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Feed Title: Stützen der Gesellschaft (last 5 items)

Die Schuld der 68er an der Kopftuchinvasion

Auch wenn man gut konsumiert, kann man dahinvegetieren.
Rudi Dutschke

Monte Carlo, St. Moritz, der Tegernsee – Sehnsuchtsorte verkaufen sich am besten, wenn sie an manchen Ecken so aussehen, dass Besucher und Bewohner mitunter innehalten, schauen, und sich sagen: Also wirklich, wie vor 50 Jahren, nichts hat sich verändert. Es könnte tatsächlich ein blauer Sportwagen mit Grace Kelly um die Ecke kommen, es könnte wirklich Aristoteles Onassis in einer Lobby sitzen, und bei uns am See würde es keinen wundern, säße da drüben auf dem Schiff Gunter Sachs mit Brigitte Bardot, ein Teil der Flick-Sippe, oder, noch wahrscheinlicher, einer der vielen Altnazis, die es 1967 in Mengen am See gab, und die auch wirklich Nazis waren, und nicht nur Leute, die den Thesen der Antideutschen und Genderaktivistinnen in den Hamburger Medien nicht vollumfänglich zustimmen.

Aber auch, wenn es noch genau so erscheint und die alten Schiffe vor der immer gleichen Bergwelt über das klare, blaune Wasser gleiten: Es ist nicht mehr 1967. Mag das Holz an Deck noch sauber geschrubbt sein, so hat sich doch viel verändert, und wo es früher obligatorisch war, einen Hut zu tragen, sieht man heute mehr und mehr Kopftücher. Das war ein schleichender Prozess, aber wenn man heute in einen Biergarten geht, sieht man das oft. Kaum wird das Wetter schön, kommen hier Fremde und tragen Kopftücher, wie es der Prophet befahl. Besonders die Alten machen das. Man sollte denken, dass es nach 1967 auch 1968 gab und überall die Menschen begriffen haben, wie sinnlos es ist, Propheten nachzueifern. Aber die tragen nun mal Kopftücher. Alte, weisse Männer mit Kopftüchern, die dem Radsportidol Marco Pantani nacheifern. Pantani hatte eine Glatze und trug ein Kopftuch, und alte, weisse, haarlose Männer, die hierher radeln, folgen ihm und tragen ebenfalls ein Kopftuch auf ihren Glatzen über den Altersflecken. Sonnenbrillen und Lycrahemden. 1967 hätte man so in kein Restaurant gehen können. Heute ist es üblich.

Und am Montag war es hier brechend voll mit Rentnern, allesamt bestens gelaunt, gesund und spendierfreudig. Die einen friedhofsblond, die anderen mit Kopftüchern, alle ziemlich fit, und Krücken trug nur ein junger Vater, dem sein Gebrechen vermutlich den Fluch der Arbeit ersparte, der in jenen sonnigen Stunden die meisten unserer Altersgenossen traf. Diese Leute hier werden nicht ohne Grund von Links und Rechts in die Zange genommen. Für Linke sind es teure, alte, weisse Menschen, fast so alt wie die meisten bekannten Vertreter der Grünen, die vermutlich das Falsche wählen, keine Rücksicht auf die Jugend nehmen und jetzt noch von einem Rentensystem profitieren, das für kommende Generationen nur Plackerei bis 70 mit folgender Altersarmut verspricht. Vermutlich haben sie recht. Und für die Rechten, die auch recht haben, sitzen hier die Alt-68er nach ihrem langen Marsch durch die Institutionen, die sie für sich geplündert haben und eine Welt erschufen, in der es erst möglich wurde, dass ein Zensurminister mit einer ´Schauspielerin durchbrennen kann, ohne aus dem Amt gejagt zu werden, eine Ex-Stasi-IM über Meinungsfreiheit befinden darf, und die Kanzlerin die Kontrolle über die Grenzen aufgibt.

Tatsächlich herrschte 1967 noch ein erheblich anderer Geist in diesem Lande, und obendrein der Kalte Krieg und der Eiserne Vorhang. Vor diesem Hintergrund war es natürlich leicht, eine Kommune zu gründen, deren Filmmaterial von modernen Pr0neauxseiten abgelehnt werden würde. Es war verführerisch, Ho-Ho-Ho Chi Minh zu beschwören und zu wissen, dass Schulen trotzdem dringend Lehrer brauchten. Wer hätte ahnen können, dass freundliche Herren wie Camus und Sartre eine spätere Ikone der schmollenden weiblichen Laune einschleppten. Die Zeiten waren so kohlrabenschwarz und rechtsdoktrinär, dass alles dagegen mitmarschieren durfte, was wollte, von der RAF-Anhängerschaft über Pädophile, Stalinisten und Maoverehrer bis zu Waldschraten, deren Nachfolger gerade um die 5%-Hürde kämpfen. Die meisten waren aber vermutlich eher wie der junge B..

Der junge B. ist inzwischen auch ein steinalter Mann, aber damals war er noch kommender Erbe eines Sattlergeschäfts, Student und der Meinung, man müsste in unserer sehr kleinen, sehr dummen Heimatstadt an der Donau auch einmal die Strukturen aufbrechen. Deshalb lud er seine Freunde ein, und fuhr mit dem geliehenen Porsche Cabrio seines Vaters, voll besetzt mit Maobibelschwenkern und Demonstranten hinter sich, die Strassen auf und ab. Das hat seinem Ruf damals schwer geschadet und alle haben es seinem Vater hineingedrückt. Heute ist der junge B. auch der alte B., und seine Firma stellt hier die Zelte für das 501. Jubiläum des Reinheitsgebotes auf. Demonstrieren war gefahrlos: Der Osten würde schon nicht kommen und einem den Porsche nehmen, und die unterdrückten Völker sollten zwar vom Joch des Kapitalismus befreit werden, dann aber Afrika und Asien als Leuchttürme des neues, sozialistischen Menschen entwickeln, zu denen der dekadente Mensch des Westens aufschaut. Heute spielt der B. eine wichtige Rolle bei den regionalen freien Wählern – das sind die, die Flüchtlinge vor das Kanzleramt fahren. Nicht im Porsche und nicht mit Maobibeln.

Die breite Mehrheit wollte aber keine Revolution, sondern einfach modernes, demokratisches und gleichberechtigtes Leben im Wohlstand, dazu ein Haus, einen Garten, zwei Kinder, und zwei Autos, vier Wochen Urlaub in Italien, ohne Krieg und Napalm und Nachrüstung. Man wollte die repressive Ära Adenauer nicht mehr. Man wollte die uniformierte Gesellschaft auflösen Wenn man heute in Lycra und Kopftuch im Biergarten sitzt und auf den Sprizz wartet, ist das Veränderung, die gefällt, in einem Klosterbrauereikontext, der gern so bleiben kann. Was man aber 1968 ganz sicher nicht wollte, sind Leute, die mit gebrochenem Deutsch der Polizei erzählen, wo sie einen tödlich verletzten Rentner findet. Man ging nicht auf die Strasse für die Zuwanderung eines Messerstechers, und auch nicht für einen psychisch labilen Migranten aus Afghanistan, der versucht, sich im Amri-Stil Autos anzueignen und dabei Menschen verletzt. Für solche Erscheinungen demonstrieren 30 Kilometer nördlich die Nachfahren der Waldschrate am Flughafen, weil das Abschiebeland Afghanistan nicht sicher ist. In den Augen der Alt-68er hier ist es vielmehr so, dass sich die Sicherheitslage für alte Menschen der Lage in Afghanistan drastisch annähert. Und daran ändern auch die Tricks der regierungsnahen Medien nichts, die die abnorm gestiegene Gewaltkriminalität durch Zuwanderung relativieren wollen.

Tatsächlich haben die 68er das Land nachhaltig und unumkehrbar verändert – nicht einmal die AfD will zurück zum gesellschaftlichen Klima unter Adenauer, in dem der krawattenlose Gauland sozial geächtet wäre, von den feministischen Vorreiterinnen der Partei ganz abgesehen. Aber die 68er, die mit Kopftuch und restauriertem Porsche Cabrio hier sitzen, sind mittlerweile so etabliert, dass sie gefahrlos die Sehnsuchtsorte ihrer Väter wieder für sich entdecken können. Niemand macht hier ein Streikplenum, niemand wirft Steine ins Idyll, und nachher sind sie alle am See und lassen sich auf dem Boot zwischen den Villen der echten, alten, lange toten Nazis über das Wasser fahren. Nächstes Jahr ist 1968 50 Jahre her. Es gibt keine Traditionslinie von der damaligen Ablehnung der Religion hin zum Verständnis für wahhabitischen und schiitischen Islam, die genau jene Repression leben, die damals gesprengt wurden. Es gab nur damals schon laute Provokateure, und es gibt sie heute mit van der Bellen und seiner Kopftuchaufforderung und dem feigen Verstecken hinter Juden wieder. Aus 68 heraus mutierten später grüne Kirchenvertreter, die sich freuen, weil es Menschen geschenkt gibt, und das Land religiöser wird. 1968 positionierte sich die SPD gegen die Macht der Kirchen, heute lehnt der SPD-Kanzlerkandidat Kirchenaustritte als Zeichen der politischen Opposition ab.

Es hat sich viel getan, in diesen letzten 50 Jahren. 68 ist nicht tot, es ist nur damit beschäftigt, einbruchssichere Fenster zu kaufen und darauf hinzuwirken, dass die Enkel auf eine Schule mit minimaler Migrantenquote kommen. 68 hat verstanden, dass es als Feindbild herhalten muss, aber noch sitzt es mit Piratenkopftuch im Biergarten, und die anderen müssen arbeiten. 68 weiss, was es wollte, was es sich später anders überlegt hat, und was es jetzt auf gar keinen Fall haben will. 68 findet den niedrigen Benzinpreis gut, weil 68 grosse Motoren hat, aber auch, weil die Saudis dadurch weniger verdienen und daher merklich weniger Clans in die Kliniken am See schicken, was die Zahl der anderen Kopftücher ebenso reduziert wie die Zahl der Mietwagenraser. Öffentlich sagt 68, dass es ihm egal sein kann, denn in diesem Alter ist die Entwicklung nur noch für die Nachfolgenden schlimm. Aber die Grünen kann 68 leider wirklich nicht mehr wählen. 68 ist immer schuld. Da kommt es auf einmal mehr auch nicht mehr an. Vielleicht hat 68 schon zu viele Dummheiten mitgemacht, um erneut Fehler zu begehen.

Grace Kelly, Aristoteles Onassis und Gunter Sachs sind schon länger tot, aber die frühere Gemahlin von Sachs Brigitte Bardot lebt noch, und verbindet ihr Anliegen für den Tierschutz mit einer Affinität zu Le Pens Front National. Wahrscheinlich erinnert sich 68 noch an die Bilder der jungen BB und denkt sich, dass sie eben noch eine richtige Frau war. Alle werden älter, aber der See bleibt, wie er ist, und wird auch dann noch Freunde finden, wenn die neuen Revolutionen und Veränderungen längst gescheiterte Fehleinschätzungen sind.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Lebenslanges Lernen als lebenslange Knechtschaft

People have a nasty habit of getting dead around you.
Lieutenant Donnelly

Das Wort “lebenslang” hat nicht immer einen guten Beigeschmack: Lebenslang kann man im Gefängnis sitzen, lebenslang hat man es mit unerquicklichen schwarzen Familienschafen wie mir zu tun, lebenslang muss man sich mit den Begehrlichkeiten des Staates auseinandersetzen, der einen und seinen Besitz auch nach dem Tode noch besteuern will. Unangenehme Erscheinungen haben die unangenehme Eigenschaft, sehr langlebig zu sein, und sollten die Grünen da demnächst eine Ausnahme machen, gibt es genug andere Parteien, die die allgemeine Restlaufzeit mit neuen Gesetzesvorhaben auch nicht schöner gestalten. Gelegenheiten zum Aussterben vermeiden unangenehme Dinge mit einem phänomenalen Gespür für Anpassung. Würden sie das nicht tun, würden sie fraglos untergehen, und man könnte sie vergessen. Statt dessen muss man lebenslang an ihnen lernen, und wie das ist, das können Sie an Ihren bislang nicht ans Netz angeschlossenen Verwandten sehen, die nunmehr gezwungen werden sollen, ihren Beitrag zum Sehrunangenehm-, Perfide- und Gemeinwesen anderer mittels Internet, Computer und Finanzamtprogrammen festzustellen.

Es gibt, das gebe ich gern zu, einige Kritikpunkte am Umstand, dass manche sehr viel und andere sehr viele weniger besitzen. Ich finde da auch nicht alles gerecht, wenn es um Leute geht, die so reich sind, dass ich nie in die Gefahr komme, ihnen ähnlich zu werden. Der normale Mensch denkt vermutlich, das würde sich dann in grossen Wohnflächen und Optionen zur Freizeitgestaltung äussern, in legalen und illegalen Rauschmitteln und dem, was ihm Folgen von Derrick und Tatort so erzählen. Manches mag stimmen, manches ist überzeichnet, und manches kommt gar nicht vor, obwohl Reichtum fraglos eine wichtige Rolle bei der Nichtbewältigung von Veränderung spielt: Wer Vermögen hat, kann auf das lebenslange Lernen weitgehend verzichten.

Nehmen wir beispielsweise die Kunst. Wenn Sie über ein fundiertes Wissen über die europäische Kultur verfügen, und es ab und an durch Museumsbesuche an hübschen Orten auffrischen, und danach bei Tee und Torte im Museumscafe verdauen, sind Sie für alle Belange des Daseins gerüstet. Das Wissen darf im Laufe des 20. Jahrhunderts gern abflachen. Niemand wird einen schräg anschauen, wenn man die Karten für Alban Bergs Wozzeck verfallen lässt, der in immer neuen Inszenierungen auch so ein lebenslanges 12-Ton-Übel des erstarrten Opernrepertoires ist, wie so ein atonal blubberndes Schwefelloch am Fusse eines erloschenen Vulkans. Es ist nicht nur legitim, sondern sogar eine gewisse innere Haltung, nichttoten Kunsterschaffern und nochnichtsolangtoten Revolutionären mit einer gewissen Reserviertheit entgegen zu treten. Man hat im 20. Jahrhundert genug Leute gesehen, die meinten, man müsste Internetkunst oder Kunst auf Videobändern oder Kollagetechniken lernen: Die Erfahrung lehrt nun einmal, dass man bei Dürer die Vermögenden, bei Pollock deren das Falsche studierende Kinder und bei Hirst und seinen Pillenschränken sogar nur Russen und Chinesen erlebt. Also wirklich.

Mindestens so divers wie die Kultur ist auch jener Teil der Gesellschaft geworden, den man heute nicht mehr öffentlich als arm, sondern als sozial benachteiligt bezeichnen sollte – Armut ist ein Zustand, soziale Benachteiligung dagegen etwas, das anderen angetan wird, weshalb man auf die sozial Bevorzugten losgehen und sie diskriminieren darf. Das bleibt nicht bei Worten, wie ich von Medizinern und Anwälten erfahre: Früher war arm halt arm, vielleicht mitunter auch grob, aber gemeinhin duldsam gegen die Götter in Kittel und Robe. Früher hatte man nichts, wenn man arm war, heute ist Armut immerhin so konsumfähig, dass sie sich verschiedene Rollen der Armut heraussuchen kann, und viele davon sind nicht eben angenehmer Umgang. Manche lernen das offensichtlich aus Gangstervideos, andere aus Realityserien, oder sie lesen feministische Interviews bei Zeit Online: Heraus kommt nicht mehr eine Unterschicht, sondern viele, die unzufrieden sind und jeweils eine eigene Anspruchshaltung entwickeln, die der Staat allein mit mehr Zuwendungen nicht befriedigen kann.

Ich bekomme das nur am Rande mit, wenn gewisse Leute in der Disco die Strasse runter keinen Einlass bekommen, was manche vielleicht als Racial Profiling bezeichnen werden – es ist jedenfalls so, dass sie mittlerweile der Meinung sind, das Gitter an meinem Weinstock sei so eine Bar für selbstgepanschte Alkoholika, und sie hätten ein Recht, sich hier in der Nähe der anderen, die zum Rauchen draußen sind, zu berauschen. Es gibt Forderungen nach Quoten und Teilhabe, ein Wort, das nicht ganz zufällig aus dem Bereich der körperlichen Behinderung auf andere Gruppen – und zwar durchaus freiwillig – ausgeweitet wurde. Geht der Versuch an Teilhabe jenseits gesetzlich erwünschter Möglichkeiten in Streit über, müssen das dann die Notärzte ausbaden. Von denen kenne ich zwei Typen: Die einen wollen Kinder, damit die Welt nicht den anderen überlassen wird, die anderen wollen keine, weil sie diese erlebte Welt für unzumutbar halten. Von ihnen, aber auch von Kindergärtnerinnen, Lehrern, Krankenschwestern und Betreuern erwartet man, dass sie in der Lage sind, sich auf das einzustellen, was in Zeiten aufgeweichter sozialer Normen so entstanden ist. Aber die Benutzeroberfläche, die Vermögende zum Steuern des Rests präsentiert bekommen, vom Sanitärreiniger und Abgeordneten über das Kurpersonal und Bedienung bis zum Vermögensberater, ist dagegen immer noch so, wie das früher auch schon war. An den Umgangsformen, die ich als Kind erlernte, hat sich in meinem Lebensumfeld nicht das Geringste geändert, und die Nummer für die Lösung des Alkoholproblems mit Tätlichkeiten auf der Strasse ist immer noch 110.

Obwohl wir uns alle einig sind, dass unter und jenseits der uns bekannten Kontaktzone trotz Bereicherung und Umverteilung vieles unschön und schwierig geworden ist, werden wir nicht ebenfalls mit erleichterten Sozialvorschriften belohnt. Es wird bei unsereins immer mit dem Wort “Verantwortungsethik” geschaut, ob wir, die Verantwortlichen, auch wirklich ethisch sind. Das Amüsante an der Sache ist jedoch, dass Verantwortungslosigkeitsethik technisch gar nicht mehr möglich ist: Jeder Trachtenschneider zahlt übertariflich, kein Stromanbieter liefert noch 100% reines Atom, kein Metzger hat noch Fleisch aus der Slowakei im Angebot. Sogar die miesesten und zynischsten Multis tun etwas für den Regenwald und Arme in Afrika und die Verbesserung der Welt. Man müsste schon wirklich sehr weit abseits des für Vermögende zumutbaren Lebensumfeldes aktiv werden, um Firmen zu finden, die einem kein gutes Gefühl geben und ihre Schattenseiten verschweigen wollen.

Ich mein, ernsthaft, versuchen Sie mal, heute wie Ihre Vorfahren noch eine neue Silberkanne aus Material zu bekommen, das Sklaven abbauen mussten. Früher war das gar nicht anders möglich, heute müssen sie dafür alte Exemplare kaufen. Oder geschliffenen Marmor, für den sich wirklich ein Arbeiter tothustete: Das geht in dem Segment, in dem wir uns bewegen, gar nicht mehr. Wir dürfen unsere Verantwortungsethik nicht mehr mit dem Ochsenziemer gegenüber Knechten ausleben und wir können es auch nicht indirekt tun, weil es unschicklich ist. Spätestens seit der weitgehenden Vernichtung des Perserteppichgeschäfts wegen der bei uns verrufenen Kinderarbeit hat alles ein weissgebleichtes Gewissen. Nur Kinder ärmerer Leute müssen nicht wissen, was die ökologischen Folgen von Chicken Wings und Fischstäbchen zeitigen. Uns wird die regionale, nachhaltige Küche fast schon aufgezwungen. Für Vermögende gibt es längst eine Art Autopilot zum richtigen Verhalten. Vorgestern etwa wurde ich beim Blumenkauf nachgerade in Richtung heimisch und saisonal statt importiert und eingeflogen gedrückt, mit dem Hinweis, dass die Beschenkte das sicher so möchte. Was sie übrigens auch tat. Ich verschwende nur dann Gedanken an die Ethik, wenn es mir dazu dient, andere nicht so Ethische zu diskriminieren und vorzuführen – der Rest geschieht automatisch, weil es heute eben so verpflichtend ist, wie das Tragen eines Hutes vor 100 Jahren oder die Rolle der Frau in Afghanistan.

Man denkt da nicht drüber nach, man macht es einfach. Man lernt natürlich nicht dazu, denn würde man lernen, würde man die abscheulichen Industrieböden und Laminate verbieten und jeden, der es sich halbwegs leisten kann, zu Perserteppichen verdammen, um Fluchtursachen und Armut zu bekämpfen. Bei den hier noch nicht so lange Lebenden würde man Intarsienarbeiten und Majolika in Auftrag geben, und Billyregale und Pressglas verbieten, aber es ist halt, wie es ist, und ich brauche nichts mehr, meine Ingwertöpfe sind leider schon da, und auch etwas älter aus chinesischer Sklavenarbeit der Ming-Epoche. Ich sage, wie es ist: Die Zeiten ändern sich, aber das heisst nicht, dass alle gleich viel lernen müssen. Der Nachfahr des chinesischem Sklaven baut heute, solange seine Finger noch mitkommen, das technische Gerät, das jene überfordert, die beim Bildungswettlauf versagen. Frauen haben Berufe erlernt und müssen jetzt lernen, gegen Männer zu bestehen. Manche denken, das Erlernen von Vorschulmandarin durch Kinder ist gut, um gegen die Nachfahren der Vasenmaler zu bestehen.

Aber ich sage Ihnen: Reich geboren werden ist besser. Wirklich. Das sagt jeder, der es schon einmal gemacht hat, und es erleichtert die Sache ungemein. Das muss man nicht lernen, das verteht man von selbst.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Eine neue Heimat für Grüne und Erdoganwähler

„Ihr könnt unseren Einzug in die Parlamente und der Polizei nicht verhindern. Wir ,Schwarzköpfe‘ werden die Parlamente erobern. Dann habt ihr hier nichts mehr zu melden.“

Öczan Mutlu soll das laut der Anzeige eines Polizisten 2001 bei einem Streit gesagt haben, als es darum ging, ob sein Auto abgeschleppt wird. Damals war Mutlu noch aufstrebender Jungpolitiker der Grünen, der es von der Bezirksverordnetenversammlung Kreuzberg in das Abgeordnetenhaus Berlin geschafft hatte. Anlass für seinen Konflikt mit dem Polizisten war der Besuch des Bundespräsidenten in einer Schule, bei dem Mutlu eine tragende Rolle spielen, aber nicht mit dem Auto in den Schulhof fahren konnte. Das wenig staatsmännische Auftreten Mutlus führte zu einer Aufhebung der Immunität und zu einem Freispruch in der zweiten Instanz. Seitdem war Mutlu, um es höflich zu sagen, wegen anderer Ereignisse selbst bei den Grünen nicht unumstritten. Trotzdem ist er seit der letzten Wahl für die Grünen im Bundestag und dort Sprecher für Bildungspolitik. Sollte er das obige Zitat tatsächlich so gesagt haben, ist seine Vorhersage zumindest für ihn teilweise eingetreten, selbst wenn Berliner Polizisten immer noch in der Lage sind, Autos abzuschleppen – besonders, wenn sie liegen bleiben.

Als Deutscher, der in der Türkei geboren wurde, hat Mutlu ein besonderes Interesse an der innenpolitischen Entwicklung des Landes, und als Direktkandidat für den Wahlkreis Berlin Mitte mit einem hohen Anteil an Migranten wird er auch im Herbst für die Grünen direkt wählbar sein. Mutlu hat das Referendum in der Türkei und unter Auslandstürken kritisch mit Wortmeldungen bei Twitter begleitet, und wie etliche andere Politiker und Beobachter seine Sicht der Dinge dargestellt. Zum famosen Abschneiden des Erdoganlagers gibt es etwa diesen nachdenklichen Beitrag über eine Art innertürkischen Rassismus, oder die Wortmeldung der Linken-Abgeordneten Sevim Dagdelen, die ebenfalls kein Kind rechtskonservativer Traurigkeit ist: Als vehemente Kritikerin der deutschen Türkeipolitik sieht sie die Verantwortung bei Erdogans Netzwerken in Deutschland, die man jahrelang gewähren liess. Mutlu dagegen sucht und findet die Schuld auch bei der Integrationspolitik:

“Wir haben es nicht geschafft, ihre neue Heimat zu werden“

Man muss das ganz langsam lesen und nachdenken, was das bedeutet. Wir, die Deutschen, die, die ein grünennaher Funktionär als Köterrasse ebenfalls ohne juristische Konsequenzen bezeichnete, oder, die wir laut Kanzlerin schon länger hier sind, haben es nicht geschafft, die Heimat von Personen zu werden, die recht genau wissen, was Erdogan in den letzten Jahren getan und gesagt hat. Und ihn dann gewählt haben, und mit ihm eine Despotie auf Basis von Nationalismus und Islamismus, die nur dann mit den mitteleuropäischen Wertvorstellungen zusammen geht, wenn man zufälligerweise gerade eine ganze Panzerfabrik an das Regime liefert und es mit Milliarden bezahlt, damit es nicht wieder Migranten als erklärtes Druckmittel auf die Balkanroute entlässt. Wir hätten demzufolge die Verantwortung, auch die Heimat von jenen eilig zusammengetrommelten Leuten zu werden, die letzthin in meiner Heimatstadt teils vollverschleiert und teils mit der osmanischen Kriegsflagge durch die Stadt liefen, und das Zeichen der – nach unseren Vorstellungen – rechtsextremistischen Grauen Wölfe machten.

Die gute Nachricht ist eine andere: Von den 3,5 Millionen türkischstämmigen Menschen haben nur 1,5 Millionen einen türkischen Pass, die Wahlbeteiligung lag – leider – wegen der Repressionen bei nur 50%, und nur unter diesen Leuten hatte Erdogan eine deutliche Mehrheit. Es geht also nicht um “die“ Türken in Deutschland, sondern um eine Minderheit, die kein Problem damit hat, die Demokratie zugunsten einen Präsidialsystems abzuwählen. Das ist fraglos unangenehm, aber es ist nicht pauschal das, was manche als “die Türken“ bezeichnen.

Man könnte an dieser Stelle nun darüber reden, ob es überhaupt wünschenswert ist, die Heimat dieser Gruppe unter den Türkischstämmigen zu sein – nach meiner Auffassung sollten islamistische Nationalisten konsequent sein und ihre Heimat dort wählen, wo islamistischer Nationalismus die Staatsdoktrin ist. Deutschland ist bislang eher laizistisch und sogar so antinationalistisch, dass es seit dem heimatkritischen Kongress der Grünen in Bayern nach fast einem halben Jahr das erste Mal ist, dass ich von einem Grünen überhaupt das Wort Heimat in einem positiven Kontext vernehme. Grüne sagen sonst eher Sprüche wie “no borders, no nations“, und Heimat bringt es meist nun mal mit sich, dass sie einen begrenzten, geographischen Raum mit einem bestimmten, in staatliche Strukturen übersetzten Volkswillen darstellt. Heimat ist etwas, das von Grünen stets hinterfragt wird. Es ist gefährlich, nationalistisch, es bräunelt und hat eine toxische Tradition, ist wörtlich „historisch durch völkische Bewegungen vorbelastet“ und wie das ausgehen kann, zeigt die Geschichte immer wieder – die Pervertierung von Heimatbegriffen, Hass auf andere und nationalistische Arroganz sah man gerade wieder beim Referendum in der Türkei.

Und für Leute, die das wollen, sollen wir Heimat bieten. Seit dem Beginn der Migrationskrise greifen Grüne und ihre Verbündeten und staatlich finanzierte Kontrolleure jene an, die das sagen, was man in meiner Heimat oft hört: Dass man sich inzwischen fremd im eigenen Land fühlt. Wer sich so äußert, gehört zu den Dunkeldeutschen, den Intoleranten und Gegnern der Weltoffenheit. Es wird vom Sächsit geschrieben und davon, dass eine abweichende Meinung zur Migration eine Schande für das Land sei. Mutlu selbst forderte jüngst eine Sonderstaatsanwaltschaft gegen Hatespeech. Man sollte Migration als Chance und nicht als Überfremdung betrachten – letzteres sei ein Begriff der Rechtsextremisten. Nun wählt eine radikale Minderheit mit üblen Folgen für die Türkei einen Potentaten, neben dem auch deutsche Rechtsextremisten wie ein Kinderfasching in einer Kita in Berlin-Kreuzberg wirken. Sie bejubeln rassistische Ausfälle gegen die Deutschen und andere Europäer, und Aussagen, denen zufolge uns Erdogans Türken tatsächlich überfremden werden: Genau hier wünscht sich ein Grüner in Berlin für diese Leute mehr Heimat bei uns, die wir bereitzustellen hätten. Heimat, das nehme ich aus dieser Aussage mit, ist plötzlich doch gut, wenn jemand anderes sie kriegen soll. Nur für Deutsche ist Heimat riskant und gefährlich, und Mutlu geht aus guten, warnenden Gründen mit, wenn es darum geht., die Deutschen an ihre Verbrechen in Afrika des deutschen Vorvorvorvorgängerstaates unter Kaiser Wilhelm II. hinzuweisen.

Man kann die Absage, die eine Minderheit in Deutschland mit der Wahl gegen die positiven Werte des Westens formuliert hat, nur begrenzt schönreden. Erdogans Anhänger folgen einer Ideologie, die die Grünen mit Sprüchen wie “keinen Fussbreit“ bekämpfen, wenn sie von Deutschen kommt. Mutlu würde vermutlich nie auf die Idee kommen, Neonazis in Berlin zu rechtfertigen, weil man sie nicht genug mitgenommen und ihnen die Heimatlichkeit des neuen, migrationsfreundlichen Deutschlands nicht mit allen Vorteilen ausreichend erklärt hat. Dass das Gefühl der Fremdheit und der Ablehnung anderer Lebensformen im schlimmsten Fall zu Gewalt und Diktatur führen kann, ist keine neue Erkenntnis. Das Problem bei der radikalen türkischen Minderheit ist, dass sie nicht nur Erdogans abfällige Einschätzung Deutschlands und Europas und die historische Überschätzung des osmanischen Reiches teilt. Sie will nicht die Heimat, die die laizistisch-demokratische Türkei früher einmal war, und erst recht nicht das, was Deutschland ist.

Ein Deutschland, das sich so verbiegt, dass eine derartig integrationsresistente Minderheit sie irgendwie als Heimat begreifen kann, ein Deutschland, das mit einer derartigen Verachtung auf sich selbst blickt, dass es Erdogans Sichtweise entspricht: Das gibt es bei Grünen durchaus, wenn sie wegen angeblicher Nazis nach neuen Bomben für Dresden rufen und behaupten, Verschleierung befreie die Frauen im Sinne unserer Emanzipation. Es wäre ein Deutschland, das Milli Görüs und andere Extremisten hofieren würde, aber auch gleichzeitig eines, das für die Deutschen keine Heimat mehr ist. Die Geschichte der Einwanderung immer auch eine Geschichte der Anpassung der Einwanderer – nur Eroberte und Versklavte mussten Neuankömmlingen in der menschlichen Geschichte so weit entgegen kommen, dass die sich mit all ihren Radikalen heimisch fühlen konnten. Das ist übrigens exakt das, was Erdogan in den Schulen über den Aufstieg des osmanischen Reiches lehren lässt. Mit den Grünen hat Mutlu die Partei gefunden, mit der man mit diesem für Radikale angenehmen und alle ihre Gegner eher anstrengenden Heimatbegriff in den Bundestag kommt.

Sofern die Grünen gewählt werden, von denen, die bislang noch etwas zu melden haben. Ich wohne in einer Gegend, in der man auf Heimat viel Wert legt und durchaus freundlich gegen jeden ist, der sich den Gegebenheiten anzupassen weiss. Hier wird kein Kopf verschleiert und das Tuch über der Brust wurde auch schon lange eingemottet. Im kommenden Herbst könnten heimatbewusste Regionen wie meine dafür sorgen, dass die Grünen und Herr Mutlu bundespolitisch nur noch wenig Grund haben, sich hier heimatlich zu fühlen.

Es geht übrigens auch anders: Der Gewinner meines Wahlkreises hat ägyptische Wurzeln, ist bei der CSU und hat definitiv nichts hören lassen von wegen, wir müssten radikalen Muslimbrüdern eine Heimat werden.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Bereicherung durch Raub oder Sekundärtugenden

When his troubles will begin will be when by any chance something goes wrong with the governing machine.

Meine Lieblingsbeschreibung des Deutschen an sich ist über 100 Jahre alt: In seinem Reisebuch “Three Men on the Bummel”, das eine Radfahrt dreier Briten durch das damalige deutsche Kaiserreich ironisch und liebevoll beschreibt, wird der Autor gegn Ende hin noch einmal ernst und sagt, wie er die Deutschen sieht: Romantisch, fleißig, aufrichtig, selbstlos und diszipliniert. Ein wunderbares Volk, um in ihm von Hamburg in den Schwarzwald zu gelangen und sicher zu sein. Aber er schreibt auch, dass diese – heute würden wir sagen, Sekundärtugenden – in der Übertreibung als Pedantierie, Heroismus und Kadavergehorsam gefährlich werden könnten. Three Men on the Bummel erschien 1900 – 14 Jahre später sollte sich auf tragische Weise zeigen, wie zutreffend die Analyse in ihren negativen Ausformungen gewesen ist.

Jeromes Überlegungen zum obrigkeitssaatlichen Denken münden im Ausspruch, dass der Deutsche, verurteilte man ihn zum Tode und gäbe man ihm einen Strick, tatsächlich zum Galgen gehen und sich selbst aufhängen würde. Das ist natürlich überzeichnet, aber seit einiger Zeit wurde hierzulande die Willkommenskultur staatlich verordnet, und prompt zeigten die Umfragen Zustimmung wie das letzte Mal beim Ausbruch des ersten Weltkriegs. Und auch heute, da wir bei mir daheim laut Kriminalstatistik in Oberbayern Nord 2016 einen Anstieg der Kriminalität von 7% haben, und rund 1% der Bewohner als Flüchtlinge 11,7% der Straftaten begehen, darunter auch Übergriffe mit 551 deutschen Opfern, finden sich noch immer genug Personen, die nicht von der bei der Zeit und der Prantlhausener Zeitung proklamierten Begeisterung abweichen wollen. Ein schönes Beispiel ist ein Medienmacher, dem in Berlin der Keller ausgeräumt und teure Räder offensichtlich gezielt entwendet wurden: Derselbe beklagte sich damals über die nicht seltenen Einbrüche, und vor kurzem aber darüber, dass einfach zu viel über Kriminalität berichtet werde. Auch eine bekannte Gattin eines bekannten Ex-Stasi-Mitglieds, die sonst voller sozialistischer Tugenden ist, beklagte die Überführung ihres zweirädrigen Privateigentums in andere Hände. Unter Mielke wäre das nicht passiert!

So ist der Deutsche eben auch unter dem roten Lack: Romantisch und gleichzeitig ein wenig pedantisch, wenn es um Fragen des Eigentums geht, aber gleichzeitig gehorsam, wenn sich Polizeidienststellen politisch gewollt jenseits von Bayern schwer tun sollen, die Realität, die nicht unproblematische Entwicklung und deren Verursacher – die Zahl der deutschen Tatverdächtigen bleibt rückläufig, andere Tatverdächtige füllen die Lücken – zu erkennen. Bei uns ist das anders, denn die spektakulären Einbrüche in Verbindung mit Tötungsdelikten in Königsdorf und Meiling gehen nicht einfach so als regionale Einzelfälle unter, wie etwa der Raubmord von Bad Friedrichshall oder der Mord von Neuenhaus. Sie werden breit diskutiert. Und ich sehe mich dann hin und wieder genötigt, auch im Kreise der Besorgten auf das Positive hinzuweisen: Es gibt bei uns auch den regionalen Einzelfall der ganz erstaunlichen Sicherheit. Wie etwa beim Radständer eines von mir geschätzten Gasthauses, der die hiesigen Men on the Bummel zum Verweilen einlädt.

Denn der Radständer wurde vor ein paar Monaten wegen des gestiegenen Andrangs von Radlern neu gestaltet. Es ist überhaupt keine Frage, dass sich hier ohne jeden Zwang und Parkplatzgebühr und gefälschte Statistik eines Ministeriums, aber mit schönen, neuen Radrouten, die Zahl der Radler vergrößert, und so brauchte man eben auch mehr Platz für all die schönen, neuen Gefährte, die bei uns sie Strassen zieren. Weil Räder auch einmal Platten haben und Ersatzteile benötigen, hat der nächste Radelhändler dort auch zwei Rahmen anmontiert, und in diesen Rahmen steht zu lesen, wo er zu finden ist. Bei den Rahmen handelt es sich um offensichtlich gebrauchte und schadhafte Exemplare des Simplon Pavo. Wer nur ein wenig Ahnung von der Materie hat, der weiss, dass hier nicht alter, billiger Schrott hängt, sondern zwei früher wirklich teure Rahmen mit ebenfalls nicht billigen Komponenten. Natürlich schaut da jeder hin, und viele schauen auch, wie die Rahmen befestigt sind.

Die Sättel sind von ein paar Schrauben durchbohrt und am Holz befestigt, und so schwanken die Rahmen, deren Neupreis auf dem Niveau eines gebrauchten Kleinwagens lag, also im zarten Frühlingswind des Voralpenlandes. Sie tun das seit Monaten und seit diesen Monaten unterdrücke ich den Impuls, bei dem Radgeschäft anzurufen und zu fragen, ob man den blauen Rahmen nicht doch haben und restaurieren kann, denn das hier ist eine Form des Überflusses, der mir weh tut. So ein Rahmen gehört auf die Strasse, da müsste man retten, was zu retten ist. Nach meinem privaten Gerechtigkeitsempfinden, das dank meiner Herkunft nicht komplett deutsch, sondern teilweise ritterlich, ja gar fränkisch-raubritterlich ist, wäre es vielleicht ethisch vertretbar Als guter, pedantischer Deutscher käme ich natürlich nie auf die Idee, mir etwas anzueignen, und ich sehe auch bei anderen, dass sie mit der Hand überprüfen, ob der Rahmen vielleicht entfernbar wäre. Aber jeder lässt ihn hängen.

Obwohl es technisch gesehen vermutlich kein Problem wäre, sich zu bereichern. Man könnte in der Nacht, wenn hier wenig los ist, mit der Säge an den Balken gehen. Oder mit dem Schraubenzieher an den Sattel. Oder mit dem Inbus die Sattelstütze vom Rahmen trennen, oder sich mit etwas Schrauberei zumindest der wirklich schönen Gabel bemächtigen. Für den Kenner gibt es hier kein ernsthaftes Hindernis. Und bei Ebay ist die Mutter der Idioten, die auch einen beschädigten, prestigereichen Rahmen kaufen würden, natürlich auch immer schwanger. Noch nicht einmal einen anderen Radler würde man schädigen, keiner müsste deshalb den Heimweg zu Fuss antreten, man könnte sich sagen, man führte den Rahmen nur seiner eigentlichen Bestimmung zu und protestiere gegen die kapitalistische Verschwendung. Wir alle stellen dort unsere Räder ab, wir alle schauen den Rahmen an und denken, wie es wäre, mit ihm über die Berge nach Italien zu fliegen. Und wir alle haben ein Multitool dabei.

Ich besitze, gut verborgen in den Innereien meiner Anwesen, über hundert Räder und gegen mindestens 10 ist der Pavo eine billige Plastikschleuder – letzte Woche habe ich erst ein Siegerrad einer Deutschlandrundfahrt neu aufgebaut. Ich habe das überhaupt nicht nötig, sage ich mir, auch wenn es mich irgendwo schmerzt. Wie alle anderen. Manchmal stehen einige zusammen davor und seufzen. Gelegenheit macht Diebe, sagt ein altes Sprichwort, aber hier sind nun mal eben Deutsche, wie Jerome K. Jerome sie beschrieben haben, und seit Monaten macht sich keiner an den Schrauben zu schaffen. Vielleicht steht irgendwo eine Kamera, und es handelt sich um Sozialexperiment – sollte es so sein, wird dort eher die Linse verfaulen, als dass jemand die Gelegenheit nutzt. Die Versuchung ist da. Das ist nicht zu bestreiten, denn man könnte sich moralisch den Raub schönreden. Aber es tut keiner.

Wie lange würde ein Spitzenmodell eines beliebten Herstellers in Berlin offen zugänglich an seinen Schrauben am Holz hängen?

Lebensqualität ist, sich diese Frage stellen und auf die unschöne Antwort mit einem Schulterzucken reagieren zu können.

Ich bin hier öfters und verunziere mein Rad nur ungern mit einem Schloss. Schon früher hatte ich den Eindruck, dass es möglich ist und keinerlei Gefahr droht. Andere halten es ähnlich, und die Cabrios auf dem Parkplatz werden offen gelassen. Die Rahmen, ohne anwesenden Besitzer und eigentlich überflüssig, schreiben die Sicherheit noch ein weiteres Kapitel fort. Die nötige Disziplin und das Übereinkommen ist da, auch wenn hier täglich Hunderte vorbei kommen. Es liegt sicher auch daran, dass die meisten hier sich so ein Rad leisten könnten, wenn sie wollten. Aber auch daran, dass es noch ein altmodisches Verständnis von dem gibt, was man tut, und was man nicht tut. Eine Art Leitkultur im Sinne gemeinsamer Eigentumswerte, die es sogar zulässt, dass die Rahmen in Wind und Wetter vor sich hin gammeln und das Eigentum über kurz oder lang irreparabel wird. Schlecht für den Rahmen, aber ein Ausweis der Sekundärtugenden der Hiesigen.

Man kann die Unterschiede in diesem früher so disziplinierten Land, das seit Jeromes Klassiker schon lange nicht mehr so unschuldig wahrgenommen wird, auch positiv erfahren. Es ist nicht nur so, dass die Menschen den Eindruck haben, es würde viel passieren. Es ist auch so, dass die Menschen hier an vielen, kleinen Selbstverständlichkeiten erlebten, wie sicher es trotz der regionalen Vielzuvielfälle ist: Weil die Bretterzäune hier so niedrig sind, dass man einfach drüber steigen kann. Weil beim Bäcker ein Schild aufgestellt wird, um darauf hinzuweisen, dass jemand seinen Geldbeutel verloren hat. Weil ein jeder darauf achtet, dass die Steingärten vor den Häusern jetzt erblühen, und es früher keinem als Problem erschien, dass die Polizei ihre einzige Dienststelle am anderen Ufer des Sees hat. Wenn man hier solche Rahmen ungesichert aufhängen kann, kann es insgesamt nicht so schlimm sein.

Schwer liegt das Multittool in meiner Tasche, aber schwerer wiegt das Gewissen, und ich möchte auch in Zukunft auf die Kraft der verbindlichen Sekundärtugenden verweisen können. Sollte der Rahmen doch einmal fehlen: Dann habe ich vermutlich beim Radladen angerufen und ihn rechtmäßig erworben, um nach Italien zu fahren.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Mit grossem Krach in die perfekte Ehe

Da diese Art zu „Schießen“ erhebliche Gefahren birgt, und auch schon schwere Unfälle verursacht hat, gerät der Brauch immer mehr in die Kritik, und dadurch in vielen Ortschaften mehr und mehr in Vergessenheit. Außerdem kann es aufgrund der Uhrzeit (meist zwischen vier und fünf Uhr morgens) zu strafrechtlichen Konsequenzen wegen Nachtruhestörung der Nachbarschaft komme.

BAMM! dröhnt es über den ersten Hügel des Mangfallgebirges, und wer jetzt noch nicht wach ist, hört nach ein paar Sekunden wieder ein BAMM! Es ist die Nacht nach dem Anschlag in Stockholm, es ist 5 Uhr morgens, als die Explosionen die Scheiben klirren lassen und alle Leute an die Fenster treiben, Dort drüben, am Bauernhof, flammt er kurz orange auf, das nächste BAMM! kracht entlang der Bergrücken und rollt hinüber bis Ostin. Es ist viel zu laut für ein normales Gewehr, eine Horde von Discobesuchern wäre in diesem Moment sicher schlagartig wieder nüchtern; und würde Deckung suchen. Aber der aus dem Schlaf gerissene Bergrandbewohner hat inzwischen schon verstanden, dass hier kein Anschlag und kein Massaker in der ansonsten totenstillen Alpennacht zu befürchten ist: Zusammen mit allen anderen in 2 Kilometer Umkreis wecken Böllerschützen den Bräutigam auf. Denn es ist 5 Uhr morgens, und der etwas archaische Brauch will es, dass der schönste Tag des Lebens mit der Böllerei beginnt; und mit einem sehr frühen Frühstück mit Alkokohl fortgesetzt wird.

Um 12 ist dann Hochzeit in der Pfarrkirche, und alle kommen in archaisch-festlicher Tracht. Ich gehöre nicht dazu, aber das hier ist halt ein Dorf, und der übliche Lebensweg des Müßiggängers überschneidet sich aufgrund der lokalen Gegebenheiten mit dem Zug des Brautpaares: Man wird vom Böllern geweckt, man sieht die Gesellschaft an der Kirche, und weil grosse Hochzeiten grosse Gastwirtschaften brauchen, sitzt man schon beim Essen mit Bergblick, als die Gesellschaft dort auch einfällt, Geschenke mitbringt und die Musik aufmarschiert. Bei mir daheim hat es sich eingebürgert, Standards wie “Summer of 69” zu spielen, hier ist das alles noch etwas rückschrittlicher und von Blasmusik untermalt.

Das Wetter ist fast perfekt, ein klein wenig diesig, aber sonnig und gerade so warm, dass man gut tanzen kann. Der Vater des Bräutigams ist reich an Kühen und noch reicher an Wiesen, und eine der Wiesen ist eigentlich Baugrund, seit 40 Jahren schon, und könnte parzelliert und verkauft werden: Statt dessen stehen die Kühe drauf, weil der Bauer das Geld gar nicht benötigt. Es geht auch nicht überkandidelt zu, das Auto für das Brautpaar ist normal und kaum geschmückt, auch wenn man hier vermutlich noch ganz anders auftrumpfen könnte. Es gibt hier keinen Platz für Powerpointvorträge über die lustigsten Ereignisse im Leben der Braut, und langsam, ganz langsam ahne ich, dass es an der Zeit wäre, in unseren doch eher unromantischen Zeiten ein ein paar Worte zu finden, die dem Ganzen eine, sagen wir mal, gesellschaftskritische Note verleihen. Und darauf zu verweisen, wie brüchig das Eheglück heute doch ist. Es kann doch nicht sein, dass so eine Bilderbuchhochzeit an einem Ort, an dem sich andere den Urlaub gar nicht mehr leisten können, so sauber und frei von allen Komplikationen verläuft.

Beim Böllerschiessen jedenfalls sind die jungen Männer hier erfahren, getrunken wird erst danach, und man hörte deshalb keinen Sanitäter. Auf dem Kirchhof standen alle friedlich beisammen, Konflikte wegen unterschiedlicher Herkunft sind hier angesichts des vorherrschenden Katholizismus nicht zu erwarten gewesen, und wolkenlos spannte sich der Himmel vom Allgäu bis zum Berchtesgadener Land. Die Küche im Gasthof ist bekannt gut, und wer wirklich einen Haken finden will – und ich weiss, viele wollen das, denn das Glück in Deutschland darf nie komplett und unschuldig sein, und auch nach vielen Milliarden der Wirtschaftshilfe muss man mit der Kanzlerin der Migrantenherzen noch in Sack und Asche gehen, für Verbrechen des Kolonialismus, zu denen kein lebender Mensch und auch kein Vater eines lebenden Menschen und kein zukünftiges Kind etwas kann, so ist das hier, denn “wir” hätten “uns an Afrika” versündigt, ja Sünde, ohne das Erbsündigen und sozialistischen Sichtweisen aus Vorwendezeiten geht es in Deutschland nicht – wer also auch hier einen Haken finden und das Gift des Zweifels in den Kelch der Lebensfreude schütten will, der denkt jetzt: Aber wartet nur, wehe wehe, wenn ich auf das Ende sehe.

Das Ende, so nimmt man nach meiner Erfahrung im Umgang mit schlecht gelaunten Mitmenschen an, kommt nämlich auch hier. Nicht zwingend wegen Fragen der Sauberkeit und des Haushalts, die beständig am Glück nagen und das Wohlbefinden so lange erschüttern, bis sich die Wege trennen. Dafür ist zu viel Geld da, dafür wäre es zu einfach, das Problem mit Dienstboten zu bereinigen. Aber, so vernehme ich immer wieder, der Bruch droht, wenn man wirklich beisammen ist und Probleme stemmen muss, die noch jede Beziehung auf eine harte Probe gestellt haben. Was der Urlaub nicht dahin rafft, so höre ich, würde spätestens der gemeinsame Hausbau schaffen. Über Grundrissen und Küchenaufteilung, Induktionsherden und massgeschreinerten Kachelöfenbänken und die Position des Kruzifixes in der Zirbelholzstube, so nimmt man an, bricht der gleiche Unfrieden über das Paar herein, den andere aus dem gemeinen Stadtvolk vom gemeinschaftlichen Besuch bei Ikea für ein paar Teelichter – wirklich nur Teelichter, Schatz, und keinesfalls mehr! – kennen. Ist das Haus erst einmal fertig, so die übliche Meinung, ist die Ehe und die Liebe vorbei.

(Im Bild: Männertreu. Blumen, die sehr schnell ihre Blüten verlieren)

Und ganz ehrlich, ich habe tatsächlich eine Freundin, der so etwas passierte. Allerdings hat sie mich explizit nicht zu ihrer Hochzeit eingeladen, weil sie damals schon richtig vermutete, ich würde dortselbst Missgunst böllern und Dinge sagen als wie dass sie gar nie nicht zu diesem Hornochsen da passen tut und spätestens beim gemeinsamen Hausbau würde das alles aber sauber in die Brüche gehen und sie daraufhin wieder dekorativ auf meiner Schäsloongsch rumflacken. Brautpaare hören das offensichtlich nicht so gerne, selbst wenn es die Wahrheit ist, zu der ich qua Beruf verpflichtet bin, ein so ein schiacha Hornochs wie der Gatte war. Es stimmt also. Manchmal. Häuser können Ehen ruinieren, und eigentlich könnte man missgünstig dreinschauen, wenn der Bräutigam seine Zunge in den Hals der Braut steckt und denken, dass er ihr später dann an die Gurgel gehen könnte. Oder aber – wir erinnern uns, wir sind im bayerischen Oberland und manches ist hier anders – warum eigentlich der Hausbau nicht vor der Hochzeit betrieben wird. Quasi als Generalprobe, ob es wirklich passt.

Denn früher war das so: Wer auf dem Land eine Hochzeitserlaubnis haben wollte, musste eine Immobilie vorzeigen können. Wer kein Haus hatte, egal wie klein, bekam einfach keine Erlaubnis. Heutzutage gilt uns das als Form der brutalen Unterdrückung durch die Obrigkeit: Warum besitzen, wenn einem die begrünte Neuauflage der SED in Berlin billige Mieten garantiert, und der Berater der Linken das Loblied auf die Enteignung singt. Jeder kann heiraten, wie er will, und dann mieten, wie er möchte, und zwei Wohnungen mieten, wenn es auseinander geht. Mein Gefühl jedoch sagt mir, dass die alte Regel mit dem Wohnraumnachweis vielleicht doch nicht so schlecht war, zumal sie in Italien durch die Ansprüche der Braut an den Mann faktisch immer noch gilt: So eine Hausbeschaffung bedeutet wirklich Stress, Streit und Ärger, und sie verlangt Sparsamkeit, Kompromissbereitschaft und Disziplin. Wer erst an einem Haus bewiesen hat, dass er sein Leben so weit im Griff hat, hat die nötige Erfahrung, um alle kommenden Stürme des Daseins zu bewältigen. Vielleicht also war das gar nicht so böse gemeint, denn auch heute noch müssen Brautpaare zusammen Stämme durchsägen: So ein eigenes Haus bei der Eheschließung ist die grosse Version des kleinen Brauchtums im Pfarrhof – und deutlich mehr als ein Jahr des Zusammenlebens in einer gemieteten Wohnung des Regimes der alten oder neuen DDR mit ihren traditionell hohen Scheidungsraten.

Man ahnt es vielleicht: Wer wollte, konnte das laute Böllern beim Bauernhof gegenüber kommen sehen, denn der Sohn hat weiter unten, schräg links von meiner Terrasse, die letzten zwei Jahre schon sein eigenes Haus zusammen mit der Braut gebaut. Das ist hier halt so, statt festgeschriebener Mieten gibt es hier Einheimischenprogramme mit billigen Grundstücken und günstigen Krediten, und statt der Maledivenreise die geschreinerte Bank für den Kachelofen. Das Ärgste hat das Brautpaar schon lang hinter sich, als die Knallerei das Tal aus dem Schlaf reisst, das Nest ist gemacht und die Konflikte, sie ansonsten nunmehr drohen würden, sind überstanden. Es gibt keinen Grund, am wolkenlosen Blau des Himmels und an den ernsten Absichten des Paares zu zweifeln. Es ist alles schon da, wie früher, nur heute ohne Obrigkeit, die ansonsten die Hochzeitserlaubnis nicht erteilt. Das hier ist das Land, in dem wenige Mieter sind und viele Ehen, die wirklich halten.

Für solche Kreise wäre ich dennoch zu zynisch, denn auch ich kenne das Gift des Zweifels und bin unromantisch genug, es ohne jede Hemmung zu unpassenden Momenten einzusetzen. Aber wir haben hier nun mal ein gemachtes Nest, und es ist wirklich hübsch, sowie das passende Paar und eine Doppelgarage, und Katzen und Hund wird es auch geben. Man weckt nicht das ganze Tal auf und weist es auf das Kommende hin, wenn man es nicht wirklich ganz ernst meint. Und vielleicht war es bei meinen Bekannten einfach auch nur der grosse Fehler, dass bei uns die Häuser einfach da sind, oder von den Eltern hingestellt werden, wenn es so weit ist: Dann nimmt man das auch nicht ernster als eine Mietwohnung in der Stalinallee, und sorgte eine Weile dafür, dass auch bei uns sie Scheidungsrate in die Höhe ging. Die Millenials bei uns revoltieren gerade gegen diese Einstellung. Vor 20 Jahren jedenfalls war bei uns das Wecken mit Böllerschüssen tatsächlich etwas unüblich. Heute knallt es hier wieder jedes Wochenende.

Meine Altersgenossen haben sich, so scheint es, für diese jungen Leute ganz umsonst durch Scheidungen und individuelle Selbstverwirklichungsexzesse mit Konsens-Sex, Soda und Yoga gequält.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.