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Feed Title: Stützen der Gesellschaft last 5 items

Als die Kulturrevolution ein Dirndl trug

Es ist mit der Liebe wie mit den Pflanzen. Wer Liebe ernten will, muss Liebe säen.
Jeremias Gotthelf

Es gibt Kunst. Die hängt im Museum.

Und es gibt Kunst, die man früher zwar für Kunst gehalten hat, und so teuer wie Museumskunst bezahlte, oder auch deutlich teurer – aber über die ist die Kunsthandelsgeschichte hinweg geschritten, weil sie sich am Neuen und Außergewöhnlichen orientiert. So habe ich beispielsweise hier ein Portrait einer Gesellschaftsdame der Klimtzeit aus einer Salzburger Sammlung mit gesicherter Herkunft, das in Duktus, Expression und Farben genau das verkörpert, was man 1910 als Avantgarde begriff – die Wiener Moderne macht sich darin breit und zündet sich in den Rauchfarben eine letzte Vorkriegszigarre an. Es ist die richtige Epoche und die richtige Region, denn die Kunst war damals zwischen dem blauen Land und Wien entlang der Alpen ausgestreckt, und wenn ich nach Italien radle, komme ich nach ein paar Metern an exakt jener Stelle am Oberbuchberger Hof vorbei, an der August Macke seine Tegernseelandschaft malte.

Was ich aber gerade gekauft habe, ist um 1870 entstanden, und wie man aus der Kunstgeschichte weiß: Damals malten die Franzosen Kunst, und die Deutschen eher Kitsch. Denn um 1870 erschlossen die Eisenbahnen langsam die Bergwelt, darin eröffneten die Grand Hotels, man zog zur Sommerfrische auf die Alm, und erwarb alpenländische Mode für eine Art Bergkostümfest. Im Biedermeier beginnt die Neigung der Damen, das Dirndl der Bäuerinnen zu tragen, weil sie in den eng geschnürten Kleidern mit Wespentaille kaum laufen können. Und ihre Gatten kaufen zur Erinnerung Bilder, die die dort meist weniger komfortabel untergebrachten Künstler oft eher im Aquarell denn in Öl festhalten. Denn so ein Ölbild braucht seine Zeit, ein Aquarell kann am Wochenende gemalt und am Montag bereits an due Gattin des Kommerzienrates verkauft werden. Und so entsteht eine Bildgattung, mit der man Kunsthistoriker jagen kann, aber so war das damals eben, es gab zwei Arten von Künstlern auf dieser Welt: Die einen schnitten sich ein Ohr ab und wurden wahnsinnig, die anderen trafen den Geschmack der Kurgäste, knüpften Kontakte und bekamen Lehraufträge für akademisches Malen in Schwabing. Und ich, ich habe schon ein gewisses Faible für diese Anbiederungskunst, weil sie ein Relikt eines guten Lebens ist, das in dieser Form heute bei allem Fortschritt nur noch wenige genießen. Aber eigentlich will ich auf etwas ganz anderes hinaus, nämlich auf den Mann, der schemenhaft unten links im Bild zu sehen ist.

Es ist 1870, es gibt kein mobiles Telefon, es gibt keinen öffentlichen Nahverkehr, es gibt kein Auto und das Fahrrad hat noch nicht die Berge erobert. Wer in den Bergen an Seen lebt – hier übrigens wahrscheinlich der Schliersee – wandert oder fährt mit dem Kahn. Um von Neuhaus nach Schliersee mit so einem Kahn zu rudern, braucht man schon eine gewisse Kraft und Ausdauer, und weil die Kähne hier so störrisch sind, auch ein großes Geschick. Das ist nicht Venedig mit seinen Gondoliere, die einen durch die Lagune rudern, das sind die Berge, hier ist der Mann noch ein Mann und packt an. Es gibt keinen Zug und keinen Fahrplan, er muss das Boot vom Ufer ins Wasser schieben, und dann die schweren Ruder durch das Wasser ziehen. Das macht man nicht einfach so zur Gaudi. Man macht es, weil es einem wirklich wichtig ist. Sei es, weil man fischen will, sei es, weil am anderen Ufer eine schöne Fischerin wartet. In diesem Fall ist der Mann ein Glückspilz, er ist über den See gerudert und tatsächlich, die Fischerin ist da, herausgeputzt, und erwartet ihn schon.

Wer sie ist? Man sieht hinter ihr in die Küche des Hauses, da sind Teller und Bottiche sauber aufgeräumt. Offensichtlich ist sie nicht nur in ihrem Festtagsgewand eine ordentliche, sorgsame Frau, die gut haushalten kann. Sie ist vielleicht nicht reich wie die Bürgersgattinnen, die auf solchen Portraits gern opulenten Schmuck tragen, aber auch nicht arm. Vermutlich hat sie ihn schon von weitem kommen sehen, denn sie erwartet ihn auf der Terrasse und hat etwas hinter ihrem Rücken versteckt: ein kleines Gebinde aus Blumen und Kräutern, wie es in Bayern im Sommer gern geweiht und dann als Glücksbringer an den Hut gesteckt wird. Man erkennt die Beziehung zwischen den beiden: Er schwenkt seinen Miesbacher Stöpselhut, sie hat etwas für seinen Hut.

Auch sonst ist das Bild erotisch aufgeladen. Wenn man genau hinschaut, hängt neben ihr an der Hauswand ein Kescher, mit dem man Fische fängt, daneben hängt ein Netz, in dem sich so mancher verheddert, und rechts neben der Treppe schlängelt sich junges, heller Grün mit Ranken, herzförmigen Blättern und gierigen, kleinen Greifarmen. Es ist kein Zufall, dass sich die Pflanze da mitten vor die Frau schlängelt. Vor ihr steht ein Topf, und in dem Topf ist ein Stecken, an dem sie eine Blume aufrichtet: Es ist Lychnis chalcedonica, in unromantischen Deutschlandteilen als Scharlachlichtnelke bekannt, aber bei uns in den Alpen heißt sie nur “brennende Liab“. Die junge Frau züchtet da also nicht irgendwas. Es hat alles seine Bedeutung, die roten Blüten wie auch der Stock, an dem sie gedeihen.

Und später rudert er sie vielleicht zum Tanz ans andere Ufer, sie wird dekorativ auf der Bank sitzen, und er wird sich in die Riemen legen. Ich bin übrigens schon selbst mit Frauen auf diesem See gerudert, das ist wirklich sehr romantisch und man macht das besser nicht mit begehrenswerten Frauen weil das endet nämlich äh wo war ich ach so ja also er wird sie rudern und dann gehen sie tanzen. Er wird sich um sie sorgen und sicher über den See bringen, so wie sie sich um ihn gesorgt hat, und ihm ein Gebinde mit Blumen und Kräutern aus ihrem Garten gemacht hat. Der Maler kannte seinen Spitzweg und seinen Conrad Ferdinand Meyer, er wusste, wie man mit Anspielungen arbeitet, und mehr erzählt, als einfach nur ein Treffen am See. Es zeigt zwei Menschen, die sich umeinander bemühen, die Stunden damit zubringen, dem anderen etwas Gutes zu tun, die bereit sind, sich hinzugeben, ohne dass es bereits Sex sein muss. Draussen tobt hier 150 Jahre später ein Wintersturm, aber ich sitze auf dem Sofa, und mir gegenüber ist es Sommer, und zwei Menschen werden sich gleich in die Arme fallen. Das mag nicht Kunst sein, es hat zu wenig abgeschnittene Ohren und entsetzte Schreie, und zu detailgenau ist es auch, aber ich mag das.

Man muss natürlich die darin zum Ausdruck kommende, bürgerliche Moral nicht mögen, das Saubere, die gebremste Offensive, die Ritterlichkeit und die Monogamie, in der sich diese beiden finden werden. Es wird so sein, denn der Weg zu ihr führt entlang eines Geländers mit Herzerln zu einer Brüstung mit dem Kreuz des kirchlichen Segens. Und natürlich werden Fortschrittliche unserer Tage voll Verachtung auf Wilhelmine von Hillern oder Anna Stainer-Knittel  herabschauen, die die höchst erfolgreichen Fortschrittlichen jener Tage waren, und deren Umkreis das Bild entstammen dürfte: Zeigt es doch die Frau im alpinen Experimentallabor der Geschlechter als durchaus selbstbestimmt und im Vordergrund, was mehr als nur eine Verkaufsmasche gegenüber dem bürgerlichen Publikum und den weiblichen Begehrlichkeiten gewesen sein dürfte. In einer Zeit, in der im bäuerlichen Umfeld Zwangsheiraten noch völlig normal waren, ist die Übertragung einer sich langsam wandelnden, bürgerlich-emanzipierten Moral auf das Landvolk zu sehen. Dahinter mag sich damals auch viel Falsch und Selbstbetrug verborgen haben, denn es zeigt den guten Anfang, aber nicht die spätere Ernüchterung. Es ist kein Beckmann und kein Grosz, und man muss schon etwas genauer hinschauen, um angesichts der Anspielungen zu erkennen, dass es etwas mehr als nur bergromantischer Kitsch ist. Keine Suffragette muss dafür schirmschwingend durch das Bild aus den Bergen für den Bürgersalon ziehen, und trotzdem erzählt es etwas über die Gleichheit der Geschlechter, und wie Beziehungen funktionieren können, wenn das Wetter schön ist, und die Beteiligten sich umeinander intensiv bemühen.

All die Autorinnen, die momentan gegen romantische Stimmungen anschreiben – ein neues, modisches Brauchtum der Tinder-Wegwisch-Ära – sind dafür natürlich kaum zu gewinnen, zwischen Stress, Zeitmangel, Erfolgsdruck und dauernder Gereiztheit. Die Einzelkämpfergesellschaft sieht die Beziehungssache auch eher pragmatisch und frei von zartromantischer Färbung, aber dafür durchaus unter dem Aspekt der Nützlichkeit und Effizienz. Da geht es nicht mehr um das Aufhalten von Türen oder gar um das Rudern über den See, da wird auch am Hut nichts mehr angesteckt, um Besitzansprüche öffentlich zu machen. Flexibilität ist auch in Dingen der Zuneigung erwünscht, und die dauerhafte Liebe ist wohl das einzige, an das noch weniger als an die Rente geglaubt wird. Ich wäre der Letzte, der bestreiten würde, dass auch dieses moderne Bild stimmig ist, und kitschig ist da überhaupt nichts. Die blanke Realität mit Leistungsdruck und stetig aufs Neue enttäuschten Erwartungen erlaubt gerade noch einen kleinen Balkon aus Beton mit Blick auf die gegenüber liegenden Häuser, und der mögliche Sexualpartner kommt im Minutentakt aus den grauen Massen der öffentlichen Verkehrsmittel. Es mag schon sein, dass die Heidi-artige Phantasie weit weg von der Realität war, aber man durfte damals noch träumen. Ich weiß nicht, was Menschen , die anderen die langfristige Beziehung, das Plätzchenbacken und das Vorlesen auf dem Sofa schlecht reden, von ihrem eigenen Leben erwarten. Andere wollten es genau so, und sie wollen es noch immer.

Und dazu gehört auch die Symbolik, die gerade um diese Zeit mit all ihren Mistelzweigen, Schaukelpferden und Christbaumkugeln kaum weniger anspielungsreich als so ein Alpenaquarell ist. Die Leute erwarten das von ihrem Leben, und wenn sie genug Zeit und eine reich beschnitzte Hütte am See hätten, würden sie es vielleicht auch im Sommer wieder genau so haben wollen. Mit gegenseitigem Bemühen und dem Wissen, dass der andere einen nicht bei der nächsten besseren Gelegenheit über Bord wirft. Ein Leben ohne Emails, hinter denen Monster lauern, und ohne eine Welt, die in all ihrer Komplexität niemals hinter den Bergen verschwinden will. Die Moderne hat uns den Kitsch genommen und kokoschkantig gemacht, sie hat uns die zarten Aquarellfarben ausgetrieben und stellt uns vor die Wahl, ob wir es schreiend bunt oder monochrom kühl wollen. Es gibt kein Zurück, und wer gern etwas bewahren würde, heisst heute Modernisierungsskeptiker und landet schneller in einer Bertelsmannstudie unter den Problemfällen, als er Netzwerkdurchsetzungsgesetz sagen kann. Weihnachten ist so eine Art Retrokarneval, da darf man sich, weil es die Wirtschaft fördert, ein paar Tage kollektiv der Moderne verschliessen und bei allen drei Teilen von Sisi im TV mit 157cm Diagonale aus China weinen.

Echte Reaktionäre mit überkommenen Rollenbildern haben dagegen einen Hammer und betrachten sie Welt wie ein Aquarell, für das sie jederzeit und an allen Orten einen neuen Nagel einschlagen, um zu zeigen, dass es immer auch ganz anders geht.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Die Weltrevolution wird den Mieter nicht retten

We’re all mad here. I’m mad. You’re mad.
The Cheshire Cat

Einer der angenehmen Aspekte am Tegernsee ist, dass es hier zwar Journalisten gibt – aber praktisch alle kommen nur zum Sterben hierher, was sie unvermeidlich auch tun, und dann liegen sie auf unseren idyllischen Friedhöfen neben ebenso verstorbenen Politikern. Die Ausnahme – ich, der ich noch schreibe – bestätigt nicht nur die Regel, sondern hat auch nicht vor, ewig zu leben, weshalb auch nachziehende Journalisten hier recht einsam bleiben dürften. Es gibt zwar ein Cafe mit Blick auf den See, einem Kachelofen und diskreten Seitenräumen, die ideal für Interviews geeignet wären – aber keine Journalisten. Die paar, die hier durchkommen, um im Bräustüberl zu trinken oder im Hotel Überfahrt die Küche kostenfrei zu “testen“, die kommen nicht hierher. Ich bin also allein, und ich rede hier auch nicht über meinen Beruf.

Nicht nur zur Tarnung, sondern auch zur sittlichen Erbauung habe ich die World of Interiors dabei, ein Enrichtungsperiodicum aus England mit den immer gleichen, aber nie langweiligen Erzählungen: Sohn oder Tochter aus gutem Hause erben eine nicht ganz kleine Immobilie oder finden ein entzückendes, verschlafenes und vergessenes Kleinod, retten alles vor dem Verfall, und überführen das Objekt in eine neue Zeit der mehr oder weniger glanzvollen Lebensfreude. Es ist diesmal auch wieder alles dabei, vom Palast am Nil über ein französisches Schloss und dänische Schlichtheit bis hin zur umgebauten Scheune und einem Boot, vollgestopft mit am Strand aufgesammeltem Treibgut. Alle erzählen zwar, dass sie die Stücke der Einrichtung entweder geschenkt bekommen haben, irgendwo fanden oder vom Trödel retteten, aber genau das lese ich gerne und immer wieder. Hinter mir bücken sich die Bedienungen am Kachelofen, um das Feuer einzuschüren, vor mir treibt die Polarluft Schnee über den See, aber ich sitze hier einsam und freue mich, dass es anderen in ihren Häusern auch gut geht.

Das ist eine reichlich bürgerliche Haltung, so kenne ich das seit meiner Geburt, denn ich komme aus einer kleinen, dummen Stadt in Bayern, und da ist der Besitz von Immobilien in einer gewissen Schicht obligatorisch. Lange Zeit wurde man deshalb ausgelacht, jeder hat einem geraten, den alten Krempel doch zu verkaufen, das Geld gewinnbringend zu investieren – bei uns konkret in Zertifikate einer Bank, die 2009 untergegangen ist – und zu bedenken, wie schlecht doch die Rendite sei: So ein Haus sei mehr oder weniger totes Kapital, tot wie Politiker und Autoren auf unseren Friedhöfen. Der Tegernsee galt damals als eingestaubtes Altenrefugium, das man nur aufsucht, wenn das Leben vorbei ist, und wer 2007 sagte, das Miethaiblut wäre nun mal in seinen Adern und er würde gern am Tegernsee wohnen, galt, höflich formuliert, als extravagant. Dann kann die Finanzkrise. Ich sage nicht, dass die Immobilien seitdem teurer wurden – es ist andersrum, das Geld hat im Verhältnis zu Immobilien seinen wahren Mangelwert erkannt und nähert sich in der Draghi-Ära dem realen Verhältnis zu realen Gütern an. Weltweit ist es üblich, dass Menschen fast die Hälfte ihres Einkommens für Wohnen ausgeben oder sich über 2 Generationen verschulden, um Häuser zu kaufen – außer natürlich sie sind illegal hier in Deutschland und bekommen daheim für die Ausreise deutsche Wohnbeihilfe. Die Deutschen allein sind im Irrglauben gefangen, es gäbe momentan eine Blase und das werde alles schon wieder billiger. Letzte Woche zeigte jemand bei Twitter ein Angebot. 6m² in einer 4-Zimmer-WG im versmogten München. Für 600 Euro Miete.

Es gibt zwei Arten von Journalisten auf dieser Welt, die einen lesen mit Blick auf den See die World of Interiors und die anderen haben Dienst in grossen Städten wie München oder Hamburg, und müssen dort wohnen. Ich lese die World of Interiors und bestelle eine Birnenschichtbombe, die anderen durchforsten Wohnungsanzeigen und stellen fest, dass ihr Gehalt eine Deckungslücke hat, wenn sie gleichzeitig einen Applerechner, eine Wohnung und Essen aus Restaurants wollen. Offensichtlich ist in Städten wie Hamburg und München das Wohnen der Faktor, der jedes Jahr mit 10% Preissteigerung aufwartet, und das tut auf mittlerer Sicht natürlich weh: Auflagen sinken, Löhne stagnieren, Preise steigen. Ich kann schon nachvollziehen, dass solche Entwicklungen schmerzen. Es schmerzt nicht nur den Nachwuchs, der sich in WGs drängt, sondern auch die mittlere Leitungsebene, die zwar nicht schlecht verdient – aber bei Quadratmeterpreisen über 10.000 Euro und den Unsicherheiten des Berufslebens kaum einen Kredit bekommen wird, um in diesem Umfeld mehr als 50m² zu erwerben. Das ist für die Kinder des Bürgertums, die selbst noch aus grösseren Häusern der Provinz stammen, natürlich ein Schock. Ahh, die Torte, sehr schön, vielen Dank!

Wo war ich ach so, ja also, der Schock, richtig, als die Finanzkrise begann, also vor 10 Jahren, hätte man für meine Wohnung in München nicht einmal die Hälfte dessen bekommen, was ich nun erwuchern könnte. München war schon immer nicht billig, aber langsam gleicht es sich dem international vergleichbaren Niveau an. Der Tegernsee hat auch angezogen, die kleine dumme Stadt an der Donau ist sogar der Spitzenreiter in Deutschland, und obwohl ich keinen einzigen Quadratmeter mehr zur Verfügung habe, sehe ich schon, wie die Kollegen relativ dazu abstürzten. Aus Leuten, die mit eiserner Sparsamkeit nach 20 Jahren eine kreditfinanzierte Wohnung hätten abbezahlen können, wurden Leute, die mit eiserner Sparsamkeit vielleicht in 20 Jahren die Miete noch bezahlen können. Und nur so kann ich es mir erklären, dass die frühere Süddeutsche Zeitung, das Blatt für die besseren Kreise in Italiens nördlichster Stadt, mittlerweile zur Prantlhausener Zeitung in ihrer Onlineausgabe wurde, die gallig jubelt, wenn angebliche “Künstler” dazu aufrufen, Vermieter zu denunzieren, die dann mit automatischen Daueranrufen terrorisiert werden.

Das ist ein vollkommen unbürgerliches Verhalten. Das tut man nicht. Man richtet nicht andere Leute aus, wenn man selbst ein Problem hat. Man versucht, die Probleme selbst anzugehen. Normal wäre es, den Lesern die Wahrheit zu sagen, dass sich die Bewertung von Immobilien und die Miete drastisch ändern, dass an der Finanzkrise Politik und Banken die Hauptverantwortung tragen, die Reduzierung des sozialen Wohnungsbaus von allen Parteien getragen wurde, und man nun selbst verantwortlich für das eigene Vorankommen ist. Es ist keine gute Zeit für Medienprojekte mit unsicherem Ausgang, für Belästigungskunst und Crowdfunding. Es ist eher eine Zeit für ungeliebte Sekundärtugenden wie Sparsamkeit, Fleiss und Zuverlässigkeit, wenn der Weg doch noch in die Eigenimmobilie führen soll. Manche haben längst aufgegeben, wie etwa Mitarbeiter der Zeit, die den boomenden Wohnungsmarkt mit dem Wort “betroffen” niederschreiben.

Geht es unbürgerlicher? Medien, die ohne mit der Wimper zu zucken ein Schneeballsystem mit dem Namen “Bitcoin” hochschreiben, beklagen in der eigenen Niedergangsbranche den wirtschaftlichen Erfolg der Baubranche. Mein Eindruck war, dass auch die Zeit eher Kunden ansprechen will, die nicht zur Miete wohnen, aber oft trieft eben die Qual des vom Schicksal geschundenen Mitarbeiters aus den Zeilen: Da wird nicht hinterfragt, welche ansonsten hochgejubelte Klimapolitik am Bau die Preise und Mieten treibt, da ist man im Eismeersumpf “betroffen” wie von einer Seuche, einem Terroranschlag oder einer Bankenpleite. Das Bürgertum, das ich kenne, ist nicht betroffen – es genehmigt sich noch einen Tee und blättert in der Einrichtungsbroschüre weiter, während man in Prantlhausen inzwischen Gefallen an Kollektivierungen der sozialistischen Brüderstaaten findet:

Natürlich kann man Grund und Boden verstaatlichen oder per Gesetz anderweitig dem Handel entziehen. So wie man auch per Gesetz Währungen fixieren kann, oder Kurse reglementiert hat, oder Staatsanleihen anderer Länder kauft. Man kann auch mit Slogans wie “und die Stadt gehört Dir” Wahlkampf machen, wie die Linke in Berlin: Dort gibt es jetzt Ausstellungen über mutige Drogendealer, eine geschlossene Behörde für Alleinerziehende in Mitte und bei der Wohnungsmisere immer wieder die Idee der Enteignung und Verstaatlichung von Wohnraum. Mag sein, dass der nächste sozialistische Großversuch unter Rot-Rot-Grün in Berlin besser als in Venezuela ausgeht. Aber in München ist dergleichen nicht absehbar, da gibt es auch keine demokratische Mehrheit, und ich frage mich schon, warum man so einer Stadt Artikel zumutet, die eher ins Neue Deutschland von 1952 passen würden. Früher saß ich übrigens öfters hier und las die SZ – inzwischen ist die World of Interiors doch sehr viel angenehmer, und ich wundere mich, warum jene Zeitung überhaupt noch teure Anzeigen von jenen unmoralischen, zu enteignenden Immobilienhaien annimmt.

Ich habe übrigens kein Mobiltelefon mit Internet, ich bin hier wirklich abgeschnitten, und die wiederholten Klagen von Medienschaffenden im Internet, man könnte sich den Beruf nicht mehr leisten, bekomme ich nicht mit. Das ist gut so. Ich würde mich sonst nur ärgern und nicht mehr auf den See schauen, sondern wütend kommentieren: Dass es zu viele Schreibende gibt, und es gleichzeitig unmöglich ist, auf die Schnelle einen guten Installateur zu bekommen. Sogar seine herzogliche Hoheit ist mit seiner Brauerei beim Gasthof in meinem Dorf im Baurückstand – weil es dort zu wenig Personal gibt, obwohl der Stundenlohn deutlich über dem der klagenden Journalistinnen liegt, von denen es offensichtlich zu viele gibt. Natürlich wäre es angenehmer, bei einer Staatsparteizeitung über die Erfolge des neuen 5-Jahresplans nach Enteignungen der Plutokraten zu schreiben, und danach von der neuen Wohnung in der Stalinallee auf die werktätigen Massen zu blicken, die Staatsratsbeschlüsse übererfüllen. Es war nicht alles schlecht im Kommunismus. Aber alles in allem ist die Torte hier am See doch deutlich besser.

Eigentum verpflichtet, das steht so auch im Grundgesetz, aber es verpflichtet mich nicht dazu, mich dafür zu schämen, auf der richtigen Seite der “Betroffenen” zu stehen. Auch in der World of Interiors wird oft von der Pflicht gesprochen, das Gute zu bewahren, das Alte zu erhalten, das Neue schön zu gestalten und die Zukunft zu einem goldenen Zeitalter zu machen. Erfahrungsgemäß treiben Artikel, die Mobbing loben und Preise beklagen, den deutschen Michel nicht in die sozialistische Weltrevolution. Daher würde ich aus meiner Erfahrung heraus die Kollegen darauf verweisen, dass das Eigentum Aller an Allem nicht nur durch Mao und Pol Pot erreicht werden kann – sondern dadurch, dass jeder nach Möglichkeit auch ein Eigentümer wird.

Es ist gar nicht so schwer, hinter Bayreuth und Coburg fallen die Preise ins Unermessliche, ein ganzes Ostland harrt immer noch der starken Jugend, die tatkräftig zupackt – anders wird das nichts, wenn man niemanden bezahlen kann. Es ist vielleicht nicht ganz zentral, die Nachbarn haben eventuell eine grosse Diversität bei den politischen Vorstellungen, aber das geht mir persönlich am Tegernsee auch nicht anders. Man überlebt es. Es gibt ein Deutschland jenseits des Mittleren Rings in München und ohne Blick auf die Elbe, man muss nur wollen und die Wut, den Hass auf Menschen wie mich produktiv umsetzen. Und ich garantiere: Wenn erst einmal alle Projektemacher, Lohnschreiber und Internetpersonen die Schönheiten der Lausitz oder Vorpommerns entdeckt haben, ist in den Städten auch wieder mehr Platz für Polizisten, Krankenschwestern, Lehrerinnen und Kindergärten. Auch habe ich nie verstanden, warum Genderinstitute so fern jener deutschen Ostgrenzen angesiedelt sind, hinter denen sie wirklich viel echtes Patriarchat studieren könnten. Als Gentrifizierer der Tegernsee-Praxis darf ich jedenfalls noch anmerken, dass man sich idealerweise vor die Gentrifizierungswelle setzt: Wer jetzt im Thüringer Wald siedelt, ist schon da und kann zur Kreditfinanzierung etwas vermieten, wenn andere erst durch die Umstände gezwungen werden, sich dort anzusiedeln. Wenn man die langfristige Entwicklung im Wohnungsbau betrachtet, ist das die logische Konsequenz.

Gute Ideen für Gehöfte und Scheunen finden Sie in der World of Interiors, nachdem die früher bürgerliche Presse heute die Druckerschwärze lieber für Klagen nach staatlichen Eingriffen verprasst.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Die BankenBienenKohleSteuertransfer-Groko – und warum sie nicht schmeckt

Tadle nicht den Ofen, in den du deine Erbtante geschoben hast
Kongolesisches Sprichwort

Ich trage eine grüne Weste von Grasegger, maßgefertigte Wildlederstiefel aus Verona, eine beige Kniebundhose, karierte Wollsocken aus Sterzing und einen langen Janker von Waizmann in Miesbach. Ich fühle mit der Hand hinein in den nicht ganz blitzblauen Himmel über dem Oberland und sehe meinen schlimmen Verdacht bestätigt: Keine Spur von den versprochenen 19 Grad eines angeblichen Novembersommers! Höchstens 13 Grad und Novembermärz! Das ist das beste Angebot, das mir das Wetter an diesem Tag zugestehen will, obwohl ich ihm dafür 120 Kilometer entgegen gekommen bin. Zähneknirschend akzeptiere ich und verlasse das Auto.

Unter dem nicht ganz blitzblauen Himmel ist ein blitzübervoller Biergarten, also beschließe ich, erst einmal, wandern zu gehen. Erfreulicherweise geht vom Biergarten aus ein Weg über Almen zu einem Hochmoor und weiter zu einem Moorsee. Die kleine Wanderung regt den Hunger an, und ich muss nicht immer der Erste am Tisch sein – ich kann auch warten. Also spaziere ich über immer noch erstaunlich grüne Wiesen durch kleine Gehölze, und wenn der Weg zu feucht ist, weiche ich auf die Wiesen aus. So komme ich gut voran, bis sich der Sumpf rechts und links in das Licht der Frühwintersonne weitet, und stelle fest, dass die Pfützen weiter vorne auch den Weg überbrücken: Oben Eis, unten Schlamm, in dem meine Schuhe tief versinken. Der Begleitung wird das zu morastig, als sei es die Kooperation eines Zensurministers mit einer Stasi-Zuträgerin. Sie kennt den See auch schon, und verlangt, dass sie nicht bis zum Äussersten gehen muss – nun gut, dann kehren wir eben ohne Seeblick wieder um.

Im Biergarten gibt es zwei Arten von Menschen, die einen sitzen direkt am Panorama, und die anderen in zweiter Reihe. Und weil weder Sumpf noch 13 Grad andere Reisende abgehalten haben, hier ihre Mahlzeit einzunehmen, bleibt mir nur Bankerl weiter hinten, denn, so denke ich mir, besser schlecht sitzen als gar nicht sitzen. In der Speisekarte finde ich Brezenknödel, die ich auch prompt bestelle. Allerdings weist mich der Kellner darauf hin, dass es saure Brezenknödel sind, so etwas wie saures Lüngerl, in Essig eingelegte Brezenknödel und kalt, also wie das Gesicht einer Wahlverliererin, der der Jamaikapartner davongelaufen ist, was an Tagen wie diesen vielleicht nicht die ideale kulinarische Freude ist. Ich will schon den Mund aufmachen und sagen, ich ginge mit diesem erneuten Verzicht nun wirklich an die Schmerzgrenze, aber da fällt mir auf, dass dort unten auch keine Journalisten stehen, denen och vom balkonartigen Biergarten erst zuwinken und dann in die Mikrophone mein Leid klagen kann.

Ich mache also kein Drama, gehe einen Kompromiss ein, und bestelle Bergkästopfenpflanzerl mit Sauerrahm und Salat. Zusammengefasst habe ich also keine 19 Grad bekommen, sondern nur 13. Ich konnte meine Weste nicht ausziehen, sondern musste sie anbehalten, kam mit meinen Schuhen in den Schlamm, ohne den See zu sehen, und sah mich gezwungen, in der zweiten Reihe etwas zu essen, das ich aber gern mit Bergen und nicht mit anderen Menschen dahinter abgelichtet hätte. Ich bin wirklich an die Schmerzgrenze gegangen, so auf ein paar Kilometer oder sogar Lichtjahre vielleicht, denn es hat eigentlich kaum weh getan und alles in allem ging es mir doch ganz gut, im Vergleich zu jenen, die nicht hier waren. Denn mehr Leute hätten auch gar nicht in den Biergarten gepasst, und so muss ich sagen: Ja, ich bin Kompromisse eingegangen. Trotzdem war es schön und ich bin niemandem böse. Ich komme wieder, auch bei 11 Grad, selbst wenn mir so ein Sommertag lieber wäre.

So ist das nun mal., das Leben ist ein einziger Kompromiss, und gut leben bedeutet nicht, alles zu bekommen was man will, sondern die Kompromisse so zu gestalten, dass auch die zweit- und drittbeste Lösung für Individuum und Gesellschaft gut erträglich sind. Im niederen Volk nennt man das “Fünfe auch mal gerade sein lassen” oder “die Kirche im Dorf lassen”, penibel abweichendes Verhalten gilt dagegen als unkommod, und man mache doch bitte keine Visimatenten. Der Kompromiss unterscheidet die bürgerliche Gesellschaft vom diktatorischen Absolutismus mit seinen Sonnenkönigen, die nach Laune entscheiden können und keinerlei Rücksicht nehmen müssen. Im Reich des Sultans ist das heute noch so, aber bei uns hat man sich aufgrund der Erfahrungen dazu entschieden, dass man auf Ausgleich bedacht ist. Wir rutschen also auf dem Bankerl zusammen, damit mehr Platz ist, wünschen gut zu speisen und erstellen keine Liste von Punkten, in denen wir uneinig sind, um dann das nächste Mal woanders zu essen. Es ist genug für alle da. Und man glaubt dem Wirt, dass er sich bemüht, es den meisten so recht wie möglich zu machen.

Früher funktionierten auch politische Verhandlungen so: Es gab Gewinner und Verlierer, und weil die Gewinner an den Trögen der Macht bleiben wollten, zogen sie nicht ihre Programme eiskalt durch, sondern überlegten sich, wie sie denen, die sie nicht gewählt hatten, vertretbare Angebote machten. In einer uniformen Gesellschaft, in der jeder Wohlstand und Sicherheit will, und möglichst einen sozialen Aufstieg mit Haus und zwei Autos, war das nicht sonderlich schwer: Man stellte die Nationalökonomie auf das Staatsvolk ein, und so konnten zwar nicht alle, aber doch sehr viele recht gut leben. Es gab üble Fehlentwicklungen wie Atomkraftwerke, Betonburgen des Brutalismus, das achtstufige Gymnasium, einen überzogenen Fortschrittsglauben und auch heute noch die Aufweichung des Alpenplans un Bayern, aber, das muss man zugeben, es häte auch noch schlimmer kommen können. Hin und wieder revoltierte das an die Schmerzgrenze getriebene Wahlvolk, um die Politiker darauf hinzuweisen, dass die Sache mit dem allgemein akzeptablen Kompromiss zwischen Volk und Politik vergessen wurde. Dann wurde mehr oder weniger einsichtig aus Gründen des Machterhalts nachjustiert.

Früher zumindest. Heute sagt Julia Klöckner, Vizevorsitzende der CDU, dass Aussagen wie “Deutschland den Deutschen” andere ausgrenzen würden und deshalb fragwürdig sind, obwohl Staaten gemeinhin keine Grenzen haben, um alles und jeden einzugrenzen. Außerdem gibt es da einen Amtseid mit der Klausel “zum Wohle des deutschen Volkes, was sich auf die Deutschen bezieht, und eben nicht auf jeden, der sich hier legal oder illegal aufhält. Klöckners Beinahekoalitionspartnerin Katrin Göring-Eckardt sieht sich auch als Lobby der Staatstiervölker: “Wir wollen dass in diesen vier Jahren, dass jede Biene, jeder Vogel und jeder Schmetterling weiß, wir werden uns für sie einsetzen.” Mal abgesehen von der Frage, wie man das Vögeln, Bienen und Schmetterlingen erklären will: Sie sind keine Wähler. Genauso wenig wie die Europäer, für die die Sozialdemokraten die Vision einer europäischen Sozialpartnerschaft vertreten. Als Wähler muss man sich statt dessen möglicherweise von Andrea Nahles angesprochen fühlen, die auf dem Kongress der Jusos den SPD-Weg zur Groko als Schuld von “anderen” deklarierte: “Meiner Meinung nach brauchen wir in den nächsten Wochen alle, auch die Jusos, um aus dieser ungeheuerlichen, von anderen angerührten Kacke einen guten Weg nach draußen zu finden“, sagte sie, wenig elegant und bar jeder Einsicht, dass das katastrophale Wahlergebnis ihrer Partei möglicherweise, eventuell, vielleicht auch etwas mit dem politischen Kuhfladen zu tun hat, die SPD und CDU seit Jahrzehnten in führender politischer Verantwortung gemacht haben.

Denn wenn neben Bienen, Vögeln und Schmetterlingen am Koalitionstisch auch über das Wohl und Wehe der europäischen Banken und Schuldenrisiken anderer Länder verhandelt wird, über Geldtransfer zur EU und über die für die Grünen zentralen Menschenrechte von Leuten, die noch gar nicht hier sind, wenn entgegen dem Geist des Asylrechts die Neuerfindung des “Klimaflüchtlings“ auf das vom Dämmwahn schon schwer benebelte, moralische Grundgerüst gepfropft wird, und jede Partei die ihr nahestehenden Grüppchen mit Privilegien hier und Quoten dort und zwischendrin Verbandsklagerechten begütern will – dann sind das wirklich viele Interessen, die gebündelt werden müssen. In so einem Regierungsmoloch sind Kompromisse nur möglich, wenn man die Steuerreinnahmen des Staates reihum verteilt – wie das in Berlin angeblich draghiesk hieß, „whatever it takes“, Hohe Energieeinspeisungstarife für die einen und Befreiung für die anderen. Ein Kohleausstieg, juristisch so fragwürdig wie der Atomausstieg mit seinem Minuserfolg bei der Brennelementesteuer. Oder der Versuch einer einheitlichen Bildung im Land, die kaum eine allgemeine Angleichung an den bayerischen Goldstandard nach sich ziehen wird. Oder die Abschaffung des Ehegattensplittings, die bindungsunfähige Feministinnen fordern, und die der SPD wegen jener Steuereinnahmen gefällt, die dann freihändig an Sprachpolizisten verteilt werden.

Auch so kann man in einer nicht mehr uniformen, sich auseinander entwickelnden Gesellschaft Kompromisse machen. Es sind leider nur Kompromisse, die mit dem Geld der Steuerzahler verschwenderisch umgehen und die Frage aufwerfen, wo da eigentlich noch das Volk bleibt, von dem eigentlich alle Macht ausgehen sollte. Sicher, das Volk ist ein anderes als unter Adenauer oder Schmidt oder Kohl, es lässt sich nicht mehr so leicht unter einen Hut bringen. Nicht umsonst sitzen heute sieben Parteien im Bundestag, die versuchen, für ihre Anhänger und Lobbygruppen das Beste herauszuschinden. Vermutlich findet man Anhänger aller Parteien auch im Biergarten, aber hier gelingt es, allen einen Platz und ein gutes Essen zu geben, weil man sich am Gemeinsamen orientiert und es erkennbar gut mit ihnen meint. Man könnte auch noch eine Champagnerlounge für EU-Steuerbetrüger und Apotheker einbauen, Retro-DDR-Wochen veranstalten, einen Veggie-Day einführen, und einen Tag moralisch korrektes Ökohungern mit Klimakatastrophensimulation feiern, sowie einer Zwangsabgabe für Vögel, Bienen, Schmetterlinge, EU-Banken, Ex-Stasis, Frauenquoten und inklusive Gesamtschulen auf den Preis erheben, und den Parkplatz für alle Dieselbesitzer sperren – und das alles mit der “ungeheuerlichen, von anderen angerührten Kacke” erklären. Das wäre dann ein ungeheuerlicher Groko-Biergarten, in dem sich jede mögliche Regierungspartei irgendwo wiederfindet. Ich glaube aber, dass es gute Gründe gibt, das nicht zu tun, denn die normalen Gäste würden wegen dieser Kompromisse auf ihre Kosten davonlaufen.

Besser wäre es, sich wieder zu überlegen, wie man Kompromisse für das Volk macht, direkt und ohne Umwege über kassierende Lobbyisten, Verwaltungschaos, überzogene Ideale, Weltfiedensbemühungen und ausserstaatliche Strukturen. Kompromisse, die das Volk versteht, und die ihm den Eindruck vermitteln, es ginge erst einmal um die Menschen, wie das auch im Biergarten ist. Danach akzeptiert man auch gern den ein oder anderen Kompromiss. Wir sind ja nicht so, wenn wir gespeist und anderen in den Büros Bilder vom guten Leben geschickt haben.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Das schwarz-grüne Angebot, das man ablehnen kann

Male parta male dilabuntur

Sehen Sie, es gibt zwei Arten von Journalisten auf dieser Welt:: Die einen haben solche gute Ideen für Politiker, die sie auf Wohnungssuche schicken wollen, und die anderen können sich das Schreiben leisten. Ich kann es mir leisten, und ich denke deshalb gar nicht so weit wie diese Kollegin, der das Bewinken der Untertanen von einem Balkon aus als Qualifikation nicht ausreicht. Die Vorstellung. Politiker auf erschwerte Wohnungssuche zu schicken, mag reizvoll sein, wenn man dieses Schicksal selbst erleidet. Aber wie so oft denkt man in Berlin nicht an die unmenschlichen Folgen für die Bessergestellten: Das Mietsuche-Praktikum würde Vermietern wie mir die Bürde auflasten, sich mit Politikern herumzuschlagen, die es gar nicht ernst meinen. Solche Politiker erlebe ich ohnehin schon zu oft, eigentlich immer sogar, und ich will sie ehrlich gesagt nicht auf meinem Sofa. Oder auf dem Flur. Oder im Haus.

Denn hier ist es gerade so, dass das Haus im 417. Jahr seiner letzten Bauphase in eine Situation kommt, die wieder etwas mehr Aufmerksamkeit erfordert. Da kann ich keinen Stress brauchen. Nach über 100 Jahren hat sich die Hauptwasserleistung in Krümel aus Kalk und Rost verwandelt, Böden mussten aufgerissen und Wände geschlitzt werden, und bei all den Umständen und anderen Entwicklungen hat es sich nun ergeben, dass dort, wo das Malheur zugeschlagen hat, zum ersten Mal seit 1960 ein Leerstand zu verzeichnen ist. So ist es nun mal mit dem Vermieten, nichts währt ewig, und man kann es sich vorstellen: Nachdem diese Räume immer benutzt, aber aufgrund des Geschäftsbetriebs nie restauriert wurden, steht nun erst mal eine Phase der sanften Erneuerung an. Dachte ich, als ich die Scheiben zur Strasse hin verklebte. Aber dann kam die schwarz-grüne Koalition zu mir.

Die schwarz-grüne Koalition hat sich nicht vorgestellt oder gar angekündigt. Sie sieht auch nicht wie Frau Merkel oder Frau Göring-Eckardt aus. Die schwarz-grüne Koalition, oder besser, der Vertreter ihrer Politik, der da vehement an das Fenster klopfte, das ich abklebte, ist etwa 1,70 gross, männlich, stämmig, hat dichtes, rabenschwarzes Haar mit einem nicht übertönten Graustich, und trägt weder einen bunten Hosenanzug noch ein pinkfarbenes Wickelkleid. Statt dessen Turnschuhe, Jogginghose, eine dem Alter deutlich über 50 Jahren nicht angemessene Lederjacke, und ein für den Vorwinter zu weit geöffnetes Hemd. Dass er beim Abkleben wegen der grün-schwarzen Koalition kam, die damals noch von der FDP bereichert wurde, konnte ich nicht wissen: Vielleicht, dachte ich, will er etwas über den Vormieter wissen, vielleicht ist es Kundschaft, oder er soll noch etwas holen, wer weiss. Und so sperrte ich auf und fragte ihn nach seinem Begehr. Es sei so, erklärte er, dass er auf seinem Weg durch die Stadt schon gesehen hätte, dass hier etwas frei werde. Und da habe er einen interessanten Vorschlag für mich, sofern ich ihn einmal das Objekt schnell anschauen ließe – wie viele Quadratmeter seien das? Deutlich über 100? So etwas in der Art wohl – also, die könnte er gut brauchen. Allerdings nicht als Laden.

Sondern, und da begriff ich erst, dass hier die gut verkleidete schwarz-grüne Koalition vor mir stand, als Wohnmöglichkeit. Er würde mir pauschal im Monat einen recht hohen Betrag geben, wenn er alles haben könnte. Er würde das alles restaurieren, ich müsste mich um überhaupt nichts kümmern, er würde Sanitäranlagen einbauen, eine Kochgelegenheit und Trennwände, und weil das nach vorne offen sei, würde man im Haus auch gar nichts mitbekommen. Ich wüsste doch sicher auch, sagte die schwarz-grüne Koalition, wie schwierig es sei, hier in der Stadt Wohnungen zu finden, und da würde er eben gern das anbieten, was jeder zumindest braucht: Einen Platz zum schlafen und leben. Womit die schwarz-grüne Koalition natürlich im Kern recht hat.

Denn diese Stadt ist wegen der Migration übervoll. Wir haben hier Bildungszuwanderer, die an den Hochschulen studieren, wir haben hier innerdeutsche Wirtschaftsflüchtlinge, die beim Autokonzern arbeiten wollen, wir haben sagenhaft hässliche Neubaugebiete in den Dörfern entlang meiner Radstrecke, um die Not zu lindern, und etliche Containerdörfer und eine komplette Kaserne vor der Stadt wegen der ungelösten Folgen der Migration von 2015 bis heute. Wir schaffen das, aber eben nur so weit, dass wir sie in Containern und Kasernen belassen, weil es in der Stadt einfach zu wenig Wohnraum gibt – sogar für die alten Einheimischen. Auf den Dörfern vor der Stadt ist es kaum billiger als in den Dörfern rund um München.

Wer eine Wohnung hat, der hat sie, und wer keine hat, der kann sich ein Business-Apartment mit 20m² an einer Ausfallstrasse für 140.000€ kaufen. Ich schreibe seit 2007 darüber, dass mit der Finanzkrise die Immobilie wieder schwer im Kommen ist, aber viele behaupteten, das stimme angesichts der schwindenden Bevölkerungszahlen nicht. Jetzt haben wir zum Misstrauen in das Geld und Aktien noch einen Geburtenboom, eine massive EU-Migration wegen der Wirtschaftskrisen, und eine irreversible Migration der offenen Grenzen von minimal 200.000 mit einem atmenden Deckel pro Jahr. Dazu kommen Hunderttausende, die hier ohne Aufenthaltsberechtigung leben, Leute, die einfach untertauchen und Grenzen, die so offen sind, dass ein Nigerianer zum Niederstechen seiner Ex-Freundin aus Italien anreisen kann. Und dazu kommt wegen solcher Geschichten sehr wenig Bereitschaft, im Sinne der Willkommenskultur privat zu vermieten. Deutschland hat zwar den Reichtum und das Sozialsystem, das die Migration durch viele Länder interessant macht, aber in den reichen, urbanen Zentren, die bei der Migration angesteuert werden, einfach nicht den nötigen Platz zur Unterbringung.

Es sei denn, man nimmt es den einen weg, zerteilt es in kleine Schnipsel und gibt die den anderen. Ich habe mich im Internet umgeschaut – für eine solche Schlafgelegenheit, die dem Mindestansprüchen gerade so genügt, zahlt man ab 350€ pro Monat. Schlau wie ich war, habe ich die schwarz-grüne Koalition dann nicht durch die Räumlichkeiten geführt, denn weitere Zimmer hätten sicher weitere Begehrlichkeiten geweckt. Jedenfalls wären die Kosten für den Umbau bei so einer Belegung nach 2 Monaten wieder eingenommen, und von da an muss man als Mittelsmann eigentlich nur noch kassieren. Es könnte so einfach sein, wenn die schwarz-grüne Koalition jemand fände, der zusammen mit ihrem Vertreter mitmachen will.

Sehen Sie, die Vertreter der migrationsfreundlichen Parteien haben gern ein Beispiel gebracht: Deutschland sei wie eine Kneipe, in der schon 80 Leute sind, und dann kommt halt noch einer dazu. Die Realität ist allerdings in den Städten ganz anders, 10 von den 80 leben wirklich gut, 30 leben vertretbar, die restlichen 40 streiten sich um 30 Wohnungen, und dazu kommen 2 mit der EU-Migration und 2 Flüchtlinge, und absehbar, dank schwarz-grüner Koalition, noch der Familiennachzug. Das wird dann für die unteren 40 noch enger. Wie eng, davon hatte die schwarz-grüne Koalition in Form ihres Ermöglichers bei mir eine sehr gnadenlose und konkrete Vorstellung. Und auch davon, was ihm diese Hilfsleistung bringen würde. Niemand hat nachprüfbare Zahlen, wie viele Menschen beim Nachzug noch kommen würden, aber er weiss jetzt schon genau, wie viel er damit verdienen kann.

Damit steht er besser da als die Lehrer, die Sozialämter, die Kindergärten und die anderen Wohnungssuchenden, die ebenfalls Lösungen für die Folgen der Migration brauchen. Würde ich zusagen, ahnte ich zwar kaum, wer da wie lange im Haus lebt, aber fraglos würde sich für die Betreffenden die Lage verbessern. Ich weiss nicht, ob diejenigen, die gern Politiker auf Wohnungssuche schicken würden, angetan wären, wenn alle Vermieter zu ihnen sagten: Bedaure, die schwarz-grüne Koalition hat uns ein deutlich besseres Angebot gemacht, da kannst du nicht mithalten, dein Raum ist gut genug für vier von ihnen. Vermutlich würde sich die Begeisterung darob in Grenzen halten, während über die deutschen Grenzen hinweg die Nachricht ginge: “Wohnraum gefunden. Na also – geht doch! Die Deutschen halten ihr Versprechen.” Gebe 20 den Raum, gebe 200 den Wunsch, das auch zu bekommen.

In einer Art Merkelaffekt hätte ich natürlich jetzt auf den Gedanken kommen können, des Profits und guten Moral wegen – liebt nicht jeder solche Herbergsgeschichten zu Weihnachten? Ist es nicht wieder Zeit? Könnte man die Geschichte nicht an Bento.de verkaufen? – die Grenzen zu öffnen. Aber wie es es nun mal so ist: Ich habe höflich, aber bestimmt mitgeteilt, dass ich das erstens nicht zu entscheiden habe und zweitens die Pläne schon ganz andere sind. Leider. Es würde sicher auch mit dem Denkmalschutz nicht gehen, das Gemäuer hier unten ist noch aus der ersten Bauphase von 1300, das würde nie genehmigt werden. Natürlich könnte mir die schwarz-grüne Koalition ihre Nummer aufschreiben, aber wirklich, ich könnte da keine Hoffnung machen. Tatsächlich gibt es Pläne, was hier zu machen ist, und das unterscheidet dieses Haus mitsamt Kostenaufstellung und Zeitplan deutlich von dem, was bei der Migration einfach so laufen gelassen wird, ohne Rücksicht auf die Folgen und in Erwartung, dass der Markt es schon irgendwie mit dem Einziehen von Rigipswänden im Denkmalschutzbau lösen würde. Hauptsache, die Menschenrechte von Menschen, die noch nicht hier sind, werden über alles andere gestellt. In Berlin winken sie vielleicht bald wieder vom Balkon, ihr Zuarbeiter winkte mir, als er ging.

Es gibt eben zwei Arten von Menschen auf dieser Welt, die einen überlegen vorher, was sie tun, und die anderen überlegen nachher, wie sie die Folgen den anderen aufhalsen. Beides kann sehr wohl bürgerlich sein, da habe ich überhaupt keine Zweifel, und wichtig ist mir eigentlich nur, dass das Haus nach Merkel-Eckardt nicht wie der Prenzlauer Berg nach Honecker aussieht.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Der identitäre Reichsbürgereintopf für weltoffene Städter

Brava, cosa rara!
Don Giovanni

Wer historisch überleben will, und das nicht nur mit der nackten Haut, sondern angenehm und privilegiert, kommt nicht umhin, sich zu überlegen: Was ist historisch betrachtet variabel und volatil, was ist beständig, und wie bleibe ich auf sicherem Boden, der mich trägt? Manche glauben, die Nation sei so ein verlässlicher Orientierungsrahmen, aber wie man in der UdSSR, Spanien oder Schottland sieht, muss das nicht sein. Schuld am möglichen Auseinanderbrechen in Deutschland sind nicht Separatisten, die bei uns von einem starken Südstaat und einer abhängigen, unterentwickelten Nordkolonie vom Main bis an die Überflutungsregionen der Nordsee träumen, sondern schon heute die unterschiedliche Handhabung des angeblichen Rechtsstaates, vor dem alle ungleich sind. Denn in Berlin können Sie mit 15 Gramm Gras wieder straffrei durch den Görlitzer Park ziehen und dergleichen als zugewanderter Händler auch anbieten. Bei uns in Bayern dagegen können Sie als Zuwanderer eine Hausdurchsuchung erleben, bei der überhaupt keine Drogen gefunden werden, und trotzdem wird zwischen den grünen Wiesen überlegt, wie man den vorab schon ausgestellten Haftbefehl gegen Sie nicht doch umsetzt.

Ein Land, ein Rechtssystem, zwei Auslegungen, und vermutlich bald acht Fernbustickets von Traunstein nach Berlin, wenn die Betroffenen schlau sind: Dafür ist Traunstein auch ein reizendes Örtchen im Chiemgau und so sauber, wie Berlin dreckig ist. Das eine einige Deutschland Vaterland, das gibt es nicht – und ich würde in der historischen Betrachtung nicht darauf wetten wollen, dass der Staat oder die EU in 50 Jahren noch da sind. Manche wünschen sich ein Deutschland wie in Berlin, andere hätten gern eines wie in Traunstein, die einen leben mit hoher Sozialhilfequote und die anderen mit Vollbeschäftigung, die einen wollen Staaten abschaffen und die anderen ihre Identität behalten, die einen reden über das, was der Deutschlandfunk willkommenskulturell fordert, die anderen haben Radio Alpenwelle fest im Autoradio eingestellt. Die einen sieht man in den Medien, die anderen sind schon immer da. Die Nation bröselt zwischen diesen Polen vor sich hin, weil niemand Interesse hat, da noch das Gemeinsame zu finden. Ich würde mich also rein aus Eigeninteresse nicht auf die marode Bestandsnation als Garant für gehobene Lebensansprüche verlassen.

Was jedoch immer Bestand hatte, war die Trennung der Gesellschaft in Eliten und Benachteiligte, und durch alle Zeiten kann man festhalten, dass es sich bei den obersten 10% gut gelebt hat. Auf einen Don Giovanni kamen ein Leporello, drei Masettos und fünf Zerlinas, weshalb man meines Erachtens auch Verständnis haben muss, wenn Don Giovanni hin und wieder – da’s ihm gleich ist, ob sie bleich ist, ob sie bettelt, oder reich ist, nimmt er Weiber jeder Art und Sorte – klassenübergreifend bereit war, anderen ein Bankett zu bereiten: Auf zu dem Feste, froh soll es werden, singt Don Giovanni, und dass alle wild durcheinander tanzen sollen. Denn so eine Zerlina und so ein Masetto, die hatten früher wenig zu lachen, die Winter waren ohne Klimaerwärmung kalt, und die Ernährung der Gente Plebea gestaltete auch eher eintönig. Ich weiss das, nicht aus der eigenen Familie, aber weil ich zu viel Besteck habe, um es noch in Schubladen unterzubringen: Das Tafelsilber für den täglichen Gebrauch liegt bei mir in einer Schüssel aus Südtirol.

Die Schüssel ist ein Geschenk meiner Grosstante, deren Küche sie lange Jahre zierte. Wie es in ihrer Zeit eben so üblich war, reiste man im Sommer in die Berge, und sobald man sich ein Motorrad oder ein Auto leisten konnte, auch über die Berge, nach Südtirol, wo es schöner und wärmer ist. Ganz Deutschland reiste damals entweder nach Rimini oder nach Meran, und nahm mit kleinen Kammern in Pensionen vorlieb, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann: Ohne WLAN und fliessendes Wasser. Ich kenne das übrigens noch aus meiner eigenen Kindheit, und es hat mir nicht geschadet, ganz im Gegenteil, ich mochte das. Damals jedoch, als die Schüssel in den Besitz meiner Grosstante gelangte, war das Fehlen des Komforts noch obligatorisch: Wer wandern wollte, gab sich mit dem schönen Wetter zufrieden, und achtete ansonsten nicht sehr auf die Gebräuche des gutbürgerlichen Alltags daheim.

Jedenfalls, meine Tante wohnte damals im Sarntal zwischen Sterzing und Bozen, recht weit oben, in einem abgelegenen Bauernhof, und fand dortselbst Gefallen an der Schüssel, die in der Küche aufbewahrt wurde. Wie das eben so ist, mut gebrauchten Schüsseln: Man benutzt sie erst auf dem Tisch und dann,. wenn sie nicht mehr brauchbar sind, zur Speisenbereitung. Diese Schüssel jedenfalls ist gross, fasst gut und gern zwei, drei Liter Inhalt, und war früher das gute Stück der Tiroler Familie, das auf den Tisch gestellt wurde. Da kam der zusammengekochte Brei hinein, und dann löffelte jeder mit seinem individuellen Löffel heraus, was er erhaschen konnte. Die Gier und der Hunger jedenfalls waren so gross, dass die gesamte Glasur im Bodenbereich abgekratzt und angeschabt ist, und der nackte Ton hervorschaut. So gross war früher der Hunger dort oben im Sarntal, dass man lieber Lasur wegkratzte, als Essensreste in der Schüssel zu lassen.

Es war nicht alles gut in der alten Zeit, wenn man nicht bei den guten Leuten lebte, und als meine Grosstante die Schüssel sah, war das Schlimmste schon vorbei. In Deutschland konnten sich schon normale Menschen, Stück für Stück, jene Porzellanservice mit Goldrand leisten, die momentan gnadenlos aussortiert werden, weil man sie nicht in die Spülmaschine stecken kann. Schüsseln auf dem Tisch gerieten aus der Mode, statt dessen kamen kleine Suppentassen auf, die nachzufüllen waren, so gering war ihr Inhalt, und so schnell änderten sich die Essgewohnheiten mit dem Wirtschaftswunder. Auch in Südtirol hielt das Massenporzellan seinen Einzug, und die alte Irdenware wurde in die Küche verbannt. Die Zeiten waren so weit, dass meine Grosstante um die alte Schüssel bitten konnte, und sie auch erhielt. Solche Schüsseln werden heute noch eher als Küchenzier für Touristen produziert, aber ich, Kind Bayerns, habe damit auch noch das Kochen gelernt: Deshalb habe ich so viele alte Tonschüsseln in meinen Küchen. Weil sie von der Tomatensuppe über die Kürbistarte bis zum gefüllten Omelett wirklich praktisch bei der Zubereitung sind. Gegessen wird natürlich von Porzellantellern aus dem Wirtschaftswunderbestand von 1880 oder 1960. Und mit Messern Löffeln, Vorlegegabeln, Käsemessern und Gabeln in diversen Grössen, die in der alten Südtiroler Schüssel liegen.

Und fast immer denke ich an meine Grosstante, die darin das Besondere erkannte, und an den Hunger und die Armut der Menschen, die sie zwangen, den Boden abzukratzen. Ich bin Atheist, ich bete nicht, aber ich bin dankbar, so weit oben in der globalen Entwicklung zu stehen, dass ich mein Essen und die Tafelfreuden selbst bestimmen kann. Das ist ein enormer Luxus, den wir da im Vergleich zu unseren Vorfahren haben, und gemeinhin sollte man denken, dass alle sich der Erkenntnis anschliessen und den uns zur Verfügung stehenden Überfluss an Nahrung, Besteck, Tischtüchern, Servietten, Porzellan und Bleikristall zu schätzen wissen. Irgendwelche unserer Vorfahren haben irgendwann auch mal so eine Schüssel voll mit Brei gemeinschaftlich mit dem Löffel in der Faust, die orale Futteröffnung nah an dem dampfenden Mahl, mit Inbrunst und Fressneid geleert, und hätten sich über ihre spätesten Nachfahren gewundert, die das Muranoglas von der Hochzeitsreise der früheren Nachfahren auf den Flohmarkt tragen.

Wir sind weit gekommen. Nebenbei, weil wir hier gerade so ein Muranoschüsselchen sehen. Kennen Sie Bowls?

Das ist jetzt der Trend unter jenen, die vom Hab und Gut ihrer Vorfahren nichts mehr wissen wollen. Junge, urbane Eliten lassen sich im Restaurant Schüsseln hinstellen, mit allerlei, das gesund ist und in die grosse Gattung der Breispeisen gehört, und löffeln das dann aus. Es ist noch nicht völlig zusammen gekocht, wie man das früher machte, sondern nur so halb, wie man das früher machte, wenn einem im langen Germanenwinter das Brennholz ausgegangen ist. Dazu kommen sog. “Dips”, die auch wieder eine Art Brei sind. Gerne werden historische Getreidesorten verwendet, aber niemals etwas mit Weizen. Gesalzen wird vorsichtig, und Zucker gibt es so wenig wie in jenen Zeiten, da man dieses weisse Gold noch in Silberdosen wegsperrte. Bowls sind gesund, höre ich, und umweltverträglich, nehme ich an, denn ein Löffel spült sich leichter ab als ein ganzes Bestecksystem für drei Gänge. In der Küche stehen Leute, die genau wissen, was man in einen Menschen tun muss, dass er die Tage in der Stadt so überlebt, wie der Bergbauer früher den Winter: Modisch abgehungert und fettarm und einer Lebenserwartung, von der ich als Historiker weiss, dass sie Alzheimerausbreitung durch Frühabsterben keine Chance geben wird. Selten ein Schaden, wo kein Nutzen dabei ist, sagte meine Grossmutter immer.

Was haben wir noch gelacht, als wir früher die Rechten verspotteten: Deutsche, esst deutsche Bananen! Niemals hätten wir gedacht, dass die neuen Linken uns später einen fast echt arischen, antiallergenen, laktose- und glutenfreien Urkornbrei empfehlen würden. Wir kommen aus Epochen, die von unserem Luxus nur träumen könnten, und dann sitzen junge Menschen in überteuerten Schnellrestaurants und schicken sich per Instagram Bilder von Schüsseln, Löffeln und Breisorten, denen ihre Urgrosseltern glücklich entgangen sind. Ich weiss, Bowl-Esser fühlen sich als die Spitze der Entwicklung der aufgeklärten Gesellschaft, aber eigentlich würde ich so einen Rückfall zum Brei in Schüsseln eher bei der deutschidentitären Bewegung auf Thüringer Rittergütern erwarten. Der Reichsbürger träumt davon, dass er in seinem Bunker so etwas aus seinen Notrationen löffelt, während draußen der Endbürgerkrieg tobt. Auf der langen und rückschlagsreichen Entwicklungsleiste von der Erbsensuppe in der Armee seiner Majestät/Reichswehr/Wehrmacht/Bundeswehr und den jeweiligen Näpfen bis zu Baccarattellern für mit Gesellschaftsfinger angepiekste Salatbeilagen ist die Bowl jedenfalls näher an Schützengräben und Baracken, denn an Villen und Schlössern. Der Vergleich mit der Südtiroler Bauernschüssel ist da noch schmeichelhaft. Ich habe mir das letzte Woche in München angeschaut, die Entwicklung des Menschen geht da nicht zum Höheren, sondern zur Gleichzeitigkeit von Napfleerung und Handy-Whatsapp-Füllung. Das geht nur mit einem Löffel und einer Schüsel, bei der mittels Schwerkraft das Essen aufgeschaufelt und walhalla-style in Mund gestopft werden kann.

Stetig muss sich unsereins überlegen, wie wir an der Spitze bleiben und den sozialen Abstand erfolgreich bewahren, bis wir einer Zerlina vorsingen können, sie solle auf das Schloss mit einem kommen, sie könnte nicht widerstehen, es sei nicht weit von hier. Die Harvey Weinsteins häufen dazu Macht und Geld an, aber es scheint mir, als sei das vielleicht gar nicht zwingend nötig: so, wie sich der Nachwuchs heute auch bar aller Ambitionen mit Business-Appartments zufrieden gibt, für die Ikea dann ein komplettes Möbelstystem liefert – genauso hat er das mit Messer und Gabel und Gängen und Konversation am Tisch erlebt, und als unpassend empfunden. Nun fällt er zurück in den oralen Tiefflug über der Schüssel mit dem Löffel zu des Grossvaters Weltensbrandbohne, und wie seinem Ahnherrn unter dem urgermanischen Reetdach gereicht ihm das auch zur Zufriedenheit. Er dankt vorher nicht mehr Gott – oder Odin? – für das Brot, aber vielleicht gibt er dem serbischen Essensausfahrer 50 Cent Trinkgeld. Schnell muss es gehen, praktisch muss es sein, und es ist ganz anders als alles, das ich in der guten Kinderstube gelernt habe. Es ist fraglos diese Diversity, von der man momentan so viel hört.

Und es ist gar nicht so schlecht, wie man meinen sollte, denn es entbindet unsereins vom erbitterten Zwang – keine Ruh bei Tag und Nacht, nichts mehr was mir Freude macht – mit den anderen nach vorne in eine bessere Zukunft zu marschieren, die uns dann gleicher macht., als es den gerne Ungleichen gefallen könnte. Ich schreite in meine Zukunft voran, ohne an den Tischsitten zu rütteln, die anderen werfen das alles weg und loben die Schüssel, in der alles zusammen gekippt wird. Rafinesse und Kapriziertheiten für die einen, Schüsseln und Näpfe für die anderen – wenn wir uns alle einig sind, dann steht einer guten Zukunft in einer Region bei einvernehmlicher Teilung der Klassen eigentlich nichts mehr in jenen Wegen, die sich fürderhin überscheidungsfrei trennen werden.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.