabanden, und fühlten sich moralisch nicht belehrt – so etwas tut man nicht, das liegt nicht in meiner Absicht, wirklich, ich wollte nie mehr tun als plaudern, und bin Frank Schirrmacher unendlich dankbar, der sagte: Das – diese unausgegorene Idee des übel beleumundeten Vogels aus Bayern, der da in sein Büro schneite – das machen wir. Einen besseren Herrn werde ich nicht finden, es war eine phantastische Zeit, ich bekam enorme Privilegien und Möglichkeiten, und – ausnahmsweise mal – ganz ehrlich: Ich danke herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und all die Anregungen und Kommentare.

Es war mir ein Vergnügen und eine Ehre, für Sie zu schreiben, und

es würde mich freuen, Sie irgendwann, demnächst in einer

anderen Schänke des Netzes zu treffen, um über

die Stützen der Gesellschaft zu

plaudern. Ihr Don

Alphonso.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Für Gerechtigkeit müssen wir von Murlo zu Sant’Antimo gehen

I overloaded and I saw the light, decadence was on my mind.
ZZ Top, Delirious

Es gibt drei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen sagen, Rache werde in ihrem Hause stets kalt serviert, andere meinen, man sollte sie lieber heiß unter den Gegnern auftischen, und die Dritten nehmen einfach, was sie kriegen können, im Leben wie in der Rache. Das ist dann meistens die Oberschicht und letztes Jahr kam ich gerade aus Italien zurück, als bei Spiegel Online ein ausgesprochen dummer Artikel über die italienischen Radwege und ihre Entwicklung stand. Obwohl es nicht angemessen ist, bei mir in der Crustata-Etage des Lebens mit Blick über die Crete Sienesi

Leute mit Aufmerksamkeit zu adeln, die ihre Texte aus der schieren Notwendigkeit des Knäckebroterwerbs im Hamburger Hafenviertel verfassen, setzte ich mich hin und schrieb einen heißblütigem Text, in denen ich belegte, dass die Autoren weder italienisch übersetzen können, noch wissen, was in Italien wirlich geplant ist.  Ausserdem habe ich “Der Pate” gesehen und weiß, dass man für Gerechtigkeit zu Don Vito gehen muss: Ich ließ mich also dazu herab, diese Autoren bei meinen italienischen Freunden so zu denunzieren, wie Feinde sonst nur meine Texte denunzierten. Meine Freunde hätten nun sagen können, dass sie den Don Salvatore in Hamburg informieren, aber sie hatten einen anderen Vorschlag: Bei Gelegenheit würden sie mich mal etwas herumführen, damit ich wirklich sehe, was man in Italien so alles tut. Und so kam es zum obigen Bild, und zu dem hier kam es auch:

Das ist in Murlo, einem kleinen Ort direkt an zwei phantastischen Radwegen: An den langen und bestens ausgebauten Strecken der L’Eroica, die hier im Herbst vorbei führt, und an der Grand Tour della Val di Merse. Vermutlich gibt es am nördlichen Polarkreis allenfalls Heideradwege, die auch so heissen und aussehen, mit lauter Knäckebrotbäumen und als Spezialität des Landes ein grosses Garnichts und ein Abo von Spiegel Daily dazu – ich weiß es nicht, ich war da noch nie. Hier jedenfalls gibt es eine Grand Tour, Grand! Tour!, liebe Leser, für Räder, und nicht nur das – sondern auch eines jener “alten Gemäuer”, das zu einem Radhotel umgebaut wurde, Es ist ein sehr altes Gemäuer, alle Apartments – ich residiere gerade auf eigene Kosten in üppigen 50m² – tragen die Namen von Radheroen, meines Beispielsweise von Andrew Hampsten, aber es gibt auch “Gino Bartali”, und an den Wänden prangen Bilder von Campagnolonaben und Radheroen. Es gibt im Keller eine Werkstatt und neben dem Empfang schöne Radklassiker. Und jeden Morgen diese Aussicht, hier ist es seit 5 Tagen am Stück sonnig und warm.

Wie ist eigentlich das Wetter in Hamburg so? das möglich? Radfahren hat in Italien, prinzipiell gesprochen den Stellenwert, den es in Deutschland nie haben wird. Während ich also im Hotel Bosco alla Spina Bilder von speziell für uns Freunde des Velozipeds kreierte Nachspeisen zeigen könnte, halbgefrorene schwarze Schokoladenwürfel mit weisser Cremefüllung, die Luxusversion des Nege Schokokusses mit Schaumfüllung, während von hinten das Buchenholzfeuer angenehm knistert – hoppla! –

erreichen mich Nachrichten aus München, dass ein Radverleiher aus Singapur seine Räder meistens wieder einzusammeln gedenkt: Es gab, ich habe des selbst beim Durchqueren der Stadt auf der Hinreise gesehen, zu viele Fälle von Vandalismus, Diebstahl und Beschädigungen. Keine Ahnung, warum selbst Münchner ihren Frust an Rädern auslassen, die im Gegensatz zu Autos keinem wirklich weh tun, und sogar als schlechtes Konzept immer noch besser als das private Auto sein sollten. Es ist aber so. Der Deutsche mag das Rad nicht. Der Italiener achtet es, und er verehrt die Helden, die sich darauf bewegen. Sie kombinieren Weinflaschen und chromglänzende Boliden mit langer Geschichte, weil man das hier kennt und versteht.

Radfahrer sind Eroici, die nicht verschwitzt den normalen Hotelgast in der Lobby stören, und man bereitet ihnen hübsche Räume nach ihren Bedürfnissen. Es ist alles eine Frage des Zugangs zum Menschen: In Bosco della Spina ist der Radfreund der Gipfel der Schöpfung, in Deutschland ist der Dieselfahrer auf einer Stufe mit dem Giftmörder. Hier kommt sicher viel Feinstaub aus dem aromatischen Bucheholzfeuer – am nächsten Morgen ist die Lunge dennoch so rein wie die Luft über der Toskana.

Wir setzen uns also aufs Rad – ich habe inzwischen ein Neues gekauft, nachdem das alte Rad nicht reparierbar ist, ehrlich, ich habe alles versucht, es musste sein, es hat überhaupt nichts mit Habgier zu tun, fragen Sie Don Vito, er ist ein Mann von Ehre! – wir setzen uns also aufs Rad und fahren etwas durch die Landschaft. Wir finden hier:

Ausgezeichnete Beschilderungen, die einen sogar wissen lassen, dass man die nebenan liegende Etruskersiedlung am besten zu Fuss erreicht.

Exzellente Erklärungen auf Italienisch und Englisch, wie der Weg aussieht, und was man bedenken sollte.

Traumhafte Ausblicke vom Etruskermuseum, zu dem ein anderes Schild weist. Ich mein, das ist Italien. Wenn Italien neben Rädern noch einen historisch bedingten Fetisch hat, dann sind es Schilder.

Die Wege hier mögen kurvig und steil sein, manchmal hat man auf den Routen eine schöne Aussicht, und manchmal einen Tunnel aus Bäumen.

Aber es kommt garantiert irgendwann ein Schild, das auch Orientierungslose sicher nach Hause bringt. Es gibt zum Beispiel im Altmühltal oder auf dem Bayerisch-Tirolerischen Radweg ebenfalls eine gute Beschilderung. Aber hier steht an jeder Kirche, an jedem Kastell und jeder alten Mühle, was sie ist, wer sie gebaut hat und warum sie wichtig war.

Die Italiener verstehen sich auf die Künste, das Radfahren weitgehend autofrei zu machen, und dem Radler Gelegenheit zu bieten, auch zu verweilen. Man muss nur die Augen offen halten. Das alles gehört zusammen. Nicht erst seit gestern: Das Auto wurde in Italien nie so dominant wie in Deutschland. Trotz der Hügel und Anstiege: Das Land hat Raum für das Radvolk. Radler sind keine verkehrstechnischen Störenfriede, sondern geschätzte Gäste. Die Denkweise ist hier nicht: Wir müssen Radfahrern auch etwas bieten. Die Denkweise ist: Wir geben den Radfahrern, was sie wollen. Über diesen Erkenntnisprozess sind wir übrigens schon an Montalcino vorbei gefahren, hinunter nach Sant’Antimo. Dort gibt es das berühmte Kloster.

Und eine berühmte Radsammlung.

Die Colnagos, die Tommasinis, die hängen hier nur so rum, es ist fast so voll wie bei mir auf dem Speicher.

Ich könnte hier oben als Radsammler, Antialkoholiker und Vegetarier ewig verweilen, denn ich mag Räder, und unten, wenn man die Treppe hinunter geht, gibt es Alkohol und Fleisch.

Ich bin da unten also etwas deplaziert, mit meinem Wasser und mit meinem Pecorino, und manche werden mich für so irre halten, wie ein deutscher Vertriebler in seinem Kombi mich am Jaufenpass hält – aber ich war tatsächlich in einem der besten Weingüter der Welt, Ciacci Piccolomini d’Aragona.

Einer der besten Winzer der Welt hätte mir eingeschenkt

und den Schinken gereicht, während über mir die alten Räder der toskanischen Heroen baumelten.

Ich lehnte ab.

Denn irgendeine Tugend muss man ja haben, und zum Ausgleich für mein Karma – das Regenwürmerdasein ist besser als sein Ruf! – habe ich die Tischrunde damit unterhalten, dass in Hamburg Leute leben, die glauben, in Italien wären die Radrouten in einem schlechten Zustand. Lautes Gelächter erfüllte den Saal, Gläser wurden nachgefüllt, und danach gingen wir noch in den Weinkeller, und feierten das gute Leben, das man eben kennen muss, um es leben zu können, hier im warmen Herzen der Toskana.

Wo der Thymian blüht.

Und man immer noch einen Kilometer fahren will.

201 Kilometer wären es von hier aus noch nach Rom, zwei Tagesetappen mit Umwegen über Orvieto und Assisi. Dorthin fahre ich dann im Mai mit der Mille Miglia – nicht mehr hier bei der FAZ, aber Sie als Leser sind dann herzlich eingeladen, mich und die Stützen der Gesellschaft am neuen Ort zu begleiten.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Von alten, weissen Männern lernen

Tutto sbagliato, tutto da rifare!
Gino Bartali

Ich habe in meinem Leben schon viele dumme Ideen gehabt. Das ist angenehm, denn so manche dumme Idee mündete in gern gelesene Beiträge, und das wiederum in den willkommenen Umstand, dass ich technisch gesehen nicht arbeite, sondern lediglich mehr oder weniger dumme Einfälle in schicklicher Ausformulierung an den Mann und die Frau bringe. Manchmal habe ich aber auch gute Ideen, und eine davon ist dieses Bild vom letzten Freitag am Tegernsee.

Der See ist auf 721 Meter, die Wolkendecke auf 900, und dazwischen ist sehr, sehr viel Schnee. Ich übertreibe nicht, obwohl das nicht selten hier gemacht wurde: Hinten im Kreuther Tal liegen öfters noch 2 Meter Schnee. 2 Meter! Da kann man unmöglich Sport treiben, das sehe ich so, das sehen Sie sicher auch so, denn wenn es anders wäre, wären Sie ja beim Baden oder Radfahren auf dem Bild. Ganz sicher jedoch sehen es die Italiener so, mit denen ich hier bin, und denen ich zur Begründung meines minimalen Übergewichts – ich übertreibe nicht, sehen Sie! – und meines lausigen Trainingszustandes dieses Bild zeige. Da würde auch kein Italiener Rad fahren, ich habe eine Art Schneebonus, ich bin der Tedesco, der aus dem Neve kam, ich verdiene Nachsicht beim Hinterherzockeln und Hochachtung, wenn ich nicht wie ein nasser Sack vom Rad falle. Denn ich habe das Bild und kann es herzeigen. Ich glaube, ich speichere es und zeige es ganzjährig in Italien herum.

Wie auch immer. Es war dann gar nicht so schlimm, und die Strecke von Murlo nach Buonconvento führt nicht nur durch eine der schönsten Regionen der Welt, es ist auch ein idealer Parcours für schnelles Fahren: Es geht lange leicht bergab, Steigungen können rasch niedergetreten werden, die Strade Bianche sind in einem sehr guten Zustand, und ich hatte am Abend davor gut gegessen und lang geschlafen. Ich tat so, als verstünde ich die Bundesgenossen nicht, die vom Mörderrennen Paris-Brest-Paris erzählten, und diese Teilnahme bedeutet, dass sie, wären sie nicht auf einer Sonntagskaffeefahrt mit mir, mich auch stehen lassen würden, wenn sie nur mit 2 Zehen auf einem Kinderrad kurbelten. Aber es war Sonntag. mein Italienisch war schlecht, und weil andere noch langsamer und älter als ich waren, ist mein trauriger Zustand erst gar nicht aufgefallen.

Ich brauchte noch nicht mal den schmutzigen Trick eines 24er Kettenblatts vorne und eines 28er Ritzels hinten, der am ersten Tag für Debatten gesorgt hatte, ob das noch legal für die L’Eroica sei: Manche sagten, dreifach vorne ginge am klassischen Rad überhaupt nicht – das waren die Recken mit den “kleinsten” 42er- Kettenblättern vorne und hinten maximal 24. Auch solche Leute gibt es, und sie fanden es kritikwürdig. Ich konterte, dass laut Regeln jedes Rad mit Originalteilen bis 1987 erlaubt ist, solange es Hakenpedale, Rahmenschalthebel und offen liegende Bremszüge hat – und meine Dreifachkurbel und das Schaltwerk gab es bereits im Herbst 1986. Ausserdem erwähnte ich den Schnee und zeigte das Bild herum, und danach gab es einen Anstieg, da hätte sich manch einer auch meine radtechnische Spitzfindigkeit gewünscht. Es kam also alles gut zusammen. Bis – ironischerweise – Buonconvento.

Denn in Buonconvento gibt es ein radlerfreundliches Cafe namens “Le Dolcezze di Nanni” mit einer Sammlung alter Räder und im Kontrast voll mit zuckerreicher Süßigkeiten. Und während wir da so standen und plauderten, war draußen ein alter, steinalter Mann, der die Räder anschaute, die wir idyllisch davor platziert hatten. Meines, den Eindruck hatte ich fraglos, sah er besonders kritisch an.

Und dann kam er herein. Wie sich herausstellte, war es ein alter Chamption der Gruppo Sportivo Buonconvento, der vor 60 Jahren heldenhaft jene Region unter die Räder nahm, die heute das L’Eroica-Land ist. Ich verkleide mich in einem gelben Trikot mit Kaffeewerbung und trinke in Wirklichkeit nur Tee, wenn ich mich mit einer Dreifachkurbel über Hügel schummle, aber der alte Mann hatte die grosse, alte Zeit noch selbst gestaltet. Da gab es noch keinen Tourenbus, der einen notfalls einsammelte. Da gab es bestenfalls 8 Gänge und Ritzel, so klein wie ein Keks, während meine grössten Ritzel so üppig wie ein riesiges Panforte sind, damit meine Waden, hart wie die durch den Wolf gedrehten Feigen im Panforte, das alles noch treten können .

45 Zähne vorne waren üblich, und damals drückte man sich mit baumstammdicken Oberschenkeln, vor Schmerz schreiend, die Berge hoch. Damals dopte man nicht grünbiologisch mit Eigenblut, damals liess man sich noch echt chemisches Nitroglycerin geben. Wir spielen das hier nur nach. Der alte Mann hat es gelebt.

Und obwohl der alte Mann beim Gehen einen Krückstock braucht, fährt er weiter alles, was geht, mit dem Rad. In diesem hohen Alter. Seine ganze Existenz war eine Beschämung meiner Schwäche, und mein Bild mit dem Schnee wollte er auch nicht sehen. So war das am Sonntag. Man kommt als verhinderter Held aus dem Schnee und fährt als Asche vor dem Altar der grossen Geschichte nach Hause.

Heute bin ich dann zuerst zur Post, um einen Brief mit einem Vertrag zwengs der weiteren Bloggerei abzuschicken. Manche sagen ja, es heult sich leichter in der S-Klasse, ich aber sage, Verträge unterschreiben sich leichter mit Blick auf die südliche Toskana.

Und danach bin ich eine Strecke gefahren, die ich bislang nur von der Hektik der Rennen in schemenhafter Erinnerung hatte: Von Murlo über Radi nach Siena und, so war es geplant, über Buonconvento zurück. Von Murlo nach Siena fährt man ausschließlich auf den weissen und fast autofreien Staubstrassen der Toskana, die Landschaft ist überwältigend schön, das Gras ist schon zartgrün, und die wellige Streckenführung ist gerade die richtige Herausforderung für einen untrainierten Deutschen.

Am Ende taucht dann plötzlich die Skyline des mittelalterliche Siena auf. Ich bin das alles recht langsam gefahren, um dann auf dem Heimweg auf Asphalt Tempo zu machen. Zum Schluss wollte ich noch an der asphaltierten Auffahrt nach Murlo vorbei, denn der Weg hoch ist hässlich. Es kommen 3 Berge nacheinander, und ab Buonconvento gibt es einen Altweibersteig mit ruppigen Feldwegen, der nur einen Berg statt derer drei aufbietet.

Aber auf dem Altweibersteig habe ich in der Hektik überschaltet, die Kette ist hinter die Ritzel gefallen und hat eine Speiche abgerissen. Das Laufrad passte gerade noch so in den Rahmen.

Mit so einem eiernden Laufrad kann man keine Feldwege mehr fahren, sonst reissen noch mehr Speichen. Also fügte ich mich ins Unvermeidliche und fuhr zurück auf die Strasse. Als ich am ersten Berg von den dreien runterschalten wollte, ging das nicht mehr. Ich hatte offensichtlich irgendwo noch ein Schaltungsrädchen verloren.

Zum Glück fand ich nach einer halben Stunde Suchen noch die Schraube, die früher das Rädchen hielt. Nach einigem Herumprobieren stellte sch heraus, dass die Kette auch über die Schraube allein lief – aber nur mit maximaler Spannung bei ungesundem Schräglauf der Kette, wenn ich vorne das 50er Kettenblatt benutzte, und hinten das 24er Ritzel. Jede leichtere Übersetzung führte zu heftigen Fehlschaltungen und unerträglichem Kettenrattern auf der Schraube. 3 Berge, 7 Kilometer, 3 Anstiege mit bis zu 10%. Und 50-24. Immerhin fuhr das Rad noch, und man muss mit dem zufrieden sein, was noch geht. Der alte Mann mit dem Krückstock fuhr ja auch noch. Die Sonne ging unter. Es gab nur einen Weg, es herauszufinden. Das marode Rad, die Flachlandübersetzung, drei Anstiege und ein mittelalter, weisser Mann in einem Trikot der späten 70er Jahre. Das ist alles. Mehr gibt es nicht. Man hat sich zu fügen, wie mit dem Krückstock, wenn die Gelenke einen nicht mehr tragen.

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es, im hohen Alter noch so fit wie der Alte aus Buonconvento zu sein, und dem Schicksal zu sagen: Vielleicht brauche ich beim Gehen eine Krücke, aber solange es geht – put me back in my bike. Diese alten Menschen sind die wahren Helden, sie haben nicht gejammert, als sie die Länder aufbauten und sich mit maroden Rädern jeden Tag zur Arbeit begaben. Sie haben jedes Recht, die kleinen Kettenblätter und die Luxussorgen der Gegenwart – genderistische Sprachvorschriften, Rundumbetreuung für angebliche Minderjährige, die den Pass verloren haben, Feinstaubgrenzwerte – verächtlich anzuschauen. Ich würde gern so ein alter, weisser Mann werden, und es mag nicht schön ausgesehen haben, wie ich mich langsam, die Tritte zählend, mit der Übersetzung seiner Jugend da hinauf nach Murlo getreten habe. So, wie man das früher gemacht hat, weil man nichts anderes hatte. Ein Berg, zwei Berge, drei Berge, und der letzte Berg ist der schlimmste. Man muss die Zähne zusammen beissen und an sich glauben. Jedes Jahr verliert man an Kraft, die Sünden der Jugend rächen sich, es sterben Leute um einen herum und andere fahren im hohen Alter noch, mit der Krücke am Rad, durch Buonconvento. Am letzten Berg wäre ich so gern abgestiegen, aber dann dachte ich an den Alten und wenn der noch fährt, sagte ich mir, dann komme ich da oben auf dem Rad an.

Und wenn es das Letze ist, was ich tue.

Das Letzte vor diesem Beitrag war dann allerdings das Salz, das ich mit ölverschmierten Händen über die Pizza schüttete. A Pfund Dregg brauchd der Mensch im Joah, sagte meine Grossmutter immer, und sie hatte damit natürlich wie immer recht. Die Jungen, die nicht recht haben, sind schon vorher gestorben, und achteten davor wohl kaum die Alten mit dem Krückstock am Rad.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Die hohe Kunst der NoWork-Life-Balance

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen,

sagen manche, und ich sage dann immer: Das sind verbiesterte Menschen, mit denen es nicht einmal eine Katze aushält, denn wer eine Katze hat, der arbeitet an Dosen und Verpackungen, damit jemand isst, der meistens nur faul herumliegt und darauf wartet, dass ihm Türen geöffnet werden. Gestern Abend hat mir dann auch ein Mensch in Murlo geholfen, meine Bleibe zu finden, während die Katzen vor dem Ort nichts, aber auch wirklich gar nichts Hilfreiches beizutragen hatten. Wohlgenährt sind sie trotzdem.

Es gibt wirklich bessere Sprüche, wie etwa “In der S-Klasse weint es sich leichter”, was durchaus stimmt, und auch andere Dinge sind der S-Klasse leichter zu bewerkstelligen, aber ich will Ihnen jetzt keine Geschichte über einen lindgrünen W126 aus dem Besitz eines Dresdner-Bank-Chefs und dessen Tochter nach einem Tanzturnier erzählen, denn das geht Sie nämlich gar nichts an und außerdem haben wir ja schon festgestellt, dass es im Kern durchaus richtig ist. Noch richtiger ist aber neue, gestern erst erfundene Spruch “Neben dem SLK lacht es sich leichter”, der mir so eingefallen ist, als ich spontan mit meinem vom winterlichem Salzschmutz verunzierten Auto kurz hinter Siena angehalten habe, mich in die im Vergleich zur Nacht am Tegernsee 25 Grad wärmere Frühlingsluft stellte und spontan an jemand denken musste, der vorgestern etwas Unfreundliches über mich ins Netz schrieb: Vielleicht hat er recht, aber dem Vernehmen nach lebt er in einer WG in Münster, und da möchte ich schon einmal fragen, was einem Rechthaben hilft, wenn man das nach 50 Jahren auf dem Erdenrund nur in einer WG hat, in der vermutlich auch über Marx gesprochen und der Hausdienst genderneutral paritätisch geregelt ist. Er hat also vielleicht Recht und ich habe lachend neben meinem Auto diese Aussicht.

Morgen bekommt er vielleicht nicht nur recht, sondern auch die Nebenkostenabrechung, und ich kann wieder hierher fahren, so ist das auf der Welt. Es gibt vieles, was sich in der S-Klasse leichter tut, es lacht sich leichter neben dem SLK und gearbeitet habe ich auch nicht – nur um am Ende meiner Reise auf jemanden zu treffen, der die Auffassung vertritt, das mache überhaupt nichts, ich sollte Platz nehmen, es ist ihm wirklich egal, ich könnte Slumlord aus Berlin oder Münster sein und von der Miete leben, die andere erwirtschaften, oder von Aktien, oder von was auch immer man weitgehend eigenarbeitsfrei leben kann: Egal. Essen soll ich trotzdem, meint der Koch im Hotel, und bestätigend knistert dazu das aromatische Holz im offenen Kamin. Und so ist es dann auch gekommen. Wenn man davor lange gearbeitet hat, muss man sich an dieses Prinzip des Genusses ohne Leistung erst mal wieder gewöhnen.

Wirklich, das gehört zu den wichtigen sozialen Problemen der Erbengesellschaft, über die in unseren herzlosen Medien viel zu wenig gesprochen wird. Nicht dass Sie jetzt vielleicht denken, ich würde arbeiten, weil ich das aufschreibe: Nichts da, ich habe das gestern und heute ganz langsam begriffen und hätte es meiner Posse, mit der ich hier unterwegs bin, heute zum Gaudium am Tisch erzählt, aber für derartige komplexe Themen der experimentellen Soziologie reicht mein Italienisch nicht aus, und deshalb erzähle ich es Ihnen. Ich habe hier ziemlich lang sehr, sehr viele Kommentare freigeschaltet und beantwortet und Bilder bearbeitet, ja sogar ein paar Teste habe ich geschrieben, die manche lasen und andere nicht verstanden, also, ich habe technisch gesprochen bei der FAZ gearbeitet und langsam geht es jetzt darum, mich wieder erfolgreich ins Erwerbslosenleben einzugliedern. Bei unsereins endet das gemeinhin mit dem hemmungslos überzogenen Studium. Alle um einen herum tun etwas, und wie das so ist in besseren Kreisen, man stellt Konventionen nicht Frage und ehe man es sich versieht, übt man eine Arbeit aus, ohne sich zu fragen: Muss ich das überhaupt oder würde das Familienvermögen nicht leicht reichen? Sie kennen das alle, man gerät in einen Trott und denkt nicht nach, und erst beim Blick zurück stellt man fest: Es wäre auch ganz anders gegangen.

Das habe ich heute verstanden, weil ich mit meiner italienischen Posse von Murlo über Montalcino nach Abbazia Sant’Antimo gefahren bin – nicht etwa auf einer normalen Strasse, sondern auf den staubigen Pisten der L’Eroica. Was mir vorab erzählt wurde, war “Wir radeln rüber nach Montalcino”. Murlo liegt auf einem Hügel. Montalcino liegt auf einem Hügel. Nachträglich habe ich keine Ahnung, wie ich auf die Idee kam, dass es eine 20km lange Hügelkette zwischen diesen Orten geben könnte, aber wirklich, ich hatte so etwas im Gefühl. Andere denken, wer nicht arbeitet, soll nicht essen, ich denke, es gibt eine Hügelkette, es stimmt beides nicht Jedenfalls, nach ein paar Kilometern wurde mir klar, dass wir auf dem Weg zum mörderischen Aufstieg nach Castiglion del Bosco sind. Wir, 20 ziemlich fitte Italiener und ein Deutscher, der von November bis gestern nur einmal auf dem klassischen Rennrad saß, um die Sattelhöhe seines neuen Koga Miyata einzustellen. So rein körperlich waren die letzten Monate schon mal eine gute Vorbereitung auf die Leistungsfreiheitsgesellschaft.

Aber obwohl ich Ihnen mein gesammeltes Leid verschweige, war es hier in den Hügeln der Toskana doch eine gute Einführung in dieses gemütliche Dasein ohne allzu viel Stress: Kein Internet, kein Mobiltelefon, nur Staub und Schotter und klare Luft mit Aussicht. Ich würde lügen, behauptete ich, ich sei wie ein Adler hochgeflogen – nur bergab bin ich gefahren wie ein abstürzendes, tiefgefrorenes Suppenhuhn – aber irgendwann ist man oben. Die Lungen pfeifen, und irgendwer kam auf die grandiose Idee, beim Frühstück nach 4 Monaten Vanillehugel- und Tortendiät jetzt doch einmal konsequent zu fasten: Das war ich, und das hatte ein unangenehmes Brennen in den Beinmuskeln zur Folge. Aber: Man ist oben und sieht, was man schon an Höhenmetern erreicht hat.

Und dann überkommt einen das innere Gefühl mit aller Macht, dass es reicht, wirklich, und dass das, was an Rampen und Geröll noch vor einem liegt, gar nicht mehr sein muss. Es gab sogar einen Besenwagen, ich hätte jederzeit einsteigen können. Aber in diesem kurzen Moment ist man kein staubbedeckter Jammerlappen, sondern ein Sehender und Verstehender: Man erkennt, dass man wirklich etwas getan hat, das einen mit Hochachtung erfüllt. Niemand braucht da noch Höherachtung, es reicht, man hat getan, was man konnte, und damit wäre es dann eigentlich auch gut. Mehr muss überhaupt nicht sein. Da vorne wartet keine Herausforderung mit besserer Aussicht mehr, es ist da ganz nett, und man kann hier wirklich verweilen und auch anderen beim Schieben zuschauen. Auch das ist eine Beschäftigung: Unbezahlt und in diesem Moment, da die Beine nicht mehr wollen, auch unbezahlbar. Geld ist gar nicht so wichtig.

Denn mit dem Selbstwertgefühl steigt auch die Geringschätzung kommender Verpflichtungen. Wer bin ich denn, denkt man sich, dass ich herumschubsen lassen müsste, wenn ich selbst hier hoch komme. Ich bin da, wo ich hingehöre, dies ist mein Platz oben, und das kann mir hier und auch sonst im Leben niemand nehmen. Es ist gut, wie es ist, besser muss es nicht zwingend werden. Andere nehmen vielleicht jetzt den Lift zu höheren Posten und müssen sich artig verhalten, ich kann hier zur Flasche greifen und gierig in mich hineinschütten, ohne Rücksicht auf andere. Niemand hat eine Erwartung an mich. Niemand möchte, dass ich anderer Leute Vorstellungen umsetze. Und heute morgen ging eine prächtige Sonne über der Toskana auf und küsste mich liebevoll. Ich glaube, das ist das Denken, die Erkenntnis, die man allen vermitteln muss, die arbeiten, ohne dass es finanziell nötig wäre. Vielleicht war auch einfach nur zu wenig Sauerstoff in meinem Hirn, weil die Lungen so pfiffen, aber da oben, da schien mir das alles sehr logisch, richtig und auch sozial angemessen.

Erst danach bin ich weiter gefahren, und im weiteren Verlauf war ich gar nicht einmal der Langsamste. Ich hielt gut mit und sagte einer aus meiner Posse, dass ich ab Anfang April viel Zeit und mich gerade dazu entschlossen hätte, mich bei der L’Eroica Nova mit Profibeteiligung anzumelden, bei der auch die Zeit gemessen wird. Wie bei jedem Entzug gibt es auch Rückfälle, das ist mir schon bewusst, aber nicht nur kann man in der S-Klasse vieles besser vollbringen, man kann in der Toskana Leistung auch wie ein Hobby aussehen lassen. Hauptsache, man bricht bewusst die Regeln und lässt es sein, bevor es einen selbst zerbricht, und verlässt sich auf das, was man dank der Geburt hat – ich verstehe gar nicht, warum sich da manche so aufregen, was kann denn unsereins dafür, damit wird man geboren, das sucht sich keiner aus. Wir sollten das nutzen. Dann kommen schon die Köche und sagen einem, dass es richtig so ist, und außerdem ist man barock und lebenslustig auch attraktiv – nicht weil man besser schreibt, man fuchselt weiterhin auch nur schnell etwas herunter, aber es gibt auf dieser Welt ohnehin zu viele Zielstrebige, die Chef anstelle des Chefs werden wollen. Für einen wie mich kommen bei dieser Nichtkonkurrenz dann schon die Alternativen, sie liegen auf dem Weg herum. Aber ich will eigentlich nur lachend neben dem Auto in der Toskana und zufrieden mit dem Erreichten oben in Castiglion del Bosco stehen. Begrenzte Geister brauchen begrenzte Ziele, ist meine Devise, und ich bin fest überzeugt, dass meine vorösterliche Arbeitsentsagung dauerhaft erfolgreich ist.

Dem Mario habe ich aber vor dem Kloster trotzdem mit Kette rechts gezeigt, was ein echter Deutscher am Berg zu leisten vermag, selbst wenn er danach wie ein nasser Sack vom Rad fällt weil einfach so überholen lasse ich mi

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Die erste Ansprache des Volkes an seinen Ministerpräsidenten

All the King’s horses, and all the King’s men,
Could not put my heart back together again.

Es war einmal vor langer, langer Zeit, ein Königreich in einem schönen Land. An der Spitze stand ein Monarch mit einer vom Volke übertragenen Allgewalt. Egal ob er Schüler in Wackersdorf zusammenschlagen ließ oder seine Amigos herzlich grüsste, ob er einen größenwahnsinnigen Transrapid wollte oder mit einer Flurbereinigung oder einem Rhein-Main-Donau-Kanal seit Jahrhunderten gewachsene Kulturlandschaften zerstörte – das Volk sagte Ja zu jedem Monarchen, den die feudalistische Staatspartei ihm nach internen Königsmorden vorsetzte. Das änderte sich erst, als man meinte, dem Volk jemand von fränkischem Geblüt zumuten zu können – das war dem Volk dann mit dem G8 und anderen Fehlentwicklungen doch zu viel, und so musste sich ein neuer Monarch erst einmal von einer anderen Partei dulden lassen, bis er dann die altbekannten, weißblauen Verhältnisse durchsetzen konnte.

Weil er öfters seine eigenen Parteifreunde als das Volk züchtigte, hielt man ihn für einen guten Landesvater – bis das Land von Fremden überrannt wurde und offensichtlich wurde, dass der König nicht allzu viel Macht hatte. Größere Teile des Volks wählten deshalb eine Partei, die versprach, so wie ein alter, brutaler und korrupter König zu agieren, und der König, der die Wahl deshalb verlor, wurde von den parteiinternen Gegnern abgesetzt und nach Berlin geschickt, weil auch ein ehemaliger König als Minister immer noch über den anderen den Watschenbaum umfallen lassen kann, und warum sollte es der Merkel besser gehen als der CSU. Der neue König jedoch, jünger und schon wieder ein Franke, also ein halber Ausländer nach den strengen Kriterien des beliebten, völkisch-intraethnischen Rassismus im Kernland des Landes, hatte schon vor langer Zeit angekündigt, dass er damals noch als Minister zu einem Fest ins tiefste Oberbayern kommen würde. Der Ort heißt Reutberg, da gibt es eine Klosterbrauerei, und die feiert Josefi in einem Bierzelt: Was ein echter König sein will, muss hier das Volk hinter sich vereinen, und so begab es sich also, und hier verschwindet die mythische Märchenvergangenheit unter der journalistisch erforderlichen Realität, dass der König, der hier nur “da Södah” heißt, also in die Grenzregion zwischen Bad Tölz und Miesbach reiste. Man setzte ihn im Zelt in die erste Reihe, weshalb er vielleicht gar nicht merkte, wie das Zelt von hinten ausgesehen hat.

Es gibt Umfragen, die belegen, dass die Bayern mit dem König Horst nicht zufrieden waren, aber das ist ein Bierzelt, in das leicht 2000 Menschen passen würden. 2000 Milchbauern, Villenbesitzer, Tegernseeoligarchen und Kieswerkseigentümer, die hier eine Jagdhütte haben. Es ist Sonntag Abend, 19 Uhr, und es ist der erste, allererste Auftritt des neuen Ministerpräsidenten in einem Bierzelt vor dem gemeinen Volk. Und das Zelt, dessen Besucher am Freitag noch Rosis Nummer verkündete, ist nur zu 2/3 voll. Vorne kreischen welche eingedenk des Spitznamens aus dem Singspiel auf dem Nockherberg “El Marco”, hinten gähnt die Leere. Das hätte es früher nicht gegeben, höchstens bei der SPD und noch schlimmer, wenn der Hofreiter Anton auftritt, der wo im Bundestag mit seinem Dialekt so miserablig wie hier mit seinen Autoverbotsvorstellungen ankommt. Jedenfalls, voll war es nie nicht und auch auf dem Pressebiertisch war noch a Platzerl frei, oder auch zwei oder drei, jedenfalls, später setzten sich auch noch Musiker dazu.

Manche glauben ja, die Sache mit der Identität sei etwas Verachtenswertes mit Fremdenhass und Sepplhut, aber dann tritt der Bürgermeister von Sachsenkam auf die Bühne. Kloster Reutberg und Sachsenkam gehören seit jeher zusammen, die reichen Bauern brachten dort ihre unverheirateten Töchter unter, die Kinder gingen dort zur Schule, und die Brauerei, die hier den schweren Josefibock ausschenkt, ist eine Genossenschaft, die aus der alten Brauerei des Klosters hervorgegangen ist. Aber wie es eben so ist, in Bayern sterben die Klöster, weil es keinen Nachwuchs gibt, und auch Reutberg ist von der Schliessung bedroht. Das alles erzählt im schweren Dialekt der Bürgermeister, und dass die Gemeinde weiter ein Kloster haben will – aber das bischöfliche Ordinariat kümmere sich nicht um die Zukunftsperspektiven, ein Plan der Gemeinde versacke im Getriebe der kirchlichen Administration, und der Verdacht steht im Raum, es könnte dem Bistum um den wertvollen Landbesitz des Klosters gehen, der bei der Auflösung an die Kirche und deren Verwaltung im fernen Freising falle. Das sind hier die Probleme, die die Menschen bewegen, und da soll der Ministerpräsident doch bitte mit dem Bistum reden, damit das Kloster bleiben kann. Der donnernde Applaus zeigt: Er ist mit dieser Vorstellung nicht allein.

Dann kommt der Maerz August.

Der Maerz August ist der Chef der Brauereigenossenschaft und würde man so einen Charakter erfinden, er erschiene viel zu phantastisch – sage ich, andere fänden ihn vielleicht überzogen. Jedenfalls, es ist wie es ist, und der Chef steigt, zwei Maßkrüge in der Hand, auf das Podium, und nimmt erst einmal einen Schluck. Einen langen Schluck. Unten sitzt das Volk und wartet, und der Chef steht da und trinkt. Dann setzt er langsam ab, stellt die Bierkrüge auf das Rednerpult, und begrüßt den Ministerpräsidenten.

Der Ministerpräsident wird nachher sagen, der Chef sollte sich beim Nockherberg als Festredner bewerben, nachdem die derbleckende Bavaria dieses Jahr in Rente gegangen ist, und ganz ehrlich, ein wahreres Politikerwort wurde auf dem Erdenrund gar nie nicht gesprochen. Denn der Chef trinkt nicht nur aus, er schenkt auch ein. Er sagt dem Söder brettlbreit ins Gesicht, dass sich das letzte Wahlergebnis für die CSU auch umdrehen könnte, wenn sie so weiter macht wie bisher, von 37 auf Sieben und Drei, nur diesmal halt mit noch einem Komma dazwischen. Der Saal johlt vor Vergnügen. Der Chef erzählt, wie das hier mit der Situation der Hebammen ist und wie sich die Reduzierung der medizinischen Versorgung auf dem Land auswirkt, und dass die Kinder nicht mehr in der Klinik, sondern eher auf den Bundesstrassen zur Welt kommen werden, weil die Strassen so verstopft sind. Der Saal tobt vor Begeisterung. Der Chef, der seine Wirtsleut gegenüber in der Klosterschänke kennt, erzählt, wie das so ist mit der Bürokratie und was so ein Wirt heutzutage alles für Behörden ausfüllen muss, die ihm alle das Leben schwer machen, bis zur Risikoanalyse für das Personal. Und dass es kein Wunder sei, wenn die jungen Leute dann lieber zum Staat gingen, als selbst etwas aufzubauen oder zu erhalten. Das kommt hier sehr gut an. Worte des Lobes für den Ministerpräsidenten hatte er auch, den werde man schon integrieren und außerdem sei der Franke gewissermaßen ein Bollwerk gegen die Preussen. Aber man merkt es, die Unzufriedenheit ist gross, es sollte sich schnell etwas ändern, und nicht nur wegen der Wahlergebnisse: sondern auch, weil es um den Fortbestand der Heimat geht. Die Asylbewerber und die Lasten der Integration sind da nur ein Problem unter vielen: Der Staat, der sich mehr um sich selbst als um die Bürger kümmert, ist in seiner Gesamtheit der Grund für diese amüsant und bissig vorgetragene, aber inhaltlich knallharte Kritik, mit der der Chef der Brauerei dem Chef der Regierung das Standgas einstellt, wie man hier so schön sagt.

Das ist jetzt der Moment, da sich der König nach den Gesetzen der Bierzelts an die Spitze des Volksheeres stellen und mit einer flammenden Rede den Krieg gegen alles, was nicht passt, ausrufen sollte. Darauf wartet das Publikum.

Söder greift das gekonnte Grummeln aber nur auf, indem er sagt, er spreche jetzt das Schlusswort – es ist eine undankbare Aufgabe, nach so einem deftigen Forderungskatalog aus der Provinz die Linien einer Politik zu erklären, die gross sein soll, dafür aber das Placet der Anwesenden dringend braucht. Söder betont immer wieder seine gute Beziehung zum Bundestagsabgeordneten der Region, er kritisiert wie alle Brüssel und auch Berlin, und wann immer er Identität und Heimat anspricht, wird die Zustimmung laut – aber halt nie so laut wie davor, als sehr viel deutlicher gesagt wurde, wo hier die Probleme liegen. Beim Islam sagt Söder etwas durch Nichtsagen: Die hier lebenden Muslime, die sich gut verhalten, würden natürlich zu Deutschland gehören. Den Seehofer-Spruch mit dem Islam an sich meidet er, er meint nur, dass der Islam in Bayern keine „kulturgeschichtlichen Wurzeln“ habe. Es ist überhaupt ein ganz neuer Söder, gar nicht mehr der frühere Wadlbeisser, mehr so der Politikerklärer und Umverständnisbitter, recht staatstragend und gar nicht darauf erpicht, das Zelt zum Dröhnen zu bringen. Das meiste hätte er auch im Bayerischen Rundfunk oder bei Anne Will sagen können, ohne dass sich jemand erregt hätte. Es war eine ordentliche Rede über den Stellenwert der Heimat, und er hat betont, wie wichtig Deutschland für die EU und Bayern für Deutschland ist. Aber es ist halt vielleicht nicht so schlau, sich nach zwei Reden über echte Probleme und Wünsche hinzustellen und den Leuten zu erzählen, es ginge ihnen so gut wie nie zuvor, wenn draußen Immobilien für junge Familien unbezahlbar werden, die Banken keinen Zins mehr zahlen und das Auslaufen des Soli der einzige Punkt ist, den man bei Rekordraubzügen des Staates als Erfolg verkünden kann. Es gibt Bierzeltreden, da hängt das Publikum an den Lippen der Volkstribunen. Hier hat jemand einen Vortrag gehalten, und man merkt am Geräuschpegel im Saal: Das war nicht genug für das Gemüt und den Ärger.

Man bedankt sich höflich für das Kommen. Aufgestanden sind sie am Ende trotzdem: Nicht für den Applaus, der bestenfalls anerkennend und alles andere als frenetisch war. Sondern für die Bayernhymne, die sie dann wirklich alle gesungen haben, im Zelt neben dem sterbenden Kloster auf einer eisig gefrorenen Wiese unter einem rabenschwarzen Nachthimmel, von dem Milliarden Sterne durch die kalte Bergluft auf das Land schauen. Drinnen war es laut, aber der Berichterstatter musste schnell zu seinem Auto, und nach ein paar Schritten war der Ausklang der Hymne schon fast nicht mehr zu hören. Ich glaube, die meisten hatten sich den Söder als politischen Rammbock gegen Berlin und Merkel vorgestellt: Da kam so gut wie nichts. Das hier ist das Kernland der CSU, aber auch der Freien Wähler und inzwischen sogar der AfD, und wer hier die Massen nicht erreicht, wird es im Rest des Landes trotz einer ruinierten SPD nicht leicht haben. Der Funke sprang nicht über, egal wie die Fans “El Marco” riefen. Vielleicht wählen sie ihn, und vielleicht reicht es, weil er auch jüngere Politiker_Innen berufen hat, und bei den Frauen in der Stadt besser ankommt.

Aber ich weiß noch, wie es früher einmal war, und ob die CSU noch zwischen dem empfundenen Realsozialismus der Groko und dem Zorn daheim vermitteln kann – das kann ich nicht sagen. Es kamen mir auf dem Heimweg am Zelt vorbei noch viele Leute entgegen, die schnell wieder gingen. Wenn die Leute nachher im Bierzelt nicht mehr zusammen hocken, ist es ein ganz schlechtes Zeichen.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.