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Feed Title: Stützen der Gesellschaft last 5 items

Die Früchte des Zorns im Donaumoos

Look at the faces, listen to the bells, it’s hard to believe we need a place called hell
INXS, Devil inside

Wenn ich mit anderen über Heimat rede, ist das immer eine reichlich elitäre Angelegenheit, denn meine Wohnorte, egal ob der immens erfolgreiche Wirtschaftsraum an der Donau oder das Tegernseer Tal, sind in sich elitär. Ich argumentiere natürlich lieber mit dem Tegernseer Tal, denn es ist nicht nur eine der reichsten Regionen des Landes, sondern auch stark von einer Heimatkultur geprägt, und obendrein schön.


Sehr schön.

Atemberaubend schön.

Man muss nur so ein Bild zeigen und das Wort “Heimat” dazu schreiben, und viele finden das gut. Denn es ist schön, rein und, weil kaum Menschen zu sehen sind, unschuldig. Raunzt mich einer an, dass da unten auch Nazis wohnten, die die Natur vergötterten, raunze ich zurück, dass sie das bildungsfern angesichts eines Heiligen Berges der Deutschen Literatur sagen, auf den Thomas Mann mit Familie sich persönlich von Bauernburschen hat hoch tragen lassen.

Dann zeige ich noch ein Bild von unserem Wetter oben mit Blick auf die Nebelschwaden darunter und sage bedauernd, dass das Leben im Nebel manchen die Laune und den Blick trübt, man muss das verstehen, diese schlechte Laune. Wenn ich auf der genau anderen Seite des Landes leben würde, in Hamburg nämlich, und für die Zeit Social Media machen würde, oder von Berlin aus schriebe – dann hätte ich angesichts der dortigen Zustände auch mehr Probleme, Heimat anzuerkennen. Denen fehlt einfach einer von Thomas Manns Zauberbergen und die Landschaft, in der August Macke malte. Von der Enge einer Mietwohnung in Berlin heraus würde ich vielleicht auch schreiben, dass man den Begriff der Heimat dem rechten Rand überlassen sollte [http://www.zeit.de/kultur/2018-02/heimatministerium-heimat-rechtspopulismus-begriff-kulturgeschichte/komplettansicht]. Und wäre mein Arbeitsplatz nicht das Gipfelplateau des Wallbergs, und wären im flammenden Licht der Sonne nicht alle Gleitschirmflieger, Bergsteiger und Rodler, egal ob blond oder alt oder indisch wie jener Herr, dem ich das Bremsen auf dem Rodel erklärte, so schöne Menschen, wie es hier jeder ist, hätte ich die Industriekloake der Alster vor mir und dahinter nur noch den Wattensumpf des Eismeeres, in dessen Schlick die deutsche U-Boot-Waffe gammelt, würde ich vielleicht auch nach einem Interview zu Indianerkostümen den Deutschen raten, sich doch mal als, wörtlich, Kartoffeln zu verkleiden.

Bei der Zeit bin ich mittlerweile geneigt, bei solchen Aussagen von Vorsatz auszugehen, denn schon 2016 machte das Blatt Furore, als es in Bezug auf die deutschen Handballer mit dem Schimpfwort “Kartoffel” auf sich aufmerksam machte. Nun also bringt die Zeit im Kartoffelkontext ein Interview mit einer Dresdner Wissenschaftlerin, die im Bereich “Critical Whiteness” arbeitet und erklärt, warum gewisse Kostüme kolonialrassistisch sind und gefährliche Stereotypen reduplizieren. Es ist wenig erstaunlich, dass die Zeit nach Trans-Kindern und Regenbogenfamilien nun auch diese Strömung der Social Justice Bewegung aus den USA entdeckt, und dem Deutschen dazu noch hineindrückt, er sollte doch als Kartoffel gehen. Bis vor ein paar Jahren war das Wort in dieser beleidigenden Form lediglich in linksradikalen und antideutschen Kreisen verbreitet. Und, wenn man einer Autorin von Bento glauben kann, die früher auch schon durch unsensible Aussagen aufgefallen ist, als Schimpfwort innerhalb türkischer Kreise für Deutsche.

Kurz, während ich auf dem Berg sitze und ein schönes Bild meiner Heimat nach dem nächsten mache, wird in der Zeit unter dem Nebel Heimat als Begriff des rechten Randes umgedeutet, schon deutschen Kindern wegen ihrer Verkleidung Kolonialrassismus unterstellt, und die Mehrheitsgesellschaft im antideutschen Duktus kritisiert. Es gibt, so lese ich allenthalben, keine unschuldige Heimat, die Natur sei nur vorgeschoben, und weil es durchaus so sein mag, könnte ich nun behaupten, dass ich von meinen thomasmannesken Bergen herab gerodelt bin, dem Inder “brake! Brake!” vor einer tückischen Eisplatte zurief, und dann ins Donaumoss fuhr, um eine Antwort zu schreiben.

Das wäre leider gelogen, die Wahrheit ist, dass meine Ciabattabäckerin am letzten Samstag in Urlaub ging und ich Brot vorbestellt hatte. Also setzte ich mich am Samstag ins Auto und fuhr zum Wochenmarkt. Oder besser, ich habe es versucht, denn offensichtlich haben viele Berliner und Norddeutsche die antideutschen Kommandos nicht verstanden, und verstopften in beide Richtungen die Autobahn der heimatlichen Berge. Das ist nicht nur ein Armutszeugnis für den Erziehungsjournalismus, sondern auch der Grund, warum ich eine Stunde zu spät auf dem Wochenmarkt angekommen bin. Da blieb mir also nichts anderes übrig, als ins Donaumoos zu fahren. Nach Karlshuld, am Faschingssamstag.

So wie der Tegernsee der Inbegriff des Tourismusbayern ist – voller Kultur und Berge und Sonne und Reichtum und einem glasklaren See – ist das Donaumoos das genaue Gegenteil. Es ist ein ehemaliges,m menschenleeres Sumpfgebiet, das ab 1795 entwässert wurde. Es ist dort sehr oft immer noch oft neblig, der Boden ist schwarz und wenig fruchtbar, kilometerlang ziehen sich die Dörfer an Strassen entlang, mit kleinen, gedrungenen, alten Häusern, aus denen die Armut spricht, und wo sie auf den Abriss warten, für wenig gelungene Neubauten. Man hat im 19. Jahrhundert vor allem Menschen aus der zu Bayern gehörenden Pfalz dort angesiedelt. Sie sprachen anders, und das merkt man bei echten Leuten “de ausm Moos kumma”, immer noch: “Des is a andere Rass“, sagen wir in Bayern. “Dea kimmt ausm Moos” war früher eine abwertende Bezeichnung und bedeutete arm, fremd und ungebildet. Neben Pfälzern wurden dort auch Sträflinge und sozial schwierige Elemente angesiedelt, weshalb bei uns, in der Stadt, lange auch das Wort “Zuchtheisla” ein Synonym für Menschen aus dieser Region war. Die Entwässerung des Donaumooses war vor allem ein Projekt der Landgewinnung für den bayerischen Staat, aber nicht für die neuen Bürger: Meine Heimatstadt war damals Landesfestung, und die Dörfer, die südlich davon angelegt wurden, waren mitten im Schussfeld. Bei Hagau ist heute noch eine grosse, offene Batterie im Gelände erkennbar: Hätte sich der Feind hier angenährt, hätten bayerische Kanoniere ohne Zögern die Siedlungen der Pfälzer und der Armen zerschossen.

Man sagt immer “Der ersten Tod, der zweiten Not, der dritten Brot”, wenn es um Besiedlung geht, aber im Donaumoos stimmt das nicht. Von 1795 bis nach dem 2. Weltkrieg war das hier die Armenhaus des Landes Bayern. Noch im meiner Klasse der 80er Jahre waren viele Söhne der Bauern nördlich der Donau, aber kaum jemand aus dem Moos. Die alte Abneigung der Bürger, die durch den Spruch “Über die Donau zieht man nicht” zum Ausdruck kommt, hat ihre Ursache in der Fremdheit der Kolonisten. Und natürlich ist “Kardoffe” und “Kardoffebauer” im Sinne eines unfähigen, ungebildeten und sozial fragwürdigen Landbewohners seit jeher eine schwere Beleidigung. Dass es besser wurde, dass das Moos heute mit Immobilienpreisen aufwarten kann, unter denen Hamburger winseln und Berliner nach Lichtenberg umziehen, liegt allein am Boom der großen Stadt mit ihren weltweit begehrten Autos. Langsam werden die alten, schlimmen Geschichten vergessen, die noch Teil meiner eigenen Jugend waren. Eine Generation ist das vielleicht her. Und man sollte denken, dass Menschen mit dieser Geschichte Jahrhunderte langer Diskriminierung geläutert sind , wenn sie in der türkischen Pizzeria Dolce Vita einen schnellen Imbiss nehmen, bevor sie später im Tanzlokal Octagon Discofox bei der Ü30-Party tanzen.

Wie gesagt, ich kenne die Leute hier, manche sind Freunde, und wenn ich während des Studiums von München nach Hause geradelt bin, wurde ich hier immer gastfreundlich empfangen. Ich finde das alles hier, das Leben, die Schautafeln, mit denen Geburtstage und Hochzeiten in aller Öffentlichkeit gefeiert werden, überhaupt nicht peinlich. So ist das halt hier. Man muss diese soziale Wärme aus der Geschichte verstehen: Heimat war für diese Menschen der nasskalte, schwarze Boden, das kleine, niedrige Haus, die Familie und das Dorf. Es sind 21 Kilometer in die Stadt, früher eine Tagesreise hin und zurück. Wenn hier im November wochenlang Nebel herrscht, rückt man zusammen. Diese Heimat ist nicht schön und sie ist nicht touristisch, und trotzdem sind hier die Gärten voll mit weißblauen Fahnenmasten. Man hätte die Leute vor 110 Jahren mit Feldbatterien über den Haufen geschossen, wenn der Feind durch ihre Dörfer gekommen wäre. Trotzdem hängen hier an den Feiertagen die Fahnen des Freistaates. Sie haben kein internationales Essen jenseits der Pizza, der Gasthof heisst Scharfes Eck, und ist gleichzeitig Dorfmetzger, 21 Kilometer von der Stadt entfernt.

Davor ist ein Kreisel, und als ich dort ankam, sperrte die Polizei den Weg. Am Samstag war der Pferdefaschingszug. Voran schritt die Gemeindekapelle Hohenwart in regionaler Tracht mit langen Röcken und Hosen und mit einem Trommler, der den Marschtakt vorgab.

Und dahinter kamen die Pferde und die Maschgerer, manche als Einhörner und manche, natürlich, als Indianer.

Und danach kam eine Person in Einhornkostüm und kehrte alle Pferdeäpfel gleich wieder zusammen, damit die Strasse sauber ist.

Es ist leicht, über Heimat in den Bergen zu reden und leicht, als Publizist oder Forscherin oder Social Media Mitarbeiterin im Kreise eines multikulturellen Umfelds die Auffassung zu vertreten, die Kinder hier seien auf eine dumme Art rassistisch, und statt der Fahnenstangen sollte man lieber in Kartoffelkostüme investieren. Es passiert nichts, weil die wenigsten hier zur Kenntnis nehmen, was Critical Whiteness Forscherinnen auf Basis staatlicher Transferleistungen und gefeierte Autoren über sie denken. Das Donaumoos ist keine Gegend von schönen Geschichten, ich kannte einen, der betrunken schwimmen wollte und nie am anderen Ufer ankam, und das Bauernhofsterben macht den Menschen hier schwer zu schaffen. Sie haben oft mit ihren schwarzen Böden den Baugrund, mit dem sie vermögend oder sogar reich werden können, während Süsskartoffeln heute für Biokonsumenten auch garantiert aus Asien kommen sollten. Es ist nicht gerade viel Heimat hier, und beim letzten Donauhochwasser drohten viele die Existenz zu verlieren. Damals war ich auch hier. Das war alles nicht schön. Die Leute hier sagen, dass man halt vor der Flut nicht davonlaufen kann. Und generell war es eine Fehlentscheidung, das Moos zu besiedeln. Nur hat man 1795 seinen Wert als Naturraum nicht erkannt. Jetzt ist es halt die Heimat, die sie haben. Auch die Heimat dessen, was in Hamburg und Berlin als rechter Rand gilt.

Es gibt hier drei grössere Parteien, die in Fragen der Heimat rechts von jener CSU sind, bei deren linken Rändern nach allgemeiner Vorstellung spätestens der rechte Rand beginnt – ich las gerade einen Beitrag, dass jetzt sogar die Kabarettistin Lisa Fitz unter Rechtsverdacht steht. Jedenfalls, die AfD, die Freien Wähler und die separatistische Bayernpartei bekamen hier zusammen 25% der Zweitstimmen. Jedem 4. ist die CSU nicht hart rechts genug.

Die bevorzugten Parteien üblicher Journalisten sind SPD, Grüne und Linke. Die haben in Karlshuld zusammen gerade einmal 20%.

Natürlich wird viel über ein Ministerium gespottet, das sich Heimatministerium nennt und eigentlich vom Zuschnitt her, nüchtern betrachtet, ein Ministerium für Infrastruktur und ländliche Raumentwicklung ist. Wenn jeder 4. Rechts von der CSU wählt, ist das ein deutliches Zeichen der Unzufriedenheit und der Meinung, dass diese Heimat hier jetzt auch einmal an der Reihe sei, dass die Sparkasse gefälligst ihre Filiale behalte und die nächste Poststelle nicht 10km entfernt in einem Supermarkt ist. Der in meinen Berufskreisen so vielgeforderte Breitbandausbau ist hier kein Problem, die Frage ist hier -und noch verschärft im Osten des Landes – inwieweit die Lebensqualität noch verschlechtert wird, während der Staat drüben im Oberstimm für viel Geld für neue Sicherheitskräfte für das Transitlager ausgibt. Man kann das alles ignorieren und lächerlich machen, die Leute als Kartoffeln beschimpfen und als Rassisten und als rechten Rand. Was juckt einen in Berlin schon der Milchpreis, was bedeutet in Hamburg der Hochwasserschutz an der Donau, wenn schon Indianerinnen auf Pferden und die positive Aufladung als Heimat andere zum rechten Rand machen. Zum Feind. Zu Kartoffeln halt. Wenn sie sagen, der Staat und die Medien müssen gegen Rechts aktiv werden, dann meinen sie das hier.

Natürlich geht die Zeit hier nicht ins Scharfe Eck und erklärt bei Bier und Weisswürsten, warum man rechter Rand ist und gefälligst andere Kostüme tragen sollte. Hier bei uns, auf beiden Seiten der Donau, kommt die AfD und legt Listen zur Abschaffung des “Staatsfunks” aus, die Leute kommen gern, und niemand steht davor und demonstriert. Der rechte Rand ist hier längst die Mehrheit.

Die alte Feldbatterie bei Hagau dagegen ist überwachsen, dahinter ist ein Baggersee vom Kiesabbau, und daneben liegt Daddy’s Boazn, wo man sich nach dem Eisstockschiessen aufwärmen kann. Niemand würde die Dörfer hier heute noch mit Kruppgeschützen beschießen, aber die Verachtung, die Abwertung, die als richtig betrachtete Ausgrenzung, die Achtlosigkeit und die Herabwürdigung zum Kartoffel, die gibt es heute noch. Wer den Aufstieg der Rechten in breiten Schichten sehen will, ein Aufstieg, der die Linken zum bedeutungslosen Rand verkommen lässt wird hier bei uns fündig. Wer die Ursachen finden will, sollte auch nach Hamburg und Berlin fahren.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Her mit den leicht bekleideten Romanen

Sie schaut her, und ich schau hin – Schwupps! – Heidi, nun bin ich drin!
Demetrius Schrutz

Ich bin – eigentlich – der ideale Kunde für Verlage. Und wenn mein wohlgesonnenes Auge auf dem stetig wachsenden Bücherstapel am Sofa ruht, verzeichnen mich die deutschen Verlage sicher auf der Seite der wirklich guten Kunden. Immer noch. Der Buchmarkt lebt, ähnlich wie Konzertveranstalter, von Menschen wie mir. Von einem kleinen Teil der Bevölkerung, der Zeit und Geld hat und wirklich gern liest. Von denen, die wirklich noch in kleine Buchgeschäfte gehen. Wenn ich in Bad Tölz bin, zum Beispiel, gibt es eine hübsche kleine Buchhandlung. Da gehe ich praktisch immer hinein und kaufe ein Buch. Da gibt es, wie in der dummen, kleinen Stadt an der Donau oder in Wasserburg, einen Buchhändler, der selbst liest und mir zutreffend sagen kann, was mir gefallen könnte.

Manchmal lese ich auch den Waschzettel und sage mir: Das probieren wir mal. Das sind dann meistens die Rohrkrepierer, bei denen ich nach 50 Seiten den Eindruck habe, man müsste mir die Innenwände meines Gehirns mit Kernseife ausschrubben. Natürlich mag man das unter denen, die nicht nur aus Freude lesen, anders sehen, aber einmal lieh sich meine Mutter am Tegernsee ein Werk eines eher akademischen, deutschen Nachwuchsautors aus und rief mich an, nur um mir mitzuteilen, dass das Buch ganz schrecklich sei und sie nicht gedenke, da auch nur einen einzigen weiteren Absatz zu lesen. Manchmal kaufe ich Bücher, weil ich mir sage: Es mag sein, dass es mir beim ersten Anschein nicht gefällt, aber man muss alles mal probiert haben. Dadurch kam ein in den Medien Vielgerühmter mit beachtlicher Preissiegerliste in meiner Wohnung, und ich fand ihn selbst ganz schrecklich. Früher empfand ich es als persönliche Niederlage, ein Buch nicht auszulesen, Inzwischen bin da radikal: Es gibt keinen Grund, sich von so einer Person nach einer gewissen, ernsthaften Abmühung am Text auch nur eine weitere Minute Lebenszeit vergällen zu lassen. Ich lasse mich schließlich auch nicht zwingen, Leberkäse zu essen. Im Sommer darauf griff meine Mutter ins Regal und lieh sich ein Buch von Deborah Levy aus, weil sie dachte, es könnte spannend sein. Das habe ich mir damals rein äußerlich auch gedacht, sicher irgendeine französische Poolgeschichte, und wir beide fanden es dann belastend. Da bin ich auf Cover und Waschzettel hereingefallen.

Wenn man eine weitere Wohnung bezieht, wächst eine Bibliothek der dort gekauften Bücher, und daher habe ich etwas Überblick über meine immer noch häufigen, aber seit Studentenzeiten klar abnehmenden Erwerbungen. Zwei von drei Büchern sind Monographien und Ausstellungskataloge über Kunst, denn ich gehe in kein Museum, ohne mir nicht mindestens ein Buch zu kaufen. Das ist geblieben, wie es schon immer war. Bei Belletristik könnte ich nun geschickt ablenken und Ihnen die bibliophile Ausgabe der Prínzessin Brambilla dem Verlag Artur Wolf, Wien, zeigen, und erzählen, wie ich dieses Buch im Privateinband mit Kennerblick aus einer roten Plastikkiste auf dem Flohmarkt zog. Ich könnte versonnen im weimarschen Musenhof von Wilhelm Bode blättern und sie darauf hinweisen, schauen Sie mal, dass das Buch noch 1919, ein Jahr nach der Revolution, von Mittler&Sohn, königliche (!) Hofbuchhandlung verlegt wurde, und gemütlich in eine Debatte über monarchistische Kultur in der Weimarer Republik abrutschen. Seit 1901 hatte dieses Werk damals bereits 17.000 Exemplare verkauft, und es liest sich erfrischend. Und es ist als Buch nach 100 Jahren mit seinem Dünndruckpapier der allerschlechtesten Zeit immer noch in einem famosen Zustand.

Ich lese also auch “alte Schinken”, die andere achtlos dem Wohnungsausräumern überlassen. Ich habe meine Vorlieben und gebe für eine gute Gestaltung der Bücher auch gern mehr Geld aus. Ich komme aus einem lichten Tale und singe ein Lied, das lautet “Kommet zu mir, Verleger, bringt mir Eure Güter, die jungen, heissen Feger, die delektieren die Gemüter”. Aber das Tal wird zu einer nebligen Schlucht, und während überraschenderweise der grässlich klingende Titel Krematorium von Rafael Chirbes tagelanges Lesevergnügen nahe an Gabriel Garcia Marquez lieferte, rutschte meine Stimmung bei Veronique Ovalde, Die Männer im allgemeinen gefallen mir sehr, zunehmend in den Abgrund Bei manchen schlechten Büchern lese ich hinten wenigstens nach, was aus den Figuren wurde, aber mittlerweile ist mir das mitunter egal.

Es ist nicht durchgehend so, dass “alle jungen Frauen und alle deutschen Autoren” langweilig wären, und nachdem ich Nora Gomringer persönlich erlebt habe, habe ich ihre Bücher gekauft und mit Genuss gelesen. Ich stehe nur in Buchläden vor den Regalen und merke selbst, wie spanische oder portugiesische Namen und deren Titel meine Aufmerksamkeit bekommen. Das ist nicht neu, in meiner Jugend galt zum Beispiel Jorge Amado als absolute Pflichtlektüre für jeden, der sich auf amüsante, linksliberale Art mit den Kulturen und Widersprüchen Südamerikas auseinander setzen wollte. Es kann sein, dass “Das Nachthemd und die Akademie” heute noch einen neuen Verleger fände, aber “Dona Flor und ihre zwei Ehemänner”, “Die Geheimnisse des Mulatten Pedro” und “Die Abenteuer des Kapitäns Don Vasco Moscoso“? In einem Land, in dem Mohrenapotheken wegen ihres Namens unter Druck gesetzt werden, wäre Amado einer der ersten Kandidaten für das Autodafé der Bildungsfernen. Was glauben Sie, wie oft bei Amado Frauen, gern auch mit Hinblick auf ihre teilweise afrikanische Abstammung – Amado geht damit ganz offen um – auf den Hintern… Das könnte man heute nicht mehr neu verlegen. Dauernd reden die Leute und Sex, Essen und soziale Gerechtigkeit – zwei von drei Themen haben im von jungen Frauen dominierten Verlagswesen gar nichts mehr verloren. Aber ich merke beim Lesen, dass Amado, Ibargüengoitia und andere immer noch bei jüngeren Autoren Lateinamerikas durchscheinen.

Das geht auch in Italien, wo das Erbe von Calvino nicht unbedingt vergessen ist. Aber wenn ich vor Deutschen stehe, und die machen klar die Mehrheit in Buchläden aus – da denke ich mir: Wenn ich das jetzt kaufe, und es ist schon wieder ein Literaturbetriebsprodukt mit Blick auf Studienaufenthalte in Rom und Stadtschreiberposten in Bochum, dann denken die Verlage, sie könnten sich das leisten, und publizieren noch mehr von dieser Sorte. Meine Experimentierfreude bestätigt sie in der Einfallslosigkeit anämischer Stilisten, die wahrhaft schöne Themen nur in ironischer Verblendung oder gestelzter Distanzierung aufnehmen, mit dem klaren Ziel, überall ein Problem zu sehen. Oder eine Nazigeschichte. Oder ein Vergewaltigungstrauma. Oder eine ansteckende Krankheit. Oder einen Mutter-Tochter-Konflikt, den ich auf meinem Sofa nicht lesen will, und auch nicht gern im Regal meiner geschätzten Buchhandlungen sehe.

Im Ergebnis dominieren zwar Frauen die Bestsellerlisten, aber sie tun es mit geringer werdenden Umsätzen. Das kann ihnen gleichgültig sein, der Ruhm ist ihnen gewiss. Aber auf der Kundenseite finde ich wie viele andere weniger, was ich einfach gerne haben will. Ich ertrage nur einen gewissen Anteil Experiment auf sicherer Freude, ich werde ungehalten, wenn jedes dritte Buch ein Flop ist, und kaufe dann lieber noch eine Kunstmonographie.

Es macht mich nicht ungebildeter, mein Schwerpunkt verlagert sich, und wenn ich dann höre, dass der Buchhandel mit Einbrüchen zu kämpfen hat, denke ich mir nur: Ach? Soso. Ja, das mag sein. Wissen Sie, früher wurden Buchgeschäfte gleichermaßen von Männern und Frauen besucht, heute stelle ich oft fest, dass auf einen Kunden drei, vier Kundinnen kommen. Vielleicht bin ich nicht der einzige, der nicht schon wieder Bücher über Ekzeme und SS-Opas lesen will.

Literatur war nie die Literatur für alle, aber früher angelte die gewerkschaftliche Büchergilde Gutenberg den Arbeiter wie den besseren Sohn mit Büchern von B. Traven – ein weisser, deutscher Mann, der die grausame Geschichte von indigenen Völkern für seinen eigenen Weltruhm benutzte und an Hollywood verkaufte. Man fühlt geradezu das aufgeregte Tastenhämmern von Schwarzrandbrillenträgern, die einen Rollkragenpulli tragen und sich deshalb trotz Tätigkeit für SPON für Feuilletonisten halten, um so einen Kolonialrassisten zur Strecke zu bringen, denn bei Christian Kracht konnten sie sich damit ja auch schon ins Scheinwerferlicht inquisitionieren. So trägt der Betrieb dazu bei, dass das eine in die Vorschauen kommt, und das andere vielleicht eher nicht, und wer will schon den verbliebenen Markt der mittelalten, weissen Frauen mit sozial korrektem Bewusstsein gefährden, um verlorene Leserschichten anzusprechen, denen nur mit viel Sex und Gewalt eine undogmatische Ahnung der richtigen Einstellung angeboten werden konnte.

Also, komplizierte Gouvernantenliteratur kaufe ich nicht, um Verlage nicht auf falsche Ideen zu bringen, Amado kann man auch drei, vier mal lesen, ohne dass es langweilig werden würde, es kostet auch nichts, und Museen freuen sich natürlich, wenn teure Werke über Bustellis laszive Porzellanarbeiten, Photographie im Moulin Rouge oder die Beziehungen zwischen Rom und den Barbaren zum Festpreis verkauft werden. Ich bin Kunde, man liefere nach meinem Plaisier: Hic Rhodus, hic salta. Tanja Blixen hat es doch auch geschafft, auf 65 Seiten sieben Skandale der besseren Kreise mit Sex und Gewalt unterzubringen: Beziehungen können ohne 180 Seiten Leiden an der deutschen Geschichte formvollendet scheitern.

Und Wagenbach möchte ich von der Kritik meistens ausdrücklich ausnehmen.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Die Aufgabe der Klimaziele und Dämmplatten

DIN EN 13169 EPB

Jede Region des deutschen Landes pflegt Eigenheiten, die dazu angetan sind, dass sich alle anderen mit Schaudern abwenden: An der Nordsee werden schleimige Muscheln als Delikatesse gehandelt, in Niedersachsen wird etwas als “Brot” verkauft, das bei uns Backstein heißt und in der Architektur verwendet wird, in Berlin halten sie einen rot-rot-grünen Senat für eine Regierung und ich habe schon einmal nicht fetttriefende Krapfen in Hessen gegessen, da war der Marmeladeanteil bei weniger als 0,2%. Allerdings sollte ich mich nicht beschweren, denn auch meine Heimat kann beim Wettbewerb der Absonderlichkeiten, wie immer, einen Spitzenplatz erreichen. Wir haben den Leberkäs. Stur behauptet der Bayer, es würde sich nicht um aufgekochte Schlachtabfälle, Darminnereien, Hirn und zerkleinerte Küchenrollen handeln, die mit Blut für roten und Urin für weißen Leberkäse entsprechend gefärbt werden, sondern um eine Spezialität. Aber ich komme von hier und kenne die echten Rezepte aus der alten, schlechten Zeit und habe nie verstanden, wie die Menschen in meiner Heimatstadt jeden Tag brav zum Metzger L. pilgern konnten, um dort am Mittag dieses Gericht so sehr in Senf zu tunken, dass es nicht mehr nach dem schmeckt, was es wirklich ist.

Aber wie auch immer, der Metzger K. alteingesessen seit dem 18. Jahrhundert an dieser Stelle dort unten im schlechten Viertel der Stadt, musste vor 14 Jahren schließen. Nicht etwa, weil der Einheimische nicht weiter zu Mittag dort Senfflecken auf sein erst 5 Tage getragenes und damit sehr frisches Hemd geträufelt hätte, sondern weil moderne EU-Forderungen in dem alten Gemäuer nicht mehr zu erfüllen waren. Man hätte die Produktion, die man im ganzen Viertel gerochen hat, aus der Altstadt weg verlagern müssen. Dazu sahen sich die Eigentümer nicht mehr in der Lage, zumal deren Kinder ein Professor in den USA und eine Lektorin in München wurden, und so wurde die Metzgerei geschlossen. Das barocke Haus wurde vorbildlich restauriert, und über dem Bereich, in dem früher der Leberkäs produziert wurde, mauerte man ein sogenanntes Townhouse kubistisch auf. In den Augen der Hiesigen fügte sich der Kasten nicht ins Bild, denn dort, wo andere ihren Giebel hatten, war hier einfach nur die Mauer der Dachterrasse.

Und während ansonsten von den Bürgern versucht wird, den Umbau ihrer Häuser in der Altstadt mit wenig Aufwand zu betreiben, war hier ein richtiger Architekt anwesend, der dem Vernehmen nach ganz von sich aus bereit war, das Objekt auch noch nach den Umweltidealen der Merkelepoche mit Schaumstoff einzupacken. In der Althausszene herrscht ansonsten die Überzeugung vor, niemals einen alten Putz zu entfernen, denn so gut wie der alte Putz wird kein neuer. Der aufgestockte Kubus jedoch wurde eingepackt, neu verputzt und grün bemalt. Schaut her, sagte das Ensemble, ich bin nicht mehr die Quelle Eurer heiß geliebten Schlachtabfälle mit Hirn und Augen und Reinigungspapierbeimischung, ich bin ein neues Haus, ein Vorbote der Zukunft, ich sehe aus, als würden die Bewohner nicht einen Kaffee trinken, sondern ein kenianisches Spitzengewächs zelebrieren. Einst roch ich nach Tod und Verwesung, hinter meinen Mauern wurde Fleisch durch den Wolf gedreht wie der Schulz durch die Koalitionsverhandlungen. Heute bekommen wir jeden Donnerstag die Zeit und verachten jeden, der seinen täglichen Bedarf nicht mit einem abgasfreien Spaziergang durch die pittoreske Altstadt erledigen kann. Hier ist mit einer Ausnahme fast jedes alte Haus so saniert, dass kein Oida Schdodara die Schleifmühl, in der der kubistische Gentrifiziererbrocken liegt, noch als das erkennen würde, was sie früher war: Ois Glosscheamviadl fiad Hobara, Heislleid und Graddler.

Diese Hybris und die Trennung des Einheimischen von seiner Lieblingsspeise bei seinem Lieblingsmetzger sorgten dafür, dass das Haus nicht nur ein Haus, sondern auch ein Symbol für eine wenig erbauliche Veränderung war: Neue Verordnungen hatten nicht nur einen Traditionsbetrieb hinweg gerafft, sondern auch noch Dämmplatten in die Stadt und an ein herausragendes Gebäude gebracht. Obwohl Dämmplatten so nahrhaft wie Leberkäs oder Berliner Spitzengastronomie sind, blieb in den rachsüchtigen Köpfen der Einheimischen der Eindruck: Unsere Metzger nehmen sie uns, und dann zwingen sie uns Styropor auf, für den Klimawandel. Vor dem Klimawandel gab es hier unten jährlich drei, vier Überschwemmungen, wenn die Schneemassen in den Alpen tauten oder einfach mal schlechtes Wetter war, monatelang waberte der giftige Donaunebel, und im Winter musste man jeden Morgen nach den eisigen Nächten Schnee räumen. Jetzt hat sich der Mensch endlich aus der späten Eiszeit herausgeheizt – prompt muss der Metzger schließen, und das alte Haus mit immensen Kosten eingeschäumt werden. Wie bei anderen Herausforderungen der Merkelzeit darf man ja den Mund nicht mehr aufmachen, aber gerade populär war diese Veränderung, die in die Altstadt kam, ohne dass man sie von der Stadtmauer mit Kanonen hätte beschießen dürfen, bei uns nicht.

Die Bauarbeiter kauften gegenüber bei der Bäckerei ein, die zur Mittagszeit dann ebenfalls Leberkäs angeboten hat, erzählten der Verkäuferin von den Problemen beim Umbau und wie es so ist, wusste dann auch die ganze Stadt, dass nicht alles glatt ging. Es kam einfach viel zusammen, und wer hier lebt und vorbei geht, schaut wissend das Gebäude an und denkt sich: Das war keine gute Idee. Was da passiert ist, was da der Stadtgesellschaft angetan wurde, da muss man sich Sünden fürchten. Das kann nicht gut gehen. Und tatsächlich, wenn man genau hinschaut, sieht man inzwischen Verfärbungen im Putz entlang mutmaßlicher Schaumplattenkanten. Irgendwas, vermutet man, stimmt da hinter der Fassade nicht, sonst gäbe es die schwarzen Linien nicht.

Und besonders resistent gegen mechanische Belastungen ist der Umbau trotz Armierungsfolie auch nicht. Sie kennen das: Wenn man etwas nicht besonders mag, weil es einem gegen die eigenen Wünschen zugemutet wird, dann sieht man plötzlich jedes fragwürdige Detail. Zumal auf die besitzende Klasse nicht nur die Dämmplatte für das Klimaziel, sondern auch der Energieausweis für dreiste Mieter aus dem Norden dazu kommt, die, wenn es ihnen nicht passt, doch in ein gedämmtes Kasterlhaus ins Donaumoos ziehen sollen, zu den anderen Zuchthäuslern, die da vor 150 Jahren zwangsangesiedelt wurden, zefix owara.

Also, das Haus war ein Anlass für schlechte Laune, obwohl es eigentlich die Altstadt verschönerte und ein klarer Gegensatz zu dem Haus dahinter gewesen ist, das seit Jahrzehnten unrestauriert vor sich hin bröckelte. Nun aber geschah es, dass dessen Besitzer dieses ältere Haus ohne Genehmigung hat abreißen lassen, ein Frevel der besonderen Art, der in unserer kleinen Stadt für sich schon ein Skandal ist. Aber wie es nun mal so ist, das andere Haus ist weg, und jetzt sieht man von hinten erst, wie die Isolierung wirklich gemacht wurde.

Warten Sie, warten Sie, das ist noch gar nichts, dass dieses topmoderne Ensemble hintrücks der alte, überklebte Schleifmühlslum wie eh und je ist. Seit Tagen steht der Stadtbewohner vor dem Desaster und schaut sich nicht nur die alten Kacheln alter Bäder an, sondern auch, was da alles am verhassten, sagen wir es gradaus, wie es ist, Schaumstoff zu erkennen ist. Da wurde nämlich ganz schön mit Schaum rumgeschmiert.

Und was ist dieses schimmlig aussehende, dunkelgrüne Zeug da?

Diese Abstände zwischen Isolierungsschicht und Mauer, gehören die wirklich so? Man hört doch so viel von Schimmel an Grenzflächen, die das Wasser nicht verlassen kann. Und wie schaut es mit dem Kamineffekt aus, wenn das einmal brennt und von beiden Seiten Sauerstoff nachkommt? Man fragt ja nur, nicht wahr. Und da, ui, schaugn’S nur, pfeigrod, die Platte, die ist unten schon in sich geborsten. Wie ist das eigentlich im Winter, wenn da Feuchtigkeit eindringt und gefriert, reisst das nicht die vorhandenen Spalten noch mehr auf?

Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang mit diesen komischen Linien auf der anderen Seite? Nemmas’es ned peasenlich, ma frogd ja nua, so wengam Mitleid. Jo, es is fuachtboa, fuachtboa, sog i Ehana, fuacht-boa. Es ist eine Sensation, und die Merkelregierung wird wieder Millionen für Plakate ausgeben müssen, die für Dämmung werben: Aber wir sehen, wie das ist, wenn einmal das Nachbarhaus weg bricht. Eigentlich müsste hier den ganzen Tag ein Vogt des Umweltministeriums stehen und Anweisungen verteilen, wie der Bürger die Schäden zu beurteilen hat und warum das alles kein Problem sein kann, wo es kein Problem sein darf. Ich war gestern auf dem Wochenmarkt und habe allen gesagt, sie sollen schnell herüber laufen und sich das anschauen, aber die meisten kannten es schon. So ist das hier bei uns, es kam halt einfach viel zusammen.

Es gibt Eisbärenvideos im Netz und Forscher, die schon vorher wissen, was sie in Antarktis und der Sahara als Belege für die kommende Katastrophe finden wollen, aber die Dämmerei ist allgemein verhasst, und was man hier jetzt bei uns findet, das will man nicht zwingend am eigenen Haus. Für Wochen und Monate sieht jetzt jeder, wie das wirklich ist, und wir sind alle gespannt, wie das mit dem Neubau laufen wird. Denn der Abreißer hatte keine Baugenehmigung, das kann sich noch sehr lange hinziehen, und so lange wird der Nordwind Regen gegen die offene ´Mauer peitschen, neben der das offene Styropor mit seinen Rissen und Fugen klebt. Es wird ein epischer Großversuch, wir haben alle schon Photos gemacht, um die Entwicklung zu dokumentieren, und warten gespannt auf den Tag, an dem zu erkennen ist, wie die Wand darunter wohl aussehen mag. Altstadt, Laufnähe, jeder kennt jeden und es is wias is, sagen wir in Bayern. Es ist vielleicht gar nicht so schlimm, aber die Klimaziele haben wir innerlich schon aufgekündigt, bevor Merkel und Schulz erklären, warum die Nation an ihren eigenen Vorgaben scheitert, und was nun an Projekten getan werden muss, auf die hier auch keiner so wirklich Lust hat. Kein Eisbär kann so hungrig sein wie ein Bürger, der den Leberkäs vom K. kannte und ohne Aussicht auf Befriedigung seiner Gelüste an der ehemaligen Metzgerei vorbei gehen muss. Das verstehen die hohen Herren und Damen in Brüssel und Berlin nicht. Sie schicken Forscher für ihre Wunschergebnisse um die Welt und erwarten, dass sie am Ende von den Hiesigen die Wunschergebnisse bei der Wahl bekommen.

Dass sie sich da mal nicht so täuschen, wie ein Dämmplattenbewohner.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Kein Mitleid mit Millenials

Sei still Bub, lass sie reden, was wir tun, geht niemand etwas an.

Nachdem noch kein Reichtum vom Himmel gefallen ist, wurde er hier unten irgendwie erschaffen, und wie es immer so ist: Des einen Vermögen ist das, was der andere nicht hat. Das sorgt natürlich dafür, dass es hier, in meiner kleinen, dummen Stadt an der Donau, unausrottbare Legenden über die bekannten Familien gibt, die man nicht laut sagt, sofern mehr als 200 Leute in einem Saal sind. Kein Ton! Also, zum Beispiel, da ist die Familie B., Sanitärdynastie, da sollen die Schwestern 1890 den Erstling, der wegen Frauengeschichten nichts taugte, mit Ratzengift aus dem Weg geräumt haben, aber der Firma tat es gut. Bei den G.s lief das Immobilienvermögen wieder zusammen, nachdem eine Tante mit Neigungen, alles der Kirche zu vermachen, in 17 Meter Höhe aus den Fenster schlafwandelte, so um 1927 war das. Gewissen Konditorenclans wird nachgesagt, dass sie Kakerlaken an Stelle von Korn gern mitverbacken haben, und die angesehene Familie K. hat jahrzehntelang über einen sudetendeutschen Hausmeister ein Haus vermietet, das rot angemalt war, und eine nackte Frau im Schaufenster zeigte, zu sehr hohen Preisen an durchreisende Damen. Naja. Sie kennen das sicher auch, diese Indiskretionen und Gerüchte, schauderhaft, das sagt man doch nicht.

Aber immerhin blieb das unter denen, die wussten, um wen es ging, und es stand nicht etwa, Gott bewahre, offen im Internet, das wäre ja schrecklich, und würde die besseren Kreise mit manchen Scharten und Schrunden versehen. Es ist wenigstens keine pauschale Herabwürdigung von Vermögenden, die auf die ein oder andere Art, gut oder böse, das Hab und Gut der Familien mehrten. So etwas machen wir hier nicht, das wäre ja langweilig. Gemacht wird es allerdings im Berliner Tagesspiegel von einem gewissen Christopher Lauer, seines Zeichens früherer Piratenpolitiker im Abgeordnetenhaus zu Berlin, und heute, soweit ich weiss, Mitglied der SPD, wo man dieses Talent angesichts der eigenen ruhmreichen Wahlsiege gern haben wollte. Ich habe seine Karriere etwas aus den Augen verloren, aber nun gibt es im Netz auch eine Textfassung seiner Wutrede. Lauer, mit Geburtsjahr 1984 tatsächlich Millenial, sprich der um das Jahr 2000 herum volljährig geworden Jugend, kritisiert im Zuge der #diesejungenLeute-Kampagne generell ältere Semester, die den Jungen die Chancen rauben. Erfreulicherweise hat Hadmut Danisch den Videoauftritt nicht nur in großer Schrift für Ältere transkribiert, sondern auch schon umfassend einen anderen Standpunkt eingenommen, so dass sich jeder eine gefällige Sichtweise erwählen kann. Allerdings ist da ein Satz von Lauer, bei dem ich auch etwas anmerken möchte:

Die ältere Generation, insbesondere die Baby-Boomer, die fliegen ja ins gemacht Nest, ne? Wirtschaftswunder, stabile Sozialsysteme, gute Löhne, feste Arbeitsplätze, nicht soviel Konkurrenz, und man konnte sich Wohnungen für 50.000 Mark kaufen, und die dann easy-pisi abbezahlen, weil man eben wusste, dass man fest angestellt ist.

Es geht ihm um Personen wie meine eigenen Eltern, und weil es meine Eltern sind, habe ich zu dieser Goldenen Zeit, von der der nachgeborene Lauer da berichtet, auch etwas beizutragen – ich restauriere gerade eine Wohnung aus jener Zeit. Zum Beispiel, dass man in halbwegs akzeptablen Lagen halbwegs guter Städte niemals Anfang der 70er Wohnungen für 50.000 D-Mark bekommen hätte, die für eine Familie ausreichten. Diese Zeit, in der die jungen Leute selbst zwischen Berufsanfang und Familiengründung standen, war alles andere als sicher, 1973 gab es eine Ölkrise und 1979 noch einmal. Dazwischen lag Rezession und RAF-Terror. Von 1964 bis 1969 herrschte bei Audi mit damals 12.000 Mitarbeitern in der Region eine schwere Krise, die die Wirtschaft der ganzen Region in ihren Grundfesten erschütterte: Es war nichts sicher, niemand konnte wissen, wie es weiter ging, die Eltern eines Bekannten mussten ihre Drogerien aufgeben: Trotzdem kostete damals ein kleines, älteres Haus mit Garten schon 150.000 Mark.

Aber daran führte damals kein Weg vorbei, denn dem Bürgertum, das Dutzende von wenig schmeichelhafte Begriffe für Mieter kannte, war es unvorstellbar, selbst in den sozialen Wohnungsbau zu gehen. Auch viele Gastarbeiter, die in die Stadt kamen, legten jeden Pfennig beiseite, um sich ein eigenes Haus leisten zu können. Beim Abbezahlen von Bankschulden halfen in den 70er Jahren die relativ hohe Inflation, die auf der anderen Seite das Geldvermögen verrnichtete, und die teilweise erheblichen Lohnsteigerungen, sowie die steuerliche Absetzbarkeit von Krediten. Vor allem half aber eine Sparsamkeit, die aus heutiger Sicht teilweise groteske Züge hat: Zahnpastatuben wurden zerschnitten, um alles heraus zu holen, Spülmittel wurde verdünnt, und der mir als Paradies erscheinende Apfelstrudel und der Zwetschgendatschi waren in der Erntezeit alles, was es an Süßspeisen gab. Kein Sirup, wir haben eigenen Apfelsaft, kein grüner Wackelpudding, weil zu teuer, keine Barbie und kein MonChichi, weil damit fangen wir erst gar nicht an, Fußballsammelbilder galten als Teufelswerk, und nie konnte mein Vater es sehen, wenn ich eine Digitalkamera ohne Bereitschaftstasche trug. Der Anblick einer ungeschützten Kamera war ihm unerträglich, denn er wusste, was Objektive früher gekostet hatten, und wie man sie begehrte. Es war einfach eine andere Welt.

Aber eben auch eine, die Prioritäten gesetzt hat, und nach Familie, Immobilie und Abitur für die Kinder kam ganz lange Zeit: Nichts. Rückblickend habe ich überhaupt nicht den Eindruck, dass meine oder andere Eltern die Kinder kurz gehalten hätte, ganz im Gegenteil, die Kindheit war schön und erlebnisreich und viel, viel besser als das, was die Generation davor in der Nachkriegszeit an Armut, Kälte, Beengung und Hunger erleben musste. Die Freizeit dieser Tage würde nicht mehr dem heutigen Sicherheitsdenken entsprechen, und die gebauten Häuser waren Symbole der Überwindung der Nachkriegsnot. Sie war aber ganz sicher nicht easy-pisi. Tischgespräche drehten sich oft um Finanzen, Belastungen und Kosten, denn meine Eltern wollten und bekamen ihr eigenes Haus im eigenen Garten. Niemand hat sich deshalb beklagt, das haben alle bauenden Eltern eisern gegen alle Krisen und Unsicherheiten durchgezogen. Dieser Wille zum Eigentum hat die Gesellschaft verändert: Hatten 1993 noch 38,8% der Bevölkerung Wohneigentum, sind es jetzt 52,4%. Das ist im internationalen Schnitt immer noch seher niedrig, in Italien und ähnlichen Ländern ist die Partnersuche ohne Wohneigentum eher schwierig. Da sparen 4, 5 Generationen an Häuser hin: Das sind Leute, die den deutschen Weg als „easy-pisi“ bezeichnen könnten.

Aber nicht die Wütenden in Berlin, wo Herr Lauer sagte:

„Wohnungen kaufen kannste Dir heutzutage abschminken, wenn Du n einer Stadt wie Berlin oder sonstwo leben willst, weil es ist halt astronomisch teuer. Wenn Du nicht gerade irgendwo in der Uckermark leben möchtest.“

Berlin war, abgesehen von einem kurzen Hype in den späten 90er Jahren, finanziert durch dummes, deutsches Zahnwaltgeld aus dem Süden, spottbillig. Es wurde in den 90er Jahren viel zu viel mit überzogenen Renditeerwartungen gebaut, die Fonds gingen reihenweise pleite, und als dann noch die New Economy zusammen brach, wurde Berlin wirklich günstig. 2008 kam die Finanzkrise dazu, die Banken wurden mit Geld geflutet, und die Zinsen sanken auf Null: Das enorme Überangebot, die Krisen und der Umstand, dass gezielte Wohnimmobilieninvestitionen bei Deutschen bis 2008 ungefähr so beliebt wie Rattengift waren, machten Berlin zur billigsten Hauptstadt von Lissabon bis Peking. Und die jungen, zugewanderten Menschen fanden es prima, dass sie alle paar Monate mit einer Robbe in die nächste, bessere Mietwohnung umziehen konnten. Man wollte flexibel sein, sich nicht festlegen, keine Verantwortung übernehmen, und so stand ich eines Tages in einer wirklich schönen, sonnigen Altbau-Wohnung am Humboldthain, und ein zerknitterter Makler ganz ohne Porsche verlange dort für den Quadratmeter keine 700 Euro. Mehr war damals einfach nicht zu erzielen. Selbst die abgelegenen Dörfer meiner Heimat waren teurer als Berlin.

Das war nicht nur eine kurze Phase. Vom Ende der New Economy 2002 bis zum vollen Ausbruch der Eurokrise 2010 waren Immobilien schlichtweg unterbewertet, und speziell in Berlin extrem günstig zu bekommen – ich kenne einen geplatzten Fonds in Charlottenburg, bei dem der Quadratmeter Wohnfläche nur 500 € erbrachte.. In meiner Familie herrschte Ende der 80er Jahre noch die Überzeugung, dass Kaufen in München langfristig erheblich günstiger als die Mieten wäre. Der – zugegeben kleine – Preis war, dass kein Kind auf die Idee kommen konnte, den Wohnort Knall auf Fall zu wechseln. In Berlin erfand man eine Mieterbewegung und dachte, es werde schon gehen, egal wie viele andere Prekäre, Kanzleien, Firmensitze, Künstler, Zweitwohnsitzhabenwoller, Hostelbetreiber, Migranten innerhalb und außerhalb der EU und AirBnB-Weitervermieter in die Stadt zogen. Die Bevölkerung ist arm und kann sich oft keinen Kauf leisten. Aber die Paradiesvögel der digitalen Boheme, die ich kennenlernte, waren oft nicht wirklich arm, sondern auf der Suche nach der Hauptstadt und Projekten und nicht gezwungen, wie Egon Plawumkowski um 9 Uhr Toiletten anzuschließen. Man probierte etwas aus. Man hatte eine Idee, Man wollte etwas Neues machen, vom Esoterik TV bis zur Bitcoin-Börse. In der Lauerklasse der Berliner Öffentlichkeit gibt es viele, die jahrelang suchten und heute politischen Aktivismus betreiben. Easy-Pisi halt. Immer tun, was einem richtig erscheint, wie: Aufstand der Millenials gegen die fetten, eingerosteten, alten Privilegieninhaber, gegen die Leute, denen bis 2003 von nassforschen Vermögensverwalter erklärt wurde, Immobilien seien ein Klumpenrisiko mit Nullrendite.

Für die Aufpeitschérei braucht man einen Anlass, einen Dreh, einen Spin, und Neid ist da eine starke Waffe, wenn es zur Umverteilung, zur sozialen Gerechtigkeit, zum BGE kommen soll. Die Erzeugung des Neids geht nicht mit Wochenendausflügen ins Schambachtal statt Kurzflügen nach London, das geht nicht mit Wählscheibentelefon mit Kostenliste statt iPhone, das geht nicht mit Leberwurstsemmel statt Angus-Beef-Burger, das geht nicht mit einem 15 Jahre betriebenen Schwarz-Weiss-Fernseher statt Netflix und Amazon Prime, und es geht auch nicht mit Zwetschgendatschi statt Essenlieferung mit 25€ Mindestbestellwert. Das muss man ausblenden, um die Alten als Reiche zu diffamieren, die sich angeblich auf wenig lautere Art bereichert haben. Man muss ihre seit 1973 nicht mehr existierende Vollbeschäftigung und die Bedrohung durch Kurzarbeit und Frühverrentung verschweigen, um Praktika und prekäre Beschäftigungen dagegen zu halten. Ich sage es nur ungern, aber wer eine falsche Lebensentscheidung trifft und trotz Hochschulbildung Berufe wählt, die nicht gut bezahlt werden, hätte seine Studienentscheidung überdenken sollen. Das ist das Risiko, das diese Leute – und ich gehöre mit meinem Studium selbst klar zu ihnen – eingegangen sind. Manchmal geht es gut, manchmal macht man Photos und Texte am Markt einer Stadt vorbei, in der sich jeder zweite zum Künstler berufen fühlt. Es gibt hierzulande deutlich schlimmere Schicksale als unzufriedene Millenials des westdeutschen Besitzbürgertums, die sich nicht genug gefördert sehen und eine Wohnung in Mitte zum Uckermarkpreis erwarten. Und meine Bäckereiverkäuferin, die jetzt mit 30 Jahren und ihrem Freund neben ihren Eltern ein Haus in einem Vorort baut, erscheint mir deutlich gesetzter.

Die Risiken meiner Eltern waren ganz andere. Diese Risiken wurden ernsthaft besprochen und überwunden. Keiner hätte sich bei uns mit einem vulgäre Video beim Tagesspiegel über die Lage beklagt. Man hat die Zähne zusammen gebissen und getan, was getan werden musste, und das alles auch ohne die Untaten, die früheren Generationen nachgesagt wurden. Man hat es getan, und nicht öffentlich über die eigenen Probleme geredet.

Sondern nur über ökonomisch passende Stürze der Tanten und peinliche Auftritte der Kinder anderer Leute.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Kreuzberger Nächte werden kurz gemacht

Lakaien befolgen Gesetze, Könige sehen Zusammenhänge.
Gabriel Lorca

Da ist also dieser aufgeplatzte, blaue Sack auf dem Boden, voll mit Bauschutt, und er liegt schon etwas länger hier. Ratten und Mäusen gefällt das.

Und ich stehe davor, schaue in den bleigrauen Berliner Himmel, aus dem es tröpfelt, und denke daran, dass oben in Bayern, bei mir vor dem Haus, dieser Regen als Schnee herab kommen wird. Ich muss schneller als der Wind sein, denn wenn der Regen erst bei uns ist und gefriert, muss ich, wie jeder Hausbesitzer, das Eis vom Trottoir kratzen und den Schnee räumen. Das macht man halt, meine Vorfahren haben es gemacht, ich mache es auch. Hausbesitz bedeutet einfach, dass man beim Schneefall dort sein und die Verantwortung übernehmen muss. Aber hier in Berlin hat einfach jemand einen blauen Sack mit Bauschutt abgelegt. Weiter vorn steht eine Autotürverkleidung.

Mit Kleidungsstück. In Grün. Das hat jemand hier gelassen, und keiner will es. Ich will es beseitigen, das ist so in mir drin, denn wenn auf meinem Bürgersteig vor dem Haus etwas ist, räume ich es weg. Ich kann mich einen ganzen Tag lang über Zigarettenpackungen ärgern, ich fege nicht den Weg, sondern Leute an, wenn sie Zigarettenkippen vor meinen Augen wegwerfen: So ist nun mal meine Natur. Und wenn es schneit; zieht mich meine Natur eben nach Hause an die Schaufel und den Eishacker. Wie alle anderen auch. So sind wir nun mal. Selbst wenn die Gemälde drinnen mal wieder abgestaubt werden könnten. Aber die Strasse ist frei.

Das hier sind ein paar traurige Radreste – wer in Berlin Ersatzteile braucht, kauft eher nicht bei Ebay, sondern montiert wohl einfach etwas ab. Bei uns bekommen Schrotträder orange, datierte Aufkleber, um feststellen zu können, ob sie noch bewegt werden. Ist das nicht der Fall, bekommen sie einen Zettel, dass sie in zwei Wochen entfernt sein müssen. Sind sie dann nicht entfernt, werden sie abgeholt. So ist das bei uns. So sind wir. Wir können nicht anders. Wir können das alles gar nicht sehen.

Wir sehen es, verdrehen die Augen, richten sie zum Himmel und denken uns: Warum. Weil, es ist doch so: Das sieht hier überall so aus. Gleichzeitig aber, und das haben wir beim Verdrehen der Augen gen Himmel auch gesehen, beschmieren sie nicht nur ihre Häuser, sie bemalen sie auch. Zum Beispiel mit einer bukolischen Landschaft mit Hügeln, kugelrunden Figuren, zartrosa Himmel und einem netten, kleinen Einzelhaus, ganz anders als die riesigen Blöcke der Gründerzeit.

Niemand malt in dieses Bild einen blauen Müllsack, geplatzt wie die Karriere einer Modebloggerin, eine ausgerissene Türverkleidung wie ein seiner Heimat entflohener Schwabe, und Räder, funktionsunfähig wie der grüne Wohnungsankauf, in diese arkadische Landschaft. Was auf der Strasse ist, ist hier auf der Strasse, und was die Wunschvorstellung ist, ist an der Wand. Zumindest 1 Mensch hier denkt an eine Welt, die so heil ist wie ein Tourismusprospekt, und Tausende. Zehntausende sehen das. Diese Menschen hier haben blaue Müllsäcke, aber auch eine Vorstellung davon, dass es so nicht sein muss. Der hungrige Steinzeitmensch saß auf den Essensresten, malte fleischige Bisons in Höhlen und schnitzte rundliche Frauen aus Bein, hier malen sie eine grüne Landschaft und runde, zufriedene Figuren mit Lächeln, während sie bei Mülltüten sitzen. Das nennen Optimisten den menschlichen Fortschritt, aber: Das ist nicht alles.

Denn natürlich quetschen sie hier gebrauchte Kinderwägen und unbequeme 90er-Jahre Stühle der Postmoderne zwischen die Zugangswege der Baustellen. Das ist kein Zufall, das ist Absicht, sie wollen damit den Arbeitern, die hier die Gebäude sanieren, erschweren. Nicht jeder ist einverstanden mit den steigenden Mieten und der Aufwertung des Viertels. Manche kleben auch klassenkämpferische Zettel im Rot der Revolution an die Wände. Sie laden zu Kiezversammlungen ein, die so gut besucht wie die Wahlkampfstände der SPD sind, und halten sich dann wie die SPD berechtigt, für das Volk zu sprechen. Sie wollen ihren Kiez so, wie er früher war, so wie bei mir daheim auch viele in die gute, alte Zeit zurück wollen, als hier nicht nur Schnee geräumt, sondern auch jeden Sonntag morgen ordentlich gefegt wurde, egal ob am nächsten Morgen die Stadtreinigung noch einmal fegte oder nicht. So war das nämlich früher, am Sonntag um 11 fegte der Bürger und am Montag um 6 Uhr kam der Reinigungswagen und hatte nichts zu tun. Sauberkeit, fast so sinnlos wie Vandalismus.

Sie wollen also ihren alten, modrigen, braunkohlegeheizten Kiez behalten, und die Extremen rammen dafür alte Kinderwägen in Einfahrten, sie werfen auch mal Steine durch die Fenster und zünden hin und wieder Autos an, und die Bevölkerung meint oft, das gehört irgendwie dazu gehört. Sie kleben Gedichte von Brecht und Aufrufe zur Revolution an Säulen, und sie schrecken auch nicht vor, wie ich Single finde, schlimmsten Taten bei der Wohnungskäufervergraulung zurück, wie dem Eltern-Kind-Trommeln.

Aber ich habe ja den Traum an der Wand gesehen, und deshalb noch etwas genauer hingeschaut, und wir wissen ja, jede Kultur trägt den Keim ihres eigenen Verderbens in sich. Und während einen zerschlagene Kaugummiautomaten aus leeren Augenhöhlen anstarren, während Sticker noch von Revolution und Aufbegehren künden, ist daneben eine saubere Schaufensterscheibe.

Der Berliner wird das nicht beachten, er denkt sich halt, dass wieder eine junge Frau versucht, aus ihrem Schneiderhobby einen Beruf zu machen. Irgendwas mit Mode. Stoff kreativ aneinander fügen. Teil der Do-it-yourself-Bewegung, kleines Kiezhandwerk, gegen Globalisierung, bio, was man halt damit so verbindet. Aber so einfach ist das nicht, denn Nähen ist eine relativ komplexe Arbeit. Nähen erfordert eine hohe Präzision und Vorausdenken, Struktur und Hingabe. Schlecht angezogene Menschen gehen vorbei und denken an das Rattern einer Nähmaschine. Aber ich gehe vorbei, sehe die bis in die Kanten saubere Scheibe und weiß, dass bei uns früher die Frauen um so begehrter waren, je besser sie nähen konnten. Nähen ist ein Handwerk, das den Menschen formt. Näherinnen müssen wissen, wo welche Knöpfe sind, wie viel Stoff sie vorrätig haben, wann etwas fertig sein muss und wie man mit Kunden über längere Zeit ernsthaft kommuniziert. Näherinnen sind, wenn sie wirtschaftlich überleben wollen, alles, nur nicht Berlin.

Und natürlich hat hier niemand etwas gegen Erscheinungen, die Näherinnen bei uns in Miesbach kennen: Dass ein wahrhaft dickes Auto vorfährt und eine Frau aussteigt und erklärt, zu welchem Anlass sie welches Kleid ohne Rücksicht auf die Kosten braucht. Das bedeutet aber, dass das Auto dort nicht zerkratzt werden sollte, das bedeutet einen sauberen Weg und ein sauberes Fenster, und tatsächlich liegt hier kein zertretenes Rad und kein blauer Müllsack herum. Nähen ist ein Geschäft der guten und dauerhaften Kundenbeziehung, ganz anders als Ausverkauf im Ramsch ein graues Stück Kleidung, das man gerne mal auf einer Türverkleidung liegen lässt. Es gibt hier in dieser Ecke etliche Näherinnen. Sie müssen versuchen, sich zu erhalten. Sie können es sich gar nicht leisten, wie Berlin zu sein. Die Herzen der Konsumkritik fliegen ihnen zu, aber ein Herz für den Schlendrian können sie sich nicht abrechnen. Eher linke Projekte tun das übrigens auch nicht:

Und das ist nicht das einzige Beispiel für Verbotskultur, weiter vorne mahnt ein Schild, man sollte doch bitte nach 22 Uhr Rücksicht auf die Anwohner nehmen – darunter auch die Mutterkindtrommelterroristen, die in der Nacht zu Ruhespiessern werden – und leise sein. Schön leise. Und keine Motorräder mehr starten. Vermutlich leben hier Leute, die nach 22 Uhr die Motorräder geschoben sehen wollen.

Das ist schon eine ganz andere Welt als jene, die nebenan im Plakat hochgehalten wird.

So geht das hier immer weiter, Dreck, Schmierereien und dazwischen dann wieder die neue Berliner Verbotskultur der kurzen Kreuzberger Nächte mit Ruhe ab 22 Uhr – bei uns am Tegernsee fängt man da erst langsam an, auf den Biertischen zu tanzen zu “ich bin die Antonia aus Tyrolia” und “Sweet little Rehlein”. Es sind Hinweise auf eine Liberalität mit Grenzen. So fing das vor 12 Jahren auch im beliebten LSD-Viertel in Mitte an, und ein Club nach dem anderen musste wegen des Lärms schließen. Bei uns in Bayern wird man nicht glücklich, wenn man gegen die Glocken von Kühen und Kirchen prozessiert, aber hier geht das noch, der Tanzpalast von gestern ist die Lärmbelästigung von heute.

Die Ruppigkeit im Umgang macht keine Ausnahme für Subkultur. Irgendwann beschweren sie sich bei der Hausverwaltung, wenn der Schnee im Winter vor dem Haus liegen bleibt, denn wenn sie einmal mit einer Forderung durchkommen, legen sie sofort die nächste Beschwerde auf den Tisch. Weil sie können. In Bayern wird die Anspruchshaltung durch die Eigenverantwortlichkeit gedämpft. Hier wird erwartet, dass andere das erbringen, was man für wünschenswert hält. Verspiesserung ist nur eine Wandlung der Ansprüche an andere, aber nicht eine Anpassung der Methoden zur Durchsetzung. Die Miete soll nicht mehr als 5 Euro pro Quadratmeter kosten, aber die Leute, die das Mieterparadies für ihr gutes Leben ausnutzen, sollen beim sturzbetrunkenen Fall aus der Kneipe nach 22 Uhr ihren Oberschenkelhalsbruch still erdulden; und für das Blut die Müllsäcke verwenden.

Die werden sich noch wundern, wie kurz die Kreuzberger Nächte noch werden, denke ich mir, als ich zu meinem Auto gehe. Die Anfänge für den Kulturkampf sind gemacht, es werden sicher noch Näherinnen pleite gehen und Autos zerkratzt. Aber draußen am Autobahnring kosten kleine Wohnungen auch schon 480 Euro pro Monat und damit doppelt so viel, wie meine 75m² hier 2004 in einer anderen Gentrifizierungslage gekostet haben. Wer jetzt hier ist, wird kaum mehr umziehen, sondern vom Mieterschutz profitieren, altern, und neue Ansprüche entwickeln. Es wird alles teurer, aber nicht besser, und nie so wie auf dem bunten, arkadischen Wandgemälde. Ich lasse das Auto an, und sollte ich jemand aus dem Mittagsschlaf gerissen haben, weil mein Verbrennungsmotor etwas laut ist, so mag man mir das hier verzeihen:

Schon im Thüringer Wald bedeckte der Schnee alles Leben, und ich hatte es wirklich eilig, nach Hause zu meiner Schneeschaufel zu kommen.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.