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Feed Title: Stützen der Gesellschaft last 3 items


Leben wie Don Giovanni, überleben wie Leporello

You think you’re mad too unstable
Kicking in chairs and knocking down tables
In a restaurant in a West end town
Call the police there’s a mad man around
Pet Shop Boys, West End Girls

An einem kalten Januartag fuhr ich zu einem Mann, der viel Schlechtes über mich gehört hatte: Ich sei unkontrollierbar, höflich formuliert menschlich äußerst schwierig, und man würde es keine vier Wochen mit mir aushalten – dann würde ich eine brennende Lunte in die Pulverkammer werfen. Davon wusste ich nichts, aber erstens stimmte das alles aufs Wort und zweitens hatte man mir erzählt, mit dem Mann würde man es kaum aushalten, eine ganze Feuilleton-Redaktion sei vor ihm geflohen, ich sollte um Himmels Willen nicht glauben, dass er es ernst mit meinem Konzept für ein Blog über die eingebildete Oberschicht in einem bayerischen Westviertel meinen würde: Keine vier Wochen würde ich mit ihm aushalten. Nach acht Wochen wäre ich für diesen Mann barfuss durch die Hölle gegangen und hätte dafür bezahlt: Wenn er in seinem Stuhl saß, die genagelten Schuhe auf dem Tisch und die Cola neben sich, scheinbar entspannt und guter Laune, bis er einen Gedanken hörte, der neu und dreist war, um dann blitzartig wie ein Raubtier nach vorne zu schnellen – das machen wir!… Der Mann, der Nachts um drei anrief, weil er sah, dass ich noch Kommentare freischaltete und sagte, er hätte da eine Idee und wenn ich um 7 den Text schicke, geht er gleich nach vorne… Der Mann, der in Empörung baden konnte wie Siegfried im Drachenblut… der hatte am Tag vor seinem Tod noch so viele Pläne.

Und so theatralisch wie die erste Fahrt nach Frankfurt war auch dieser Dies Ater. Ich war auf dem Jaufenpass, die Sonne schien, und wie aus dem Nichts tauchte oben, als wir gerade angekommen waren ein Bergunwetter auf. Wir schossen auf den Rädern die 1150 Höhenmeter zurück ins Tal, die tiefschwarzen Wolken grollten hinter uns, und unten las ich dann die Nachricht. Meine Blogs waren mit diesem Tag vorbei, ich bot meine Kündigung an, aber der damals neue Onlinechef Mathias Müller von Blumencron wollte, dass ich trotzdem weiter schrieb. Es ging also weiter, und es wäre jetzt eigentlich vorbei, denn diesmal hat die FAZ beschlossen, diese meine Blogs nicht mehr unter ihrem Dach fortzuführen – relativ kurzfristig, mit mir sehr unangenehmen und überflüssigen Nebenwirkungen im Netz, aber auch einigen Nettigkeiten wie diverse sehr ernste Angebote, mich genau dort weiter schreiben zu lassen, wo ich hier das Blog zusperre.

Eines habe ich nicht kurz entschlossen wie damals in Januar, sondern nach reiflicher Überlegung angenommen. Die Fürsorge und Solidarität ist – für so einen kleinen, unbedeutenden Blogger und freien Mitarbeiter – sehr angenehm. Und es ist, zusammen mit dem Umstand, dass ich diesen Text in der Toskana schreibe, in einem sehr komfortablen Hotel und nach einer Radtour zu einem spannenden Thema, das nicht mehr hier laufen wird, schlichtweg keine Laune in mir, zu sagen: Aus, vorbei, das war’s. Das sagt man nicht, es stimmt auch nicht. Deshalb möchte ich hier exemplarisch über einen anderen Herren sprechen, der sich nach schicksalhaften Momenten derrappelt, den Staub des Höllenfahrt von sich abschüttelt und in die Schänke geht, um sich einen neuen Herrn zu suchen: Leporello, der faule, gefräßige, abergläubige, zynische, sexistische Diener von Don Giovanni, der schon in seiner ersten Arie losmault: Keine Ruh bei Tag und Nacht, nichts was mir noch Freude macht, schmale Kost und wenig Geld, das ertrage wem’s gefällt… und dann will er kein Diener mehr sein.

Ich mag Leporello. Er ist auf eine nette Art verdorben bis in die Knochen, man kann ihm nichts übel nehmen. Gut, er deckt den Mord seines Herrn am Komtur, aber das machen wir ja alle, er sagt aber auch Don Giovanni ins Gesicht, dass er ein Schuft ist und von den Frauen lassen sollte – und ist für vier hingeworfene Doublonen sofort wieder bereit, zum Komplizen seines Chefs zu werden. Dieser Dienstbote und Handlanger ist mindestens ein ebenso schlimmer Finger wie Chef: Nicht nur, dass er die an Frauenverachtung nicht zu überbietende Registerarie singt – dass dies Büchlein Stoff erhalte, schwärmt er bisweilen sogar für Alte – wer diese lustvolle Aufzählung einmal gehört hat, beschwert sich nie wieder über Eugen Gomringer. Nein, er macht sich in dieser Arie offensichtlich auch an Donna Elvira heran, die er mit dem Ausruf “Oh bella, Donna Elvira” begrüßt hat. Im weiteren Verlauf vergreift er sich an einem Bauernmädchen aus dem Gefolge von Zerlina und Masetto, und im zweiten Akt erzählt Don Giovanni, wie er, der Leporellos Mantel trug, von dessen Freundin begehrt wurde, Metoorello vergreift sich also selbst an hoch und niedrig geboren Frauen, und hat neben her noch eine Liebschaft laufen.

Im zweiten Akt redet er sich ein, es sei in Ordnung, seinem Herrn das Essen zu stehlen, und Don Giovanni und er loben danach zusammen den Koch und die Prasserei. Leporello hat das moralische Bewusstsein eines Einzellers, vielleicht gibt es sogar moderne Politiker, die ethischer als er agieren – und er kommt damit durch. Immer. Er bettelt im richtigen Moment um Gnade, als Don Ottavio und die anderen Moralapostel ihm. weil sie ihn für Don Giovanni halten, den Garaus machen wollen. Er denkt, er sei mit seinem Herrn verloren, als der Komtur als steinerne Statue auftaucht – aber dem geht es nur um Don Giovanni, während sich Leporello unter dem Tisch verkriecht. Man kann sagen, was man will; Der Mann hat einen phantastischen Überlebensinstinkt im Angesicht grösster Gefahr, als Don Giovanni direktemang zur Hölle fährt.

Es gibt zwei Arten von Menschen in den Opernhäusern dieser Welt: Die einen lassen sich moralisch belehren und finden die Strafe gerecht, die anderen lernen, dass man einfach nicht zu viele Leute gegen sich aufbringen sollte, das Niederstechen von Vätern vermeidet, und es in Spanien vorsichtigerweise bei 1002 Frauen belässt, bevor man an eine Scherereien machende Donna Elvira gerät – und dass man als Leporello immer wieder den Kopf aus der Schlinge zieht und aufpasst, dass es immer einen gibt, den die Hölle auf der Abholliste vor einem stehen hat. Das macht das Leben noch nicht frei von Verwicklungen, aber: Leporello ist die zweitübelste Gestalt der Oper, und hat am Ende als einziger die Freiheit.

Denn am Ende singen die Beteiligten, was sie jetzt tun werden. Donna Elvira geht ins Kloster und wird sich jede Nacht in die Arme eines Don Giovannis wünschen. Don Ottavio, der Inbegriff des besten Freundeswürstchens, das nie eine Frau abbekommt, muss mit seinen Sexwünschen, für die er Don Giovanni gemeuchelt hätte, noch ein halbes Jahr der Trauer seiner Angebeteten abwarten. Und in dieser Zeit wird Donna Anna noch ein Studium des Genderismus anfangen und ihn jeden Tag mit ihren Variationen über Judith Butler und Sabine Hark konfrontieren, und den Besuch einer Lesung mit Stefanie Sargnagel für gelungene Abendgestaltung halten. Der gewalttätige Masetto und die naive Zerlina gehen in ihr Bauernhaus, er wird sie mit seinen überzogenen Ehrbegriffen schikanieren. und sie wird sich nach ein paar Jahren fragen, warum sie sich damals im Schloss so angestellt hat: Eine Nacht mit den Giovanni wäre letztlich lustiger als ein Leben mit diesem prügelnden, eifersüchtigen Tropf. Nur Leporello packt seine Siebensachen und dazu vielleicht noch das ein oder andere, was Don Giovanni jetzt eh nicht mehr brauchen wird, und geht in die Schänke, um einen besseren Herren zu finden.

Besser, sagt er. Nicht gut, nicht ethisch, nicht wohlerzogen und keusch, kein Don Ottavio, es reicht Leporello, wenn der neue Herr etwas besser als Don Giovanni ist, der gerade zur Hölle fuhr. Leporello ist durchaus lernfähig, aber eben nur genau so weit, wie es zur Beibehaltung schlechter Moral und fragwürdiger Methoden nötig ist, und das auch nur aus Sorge um das eigene Wohlergehen. Und wie man sieht: Das reicht schon, um eine beliebte Opernfigur zu werden. Die Ansprüche des Publikums sind gar nicht so hoch, jeder kennt die streberhaften Don Ottavios, die gern in der Liebe und im Berufsleben Ethik oder Sachgründe vorschieben, um ihre eigene, schmierige Agenda zu betreiben. Leporello ist feige und egoistisch, gierig und wollüstig – bei ihm weiß man, woran man ist, und deshalb hat er vielleicht aus das beste Ende bekommen. Ein Ende, das ein neuer Anfang ist, eine Gelegenheit, ein neues Register anzulegen und dem Herrn genau das zu sagen, was man eigentlich nicht sagt. Leporello hat in etwa so niedrige Ansprüche an sein Dasein wie ich an meine Texte, mir wohnt der gleiche Widerwille inne, anderen eine Botschaft zu verkaufen, die ich gar nicht habe, und die in meinem flexiblen Dasein auch langfristig hinderlich wäre. Leporello machte am Ende alles richtig, und ich möchte dem Publikum nicht anders dienen.

Ich hoffe, ich habe Sie, liebe Leser, über all die Jahre seit der Fahrt nach Frankfurt halbwegs gut unterhalten, Sie hatten hier angenehme Gespräche, bei denen die Gedanken wild durcheinander tanzten, hier Menuette, dort Sarabanden, und fühlten sich moralisch nicht belehrt – so etwas tut man nicht, das liegt nicht in meiner Absicht, wirklich, ich wollte nie mehr tun als plaudern, und bin Frank Schirrmacher unendlich dankbar, der sagte: Das – diese unausgegorene Idee des übel beleumundeten Vogels aus Bayern, der da in sein Büro schneite – das machen wir. Einen besseren Herrn werde ich nicht finden, es war eine phantastische Zeit, ich bekam enorme Privilegien und Möglichkeiten, und – ausnahmsweise mal – ganz ehrlich: Ich danke herzlich für Ihre Aufmerksamkeit und all die Anregungen und Kommentare.

Es war mir ein Vergnügen und eine Ehre, für Sie zu schreiben, und

es würde mich freuen, Sie irgendwann, demnächst in einer

anderen Schänke des Netzes zu treffen, um über

die Stützen der Gesellschaft zu

plaudern. Ihr Don

Alphonso.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Für Gerechtigkeit müssen wir von Murlo zu Sant’Antimo gehen

I overloaded and I saw the light, decadence was on my mind.
ZZ Top, Delirious

Es gibt drei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen sagen, Rache werde in ihrem Hause stets kalt serviert, andere meinen, man sollte sie lieber heiß unter den Gegnern auftischen, und die Dritten nehmen einfach, was sie kriegen können, im Leben wie in der Rache. Das ist dann meistens die Oberschicht und letztes Jahr kam ich gerade aus Italien zurück, als bei Spiegel Online ein ausgesprochen dummer Artikel über die italienischen Radwege und ihre Entwicklung stand. Obwohl es nicht angemessen ist, bei mir in der Crustata-Etage des Lebens mit Blick über die Crete Sienesi

Leute mit Aufmerksamkeit zu adeln, die ihre Texte aus der schieren Notwendigkeit des Knäckebroterwerbs im Hamburger Hafenviertel verfassen, setzte ich mich hin und schrieb einen heißblütigem Text, in denen ich belegte, dass die Autoren weder italienisch übersetzen können, noch wissen, was in Italien wirlich geplant ist.  Ausserdem habe ich “Der Pate” gesehen und weiß, dass man für Gerechtigkeit zu Don Vito gehen muss: Ich ließ mich also dazu herab, diese Autoren bei meinen italienischen Freunden so zu denunzieren, wie Feinde sonst nur meine Texte denunzierten. Meine Freunde hätten nun sagen können, dass sie den Don Salvatore in Hamburg informieren, aber sie hatten einen anderen Vorschlag: Bei Gelegenheit würden sie mich mal etwas herumführen, damit ich wirklich sehe, was man in Italien so alles tut. Und so kam es zum obigen Bild, und zu dem hier kam es auch:

Das ist in Murlo, einem kleinen Ort direkt an zwei phantastischen Radwegen: An den langen und bestens ausgebauten Strecken der L’Eroica, die hier im Herbst vorbei führt, und an der Grand Tour della Val di Merse. Vermutlich gibt es am nördlichen Polarkreis allenfalls Heideradwege, die auch so heissen und aussehen, mit lauter Knäckebrotbäumen und als Spezialität des Landes ein grosses Garnichts und ein Abo von Spiegel Daily dazu – ich weiß es nicht, ich war da noch nie. Hier jedenfalls gibt es eine Grand Tour, Grand! Tour!, liebe Leser, für Räder, und nicht nur das – sondern auch eines jener “alten Gemäuer”, das zu einem Radhotel umgebaut wurde, Es ist ein sehr altes Gemäuer, alle Apartments – ich residiere gerade auf eigene Kosten in üppigen 50m² – tragen die Namen von Radheroen, meines Beispielsweise von Andrew Hampsten, aber es gibt auch “Gino Bartali”, und an den Wänden prangen Bilder von Campagnolonaben und Radheroen. Es gibt im Keller eine Werkstatt und neben dem Empfang schöne Radklassiker. Und jeden Morgen diese Aussicht, hier ist es seit 5 Tagen am Stück sonnig und warm.

Wie ist eigentlich das Wetter in Hamburg so? das möglich? Radfahren hat in Italien, prinzipiell gesprochen den Stellenwert, den es in Deutschland nie haben wird. Während ich also im Hotel Bosco alla Spina Bilder von speziell für uns Freunde des Velozipeds kreierte Nachspeisen zeigen könnte, halbgefrorene schwarze Schokoladenwürfel mit weisser Cremefüllung, die Luxusversion des Nege Schokokusses mit Schaumfüllung, während von hinten das Buchenholzfeuer angenehm knistert – hoppla! –

erreichen mich Nachrichten aus München, dass ein Radverleiher aus Singapur seine Räder meistens wieder einzusammeln gedenkt: Es gab, ich habe des selbst beim Durchqueren der Stadt auf der Hinreise gesehen, zu viele Fälle von Vandalismus, Diebstahl und Beschädigungen. Keine Ahnung, warum selbst Münchner ihren Frust an Rädern auslassen, die im Gegensatz zu Autos keinem wirklich weh tun, und sogar als schlechtes Konzept immer noch besser als das private Auto sein sollten. Es ist aber so. Der Deutsche mag das Rad nicht. Der Italiener achtet es, und er verehrt die Helden, die sich darauf bewegen. Sie kombinieren Weinflaschen und chromglänzende Boliden mit langer Geschichte, weil man das hier kennt und versteht.

Radfahrer sind Eroici, die nicht verschwitzt den normalen Hotelgast in der Lobby stören, und man bereitet ihnen hübsche Räume nach ihren Bedürfnissen. Es ist alles eine Frage des Zugangs zum Menschen: In Bosco della Spina ist der Radfreund der Gipfel der Schöpfung, in Deutschland ist der Dieselfahrer auf einer Stufe mit dem Giftmörder. Hier kommt sicher viel Feinstaub aus dem aromatischen Bucheholzfeuer – am nächsten Morgen ist die Lunge dennoch so rein wie die Luft über der Toskana.

Wir setzen uns also aufs Rad – ich habe inzwischen ein Neues gekauft, nachdem das alte Rad nicht reparierbar ist, ehrlich, ich habe alles versucht, es musste sein, es hat überhaupt nichts mit Habgier zu tun, fragen Sie Don Vito, er ist ein Mann von Ehre! – wir setzen uns also aufs Rad und fahren etwas durch die Landschaft. Wir finden hier:

Ausgezeichnete Beschilderungen, die einen sogar wissen lassen, dass man die nebenan liegende Etruskersiedlung am besten zu Fuss erreicht.

Exzellente Erklärungen auf Italienisch und Englisch, wie der Weg aussieht, und was man bedenken sollte.

Traumhafte Ausblicke vom Etruskermuseum, zu dem ein anderes Schild weist. Ich mein, das ist Italien. Wenn Italien neben Rädern noch einen historisch bedingten Fetisch hat, dann sind es Schilder.

Die Wege hier mögen kurvig und steil sein, manchmal hat man auf den Routen eine schöne Aussicht, und manchmal einen Tunnel aus Bäumen.

Aber es kommt garantiert irgendwann ein Schild, das auch Orientierungslose sicher nach Hause bringt. Es gibt zum Beispiel im Altmühltal oder auf dem Bayerisch-Tirolerischen Radweg ebenfalls eine gute Beschilderung. Aber hier steht an jeder Kirche, an jedem Kastell und jeder alten Mühle, was sie ist, wer sie gebaut hat und warum sie wichtig war.

Die Italiener verstehen sich auf die Künste, das Radfahren weitgehend autofrei zu machen, und dem Radler Gelegenheit zu bieten, auch zu verweilen. Man muss nur die Augen offen halten. Das alles gehört zusammen. Nicht erst seit gestern: Das Auto wurde in Italien nie so dominant wie in Deutschland. Trotz der Hügel und Anstiege: Das Land hat Raum für das Radvolk. Radler sind keine verkehrstechnischen Störenfriede, sondern geschätzte Gäste. Die Denkweise ist hier nicht: Wir müssen Radfahrern auch etwas bieten. Die Denkweise ist: Wir geben den Radfahrern, was sie wollen. Über diesen Erkenntnisprozess sind wir übrigens schon an Montalcino vorbei gefahren, hinunter nach Sant’Antimo. Dort gibt es das berühmte Kloster.

Und eine berühmte Radsammlung.

Die Colnagos, die Tommasinis, die hängen hier nur so rum, es ist fast so voll wie bei mir auf dem Speicher.

Ich könnte hier oben als Radsammler, Antialkoholiker und Vegetarier ewig verweilen, denn ich mag Räder, und unten, wenn man die Treppe hinunter geht, gibt es Alkohol und Fleisch.

Ich bin da unten also etwas deplaziert, mit meinem Wasser und mit meinem Pecorino, und manche werden mich für so irre halten, wie ein deutscher Vertriebler in seinem Kombi mich am Jaufenpass hält – aber ich war tatsächlich in einem der besten Weingüter der Welt, Ciacci Piccolomini d’Aragona.

Einer der besten Winzer der Welt hätte mir eingeschenkt

und den Schinken gereicht, während über mir die alten Räder der toskanischen Heroen baumelten.

Ich lehnte ab.

Denn irgendeine Tugend muss man ja haben, und zum Ausgleich für mein Karma – das Regenwürmerdasein ist besser als sein Ruf! – habe ich die Tischrunde damit unterhalten, dass in Hamburg Leute leben, die glauben, in Italien wären die Radrouten in einem schlechten Zustand. Lautes Gelächter erfüllte den Saal, Gläser wurden nachgefüllt, und danach gingen wir noch in den Weinkeller, und feierten das gute Leben, das man eben kennen muss, um es leben zu können, hier im warmen Herzen der Toskana.

Wo der Thymian blüht.

Und man immer noch einen Kilometer fahren will.

201 Kilometer wären es von hier aus noch nach Rom, zwei Tagesetappen mit Umwegen über Orvieto und Assisi. Dorthin fahre ich dann im Mai mit der Mille Miglia – nicht mehr hier bei der FAZ, aber Sie als Leser sind dann herzlich eingeladen, mich und die Stützen der Gesellschaft am neuen Ort zu begleiten.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Von alten, weissen Männern lernen

Tutto sbagliato, tutto da rifare!
Gino Bartali

Ich habe in meinem Leben schon viele dumme Ideen gehabt. Das ist angenehm, denn so manche dumme Idee mündete in gern gelesene Beiträge, und das wiederum in den willkommenen Umstand, dass ich technisch gesehen nicht arbeite, sondern lediglich mehr oder weniger dumme Einfälle in schicklicher Ausformulierung an den Mann und die Frau bringe. Manchmal habe ich aber auch gute Ideen, und eine davon ist dieses Bild vom letzten Freitag am Tegernsee.

Der See ist auf 721 Meter, die Wolkendecke auf 900, und dazwischen ist sehr, sehr viel Schnee. Ich übertreibe nicht, obwohl das nicht selten hier gemacht wurde: Hinten im Kreuther Tal liegen öfters noch 2 Meter Schnee. 2 Meter! Da kann man unmöglich Sport treiben, das sehe ich so, das sehen Sie sicher auch so, denn wenn es anders wäre, wären Sie ja beim Baden oder Radfahren auf dem Bild. Ganz sicher jedoch sehen es die Italiener so, mit denen ich hier bin, und denen ich zur Begründung meines minimalen Übergewichts – ich übertreibe nicht, sehen Sie! – und meines lausigen Trainingszustandes dieses Bild zeige. Da würde auch kein Italiener Rad fahren, ich habe eine Art Schneebonus, ich bin der Tedesco, der aus dem Neve kam, ich verdiene Nachsicht beim Hinterherzockeln und Hochachtung, wenn ich nicht wie ein nasser Sack vom Rad falle. Denn ich habe das Bild und kann es herzeigen. Ich glaube, ich speichere es und zeige es ganzjährig in Italien herum.

Wie auch immer. Es war dann gar nicht so schlimm, und die Strecke von Murlo nach Buonconvento führt nicht nur durch eine der schönsten Regionen der Welt, es ist auch ein idealer Parcours für schnelles Fahren: Es geht lange leicht bergab, Steigungen können rasch niedergetreten werden, die Strade Bianche sind in einem sehr guten Zustand, und ich hatte am Abend davor gut gegessen und lang geschlafen. Ich tat so, als verstünde ich die Bundesgenossen nicht, die vom Mörderrennen Paris-Brest-Paris erzählten, und diese Teilnahme bedeutet, dass sie, wären sie nicht auf einer Sonntagskaffeefahrt mit mir, mich auch stehen lassen würden, wenn sie nur mit 2 Zehen auf einem Kinderrad kurbelten. Aber es war Sonntag. mein Italienisch war schlecht, und weil andere noch langsamer und älter als ich waren, ist mein trauriger Zustand erst gar nicht aufgefallen.

Ich brauchte noch nicht mal den schmutzigen Trick eines 24er Kettenblatts vorne und eines 28er Ritzels hinten, der am ersten Tag für Debatten gesorgt hatte, ob das noch legal für die L’Eroica sei: Manche sagten, dreifach vorne ginge am klassischen Rad überhaupt nicht – das waren die Recken mit den “kleinsten” 42er- Kettenblättern vorne und hinten maximal 24. Auch solche Leute gibt es, und sie fanden es kritikwürdig. Ich konterte, dass laut Regeln jedes Rad mit Originalteilen bis 1987 erlaubt ist, solange es Hakenpedale, Rahmenschalthebel und offen liegende Bremszüge hat – und meine Dreifachkurbel und das Schaltwerk gab es bereits im Herbst 1986. Ausserdem erwähnte ich den Schnee und zeigte das Bild herum, und danach gab es einen Anstieg, da hätte sich manch einer auch meine radtechnische Spitzfindigkeit gewünscht. Es kam also alles gut zusammen. Bis – ironischerweise – Buonconvento.

Denn in Buonconvento gibt es ein radlerfreundliches Cafe namens “Le Dolcezze di Nanni” mit einer Sammlung alter Räder und im Kontrast voll mit zuckerreicher Süßigkeiten. Und während wir da so standen und plauderten, war draußen ein alter, steinalter Mann, der die Räder anschaute, die wir idyllisch davor platziert hatten. Meines, den Eindruck hatte ich fraglos, sah er besonders kritisch an.

Und dann kam er herein. Wie sich herausstellte, war es ein alter Chamption der Gruppo Sportivo Buonconvento, der vor 60 Jahren heldenhaft jene Region unter die Räder nahm, die heute das L’Eroica-Land ist. Ich verkleide mich in einem gelben Trikot mit Kaffeewerbung und trinke in Wirklichkeit nur Tee, wenn ich mich mit einer Dreifachkurbel über Hügel schummle, aber der alte Mann hatte die grosse, alte Zeit noch selbst gestaltet. Da gab es noch keinen Tourenbus, der einen notfalls einsammelte. Da gab es bestenfalls 8 Gänge und Ritzel, so klein wie ein Keks, während meine grössten Ritzel so üppig wie ein riesiges Panforte sind, damit meine Waden, hart wie die durch den Wolf gedrehten Feigen im Panforte, das alles noch treten können .

45 Zähne vorne waren üblich, und damals drückte man sich mit baumstammdicken Oberschenkeln, vor Schmerz schreiend, die Berge hoch. Damals dopte man nicht grünbiologisch mit Eigenblut, damals liess man sich noch echt chemisches Nitroglycerin geben. Wir spielen das hier nur nach. Der alte Mann hat es gelebt.

Und obwohl der alte Mann beim Gehen einen Krückstock braucht, fährt er weiter alles, was geht, mit dem Rad. In diesem hohen Alter. Seine ganze Existenz war eine Beschämung meiner Schwäche, und mein Bild mit dem Schnee wollte er auch nicht sehen. So war das am Sonntag. Man kommt als verhinderter Held aus dem Schnee und fährt als Asche vor dem Altar der grossen Geschichte nach Hause.

Heute bin ich dann zuerst zur Post, um einen Brief mit einem Vertrag zwengs der weiteren Bloggerei abzuschicken. Manche sagen ja, es heult sich leichter in der S-Klasse, ich aber sage, Verträge unterschreiben sich leichter mit Blick auf die südliche Toskana.

Und danach bin ich eine Strecke gefahren, die ich bislang nur von der Hektik der Rennen in schemenhafter Erinnerung hatte: Von Murlo über Radi nach Siena und, so war es geplant, über Buonconvento zurück. Von Murlo nach Siena fährt man ausschließlich auf den weissen und fast autofreien Staubstrassen der Toskana, die Landschaft ist überwältigend schön, das Gras ist schon zartgrün, und die wellige Streckenführung ist gerade die richtige Herausforderung für einen untrainierten Deutschen.

Am Ende taucht dann plötzlich die Skyline des mittelalterliche Siena auf. Ich bin das alles recht langsam gefahren, um dann auf dem Heimweg auf Asphalt Tempo zu machen. Zum Schluss wollte ich noch an der asphaltierten Auffahrt nach Murlo vorbei, denn der Weg hoch ist hässlich. Es kommen 3 Berge nacheinander, und ab Buonconvento gibt es einen Altweibersteig mit ruppigen Feldwegen, der nur einen Berg statt derer drei aufbietet.

Aber auf dem Altweibersteig habe ich in der Hektik überschaltet, die Kette ist hinter die Ritzel gefallen und hat eine Speiche abgerissen. Das Laufrad passte gerade noch so in den Rahmen.

Mit so einem eiernden Laufrad kann man keine Feldwege mehr fahren, sonst reissen noch mehr Speichen. Also fügte ich mich ins Unvermeidliche und fuhr zurück auf die Strasse. Als ich am ersten Berg von den dreien runterschalten wollte, ging das nicht mehr. Ich hatte offensichtlich irgendwo noch ein Schaltungsrädchen verloren.

Zum Glück fand ich nach einer halben Stunde Suchen noch die Schraube, die früher das Rädchen hielt. Nach einigem Herumprobieren stellte sch heraus, dass die Kette auch über die Schraube allein lief – aber nur mit maximaler Spannung bei ungesundem Schräglauf der Kette, wenn ich vorne das 50er Kettenblatt benutzte, und hinten das 24er Ritzel. Jede leichtere Übersetzung führte zu heftigen Fehlschaltungen und unerträglichem Kettenrattern auf der Schraube. 3 Berge, 7 Kilometer, 3 Anstiege mit bis zu 10%. Und 50-24. Immerhin fuhr das Rad noch, und man muss mit dem zufrieden sein, was noch geht. Der alte Mann mit dem Krückstock fuhr ja auch noch. Die Sonne ging unter. Es gab nur einen Weg, es herauszufinden. Das marode Rad, die Flachlandübersetzung, drei Anstiege und ein mittelalter, weisser Mann in einem Trikot der späten 70er Jahre. Das ist alles. Mehr gibt es nicht. Man hat sich zu fügen, wie mit dem Krückstock, wenn die Gelenke einen nicht mehr tragen.

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es, im hohen Alter noch so fit wie der Alte aus Buonconvento zu sein, und dem Schicksal zu sagen: Vielleicht brauche ich beim Gehen eine Krücke, aber solange es geht – put me back in my bike. Diese alten Menschen sind die wahren Helden, sie haben nicht gejammert, als sie die Länder aufbauten und sich mit maroden Rädern jeden Tag zur Arbeit begaben. Sie haben jedes Recht, die kleinen Kettenblätter und die Luxussorgen der Gegenwart – genderistische Sprachvorschriften, Rundumbetreuung für angebliche Minderjährige, die den Pass verloren haben, Feinstaubgrenzwerte – verächtlich anzuschauen. Ich würde gern so ein alter, weisser Mann werden, und es mag nicht schön ausgesehen haben, wie ich mich langsam, die Tritte zählend, mit der Übersetzung seiner Jugend da hinauf nach Murlo getreten habe. So, wie man das früher gemacht hat, weil man nichts anderes hatte. Ein Berg, zwei Berge, drei Berge, und der letzte Berg ist der schlimmste. Man muss die Zähne zusammen beissen und an sich glauben. Jedes Jahr verliert man an Kraft, die Sünden der Jugend rächen sich, es sterben Leute um einen herum und andere fahren im hohen Alter noch, mit der Krücke am Rad, durch Buonconvento. Am letzten Berg wäre ich so gern abgestiegen, aber dann dachte ich an den Alten und wenn der noch fährt, sagte ich mir, dann komme ich da oben auf dem Rad an.

Und wenn es das Letze ist, was ich tue.

Das Letzte vor diesem Beitrag war dann allerdings das Salz, das ich mit ölverschmierten Händen über die Pizza schüttete. A Pfund Dregg brauchd der Mensch im Joah, sagte meine Grossmutter immer, und sie hatte damit natürlich wie immer recht. Die Jungen, die nicht recht haben, sind schon vorher gestorben, und achteten davor wohl kaum die Alten mit dem Krückstock am Rad.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.