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Feed Title: Stützen der Gesellschaftlast 5 items

Nirgendwo erfriert man mondäner als in Cortina

Ein Gipfel gehört dir erst wenn du wieder unten bist.Denn vorher gehörst du ihm.
Hans Kammerlander

Die Haut duftet nach ätherischen Ölen, die Bademäntel sind kuschelig weich und blütenweiss, der ganze Körper ist durch die Massage entspannt. Alle Bäder sind in vollen Zügen genossen, während durch das Panoramafenster die schneebedeckten Spitzen der Sextner Dolomiten herein funkeln. Draussen ist es bitterkalt, in der Nach hat es geschneit und tagsüber gab es schwere Regenschauer, aber hier unten, in der Wellnesszone des Sport Hotels von Innichen, merkt das junge Paar nichts davon. So vergehen die Stunden mit Reinigung und Erholung des Körpers, und sie nimmt dann noch ein Glas Wasser und er einen Rotwein, bevor sie in mit dem Aufzug hinauf zu ihrer warmen, geräumigen Suite fahren. Alles wird hier getan, damit die Gäste entspannt und wie neugeboren in einer watteweichen Wolke von Wohlgerüchen und Wärme dem Alltag entgehen. Sie steigen also in den Aufzug, betrachten sich im Spiegel – gut, jung und schön sehen sie aus – und drücken auf dem Knopf zum ersten Stock. Aber dann hält der Aufzug im Erdgeschoss, die Tür geht auf, und dort steht breitbeinig das hier:

1,81 Meter gross, normalerweise 87 Kilo Trockengewicht schwer, aber es ist nass von Regen und Schweiss. Es kommt von draußen, aus dem frühen Winter in dem Dolomiten, und von ganz oben aus dem Eis, wo die Wolken nicht warm, sondern glitschig und dunkelgrau sind. Was da vor den sauberen Menschen in ihren Bademänteln steht, ist eiskalt, es tröpfelt und trägt ein höchst geschmackloses, grün-pinkes Trikot mit ausgestopften Taschen, in denen noch Müll und fettklebrige Werkzeuge stecken. Die muskulösen Beine füllen eine Kniebundhose in der Farbe Schlammbraun aus, und wenn man nach unten schaut, erkennt man, dass die ehemals gemusterten Kniestrumpfe ebenfalls monoton schlammbraun wie jene Sturzbäche in den Bergen sind, die sie durchwaten mussten.

Um die abgetretenen und von Stürzen abgeschabten Schuhe bilden sich kleine, schlammbraune Pfützen auf den edlen Schieferplatten. Es riecht seltsam, ein paar Dreckspitzer sind auch noch in den Augenbrauen, und dann sagt es ins doch leicht verstörte Gesicht der Frau im Bademantel hinein: “Entschuldigen Sie bitte meine Erscheinung, ich bin leider nicht ganz gesellschaftsfähig, denn ich komme gerade mit dem Rad aus Cortina.” Dann betritt es den Aufzug. Im ersten Stuck huscht die Frau an dem schlammbraun-grün-pinken Schmutzberg vorbei, und der Berg und ihr Mann grinsen sich an. Vielleicht wäre der Mann ja auch lieber draußen gewesen, und hätte mit mir den Passo Tre Croci genommen. Denn der kalte, aber immer noch mobile Schmutzberg, das bin ich. Und dass ich hier ankommen und Wellnessfreunde verschrecken würde, habe ich zwischenzeitlich auch nicht mehr erwartet.

Denn gut zehn Kilometer vor Cortina d’Ampezzo stand ich an genau dieser Stelle, und schaute auf die Wolken unter mir. Die Wolken über mir schütteten weiter eiskalten Regen auf mich, und das Wasser war längst durch die Regenjacke und beide, übereinander getragenen Trikots auf die Haut geflossen. Eigentlich war ich gerade wegen des angesagten schlechten Wetters nach Innichen gefahren: Normalerweise nämlich fahren mir die Italiener bei der L’Eroica immer blitzschnell davon, während ich die Berge hinauf krieche. Aber hier, bei der Eroica Dolomiti, sollte es kalt sein, zwischen 0 und 10 Grad, und da rechnete ich nichtsowirklicharischaussehender Nichtganzrecke dank meiner Abhärtung gute Chancen aus, den ein oder anderen durch die Kälte erstarrten Italiener niederzuringen. Das war ein guter Plan, aber an dieser Stelle schon komplett gescheitert.

Denn an dieser Stelle hatten mich schon lange vier Nachzügler trotz der Kälte in kurzen Hosen munter plaudernd überholt, und alle anderen waren schon weg, als ich wegen eines technischen Defekts zu spät an den Start rollte. Ich eilte ihnen natürlich hinterher, immer den Pfeilen nach. Erst den Pfeilen nach, die nach Cortina wiesen, und dann gegen die Pfeile, die zurück nach Innichen zeigten, in der Annahme, dass gegen den Rückweg der Hinweg verlaufen müsste. Irgendwann stand ich an einem mörderischen Anstieg, und mir wurden zwei Umstände bewusst: 1. Ich habe mich verfahren. 2. Es wäre für die Jagd auf Italiener sinnvoll gewesen, sich vorher einmal die Karte anzuschauen. Aber es ist, wie es ist, sagte meine Grossmutter immer und nasser konnte ich da auch schon nicht mehr werden. Dachte ich. Bevor ich umdrehte und merkte, dass ich nun mit eiskaltem Ostwind aus der sibirischen Steppe zurück fahren musste.

Ich fand im Nebel zwar keinen Richtungspfeil, aber immerhin einen Einschnitt im Gebirge bei Toblach und darin ein Haus und davor eine alte Frau, die Zeitung las. Ich wusste, dass irgendwo Cortina auf meinem Weg lag, und fragte sie:

Grüss Gott. Wo geht es hier nach Cortina.
Wohin?
Cortina.
Aber das ist 35 Kilometer entfernt!
Ja, genau, da muss ich hin.
Mit diesem Rad? Sie deutete auf mein graziles 1972er RuFa Sport, das nicht ganz so aussieht, als wäre es den Belastungen eines Unwettertages in den Bergen gewachsen.

Mit diesem Rad.
Bei dem Wetter?
Bei dem Wetter, es ist halt so.
Also, sagte sie, da fahren Sie hier den Berg hoch und dann den Berg wieder hinunter, und dann kommen Sie auf den Radweg. Aber da kann man bei diesem Wetter nicht fahren! Da hat es oben Schnee, da erfrieren Sie!

Ich bedankte mich, fuhr los und musste dann 20 Kilometer lang erkennen, dass die alte Frau vielleicht ein wenig mehr Ahnung als ich hatte – wie gesagt, Grossmütter haben immer recht – so wie auch die vier nachzügelnden Italiener mehr Kraft in den Beinen hatten, als sie mich überholten und spielend leicht zurück ließen. Von da an war ich allein. In einer Gegend, die bei Sonnenschein sicher zu den schönsten Orten der Welt zählt. Sogar im Regen ist es noch schön.

Und ab einem gewissen Punkt ist man so dreckig, dass jeder neue Dreck am alten Dreck nicht mehr haftet und wieder hinunter fällt, solange man nicht durch besser klebende Kuhfladen fährt. Hin und wieder kam ich an weggespülten Brücken vorbei und kletterte durch Geröllfelder, ab und zu sah ich eine Kuh im Nebel. Und irgendwann war ich auch oben auf dem Passo Cimabanche – dem ersten und niedrigsten von drei Pässen. Von da aus rollte ich noch ein paar Meter in den Wolken weiter, um wenigstens Cortina gesehen zu haben. Bis eben zu jenem Punkt über der Schlucht, wo die Wolken unter mir lagen, und noch weiter unten lag meine Motivation. Unter mir waren also Wolken und Wildbäche und eine schwierige Abfahrt, hinter mir in 200 Meter Entfernung ein Lokal. Und ich sagte zu mir:

Ich werde heute keinen Italiener mehr fangen. Es ist kalt. Ich bekomme gerade eine Lungenentzündung. Da hinten gibt es Tee, Kuchen und Wärme, und in Innichen im Sport Hotel liegt mein weisser, flauschiger Bademantel auf dem Bett. Ich muss nur umdrehen, Kuchen essen, abfahren und dann stundenlang im Warmbad liegen. Was ich erlebt habe, reicht leicht aus, um meinen Lesern zu erklären, warum man auch mal aufgeben können muss. Gesundheit, das ist die Lektion, ist das Wichtigste! Ich war bei der L’Eroica schon oft am Aufgeben, jetzt wäre es mal an der Zeit, es zu tun. Dann hörte ich von hinten ein Rauschen, und um die Kurve schoss ein Pulk Radler auf Carbonrädern.

Eeeeeh, Eroici!, rief mir einer zu und winkte. Ich winkte zurück, und dann kam noch ein Pulk und noch ein Pulk, und ich aber gab auf und drehte um und fuhr heim. Also, ich mein, ich habe mir wirklich vorgenommen, das zu tun. Echt. Aber tatsächlich schaffte ich die Kurve nicht ganz, und die Schwerkraft zog mich hinunter. Von hinten kam noch ein Pulk, ich hängte mich dran und krachte mit ins Tal. Du bist von Eroica, fragten die anderen, ich sagte ja, und sie sagten anerkennend Eeeeeh in die eisige Bergluft, und so brannten wir hinein nach Cortina.

Wo, unglaublich, die Sonne schien. Sie schien auf Touristen und auf Radler auf Carbonräder und auf den Allerletzten der Eroici, aber sie schien nicht auf Wegweiser, die ich finden sollte. Immerhin fand ich eine Karte, die mir endlich erklärte, dass ich auf den Passo Tre Croci und danach auf den Passo San Angelo musste, um wieder nach Hause zu kommen. Was ich nicht fand, waren die Pfeile zu diesen Pässen, weshalb ich zweimal die scharfen Rampen im Ort hinauf und hinunter fuhr, bis ich die richtige Abzweigung fand. Dann setzte ich mich erst eine Weile auf die Bank in die Sonne.

Denn ist man erst mal Letzter, überholt einen keiner mehr, und man hat alle Zeit der Welt. Ausserdem ist Cortina wirklich schön in seinem halben Dornröschenschlaf, manche Wolken erstrahlten golden und andere funkelten wie bizarrer Silberschmuck an den Hängen des Monte Cristallo. Ist man erst mal Cortina, muss man ohnehin zu diesen hübschen Wolken, denn es führt kein flacher Weg zurück, und wenn man am Passo Tre Croci an so einem Frühwintertag erfriert, steht in der Biographie: gestorben am Passo Tre Croci, Cortina d’Ampezzo.

Das klingt wahnsinnig mondän, nach Louis Trenker und einem Schurken aus einem Bond-Film, viel besser als „in der Therme von Bad Gögging auf der Seife ausgerutscht und noch 5 Jahre mit Schädelbruch im Koma gelebt“, also fuhr ich weiter, und siehe: In der klaren, sonnigen Bergluft fühlte es sich gar nicht so kalt an, wie es wirklich war. Es war eine Schinderei in schöner Landschaft, das kann ich berichten, und außerdem ist man irgendwann oben, wenn man überlebt, und das ist ein gutes Gefühl. Noch besser ist es, auf 1809 Meter die Bremsen los zu lassen und nach unten zu schiessen.

1750 Höhenmeter, 1700. 1650, 1600, 1550, und dann fällt einem ein, dass eigentlich schon nach 150 Höhenmetern eine Abzweigung hätte sein sollen, und war da bei Tempo 80 in den Augenwinkeln nicht ein Pfeil? Es geht hier doch gar nicht mehr nach Misurina.

Das sind so die Momente, in denen es gut ist, wenn man den Moment der totalen Verzweiflung schon oberhalb von Cortina hatte. Umdrehen, hochkriechen, weiter, immer weiter. Mit pfeifenden Lungen kroch ich am Lungensanatorium vorbei, über dem sich die Drei Zinnen erheben, und sagte mir: Schau, immerhin kriechst Du noch japsend, die Kinder da drinnen japsen nur noch in den Betten. Es geht Dir nicht gut, Du bekommst mindestens eine Grippe, aber in den Bergen um dich herum sind Abertausende sinnlos im Ersten Weltkrieg gestorben.

Manche liegen immer noch unter dem Geröll, ihre Lieben haben nie erfahren, was ihnen geschehen ist, aber du bist einer der privilegiertesten Menschen der Welt: Niemand schiesst auf dich, keine Armee setzt gegen dich Giftgas ein, nur ein paar Grüne, Rote, Schwarze, Blaue, Minister, Staatssekretäre, Bild- und NDR-Journalisten und Ex-Stasi-IMs hinter den Bergen hassen dich, du hast immer die Wahl. Du hättest auch im Wellnessbereich liegen können. Du wolltest aber das hier. Also hör auf zu jammern und quäl dich, du faule, verweichlichte, übergewichtige Sau. Da vorne ist der letzte Pass.

Und von da aus ging es 20 Kilometer nur hinunter nach Toblach. Der Salzgehalt sorgte dafür, dass die Tränen, die der Fahrtwind aus den Augen presst, nicht am Gesicht festfroren. Die Sonne verschwand hinter den Bergen, König Laurins Rosengarten flammte rot im Abendlicht, aber nichts, nichts konnte einen jetzt noch aufhalten. Die Schwerkraft tat ihr Werk. Und siehe: Es war gut. Es war sehr gut. Es war phantastisch. Es war absoluter Wahnsinn, das alles geschafft zu haben, am Leben zu sein und vielleicht der Letzte zu sein, der den Berg hinunter donnernd, Kurven schneidend, alle Vorsicht aufgebend am Ziel ankommt. Aber auch jener Letzte, der nicht aufgegeben hat und sich durchkämpfte, und nicht wie andere in Cortina den Bus zurück nahm.

Du könntest runter in den Wellnessbereich, es ist noch genug Zeit zum Heldendinner, sagte der Veranstalter im Hotel, als ich endlich ankam. Ich drückte auf den Knopf am Aufzug, stellte mich breitbeinig und tröpfelnd und dreckig und glücklich und stolz hin, und sagte: Besser nicht, was sollen denn die Leute da unten von mir denken. Und dann ging die Tür auf und da standen sie in ihren flauschigen Bademänteln, mit Wasser und Rotwein in der Hand und starrten mich an.

Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt. Die einen wollen Wellness, und die anderen wollen lieber nach 40 Kilometer im Regen am Passo Tre Croci erfrieren, und dort neben der Strecke begraben werden. Sie wollten Wellness.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Frankensteins atavistische Testosteronmonster und ihre natürliche Auslese

Es ist natürlich nur ein Zufall, dass Mary Shelley vor exakt 200 Jahren eine enge, finstere Treppe beschrieb, wie jene, die mich nach oben in den Speicher führt. Es ist auch nur ein Zufall, dass sie in einem Haus ist, in dem früher Alchemisten wohnten wie jener, über den Shelley schrieb, und es hat auch nichts zu bedeuten, dass Haus und Treppe und Speicher in exakt jener Stadt zu finden sind, in dem die ersten Teile von Frankenstein spielen. Wie wir aufgeklärten Menschen alle wissen, gibt es keine aus Leichenteilen zusammengesetzten Monster, und außerdem zitiere ich auf den Stufen Baudelaire.

Du, dessen Klarblick in die Arsenale dringt
Wo der Metalle Volk im Schlafe blinkt
Satan, meines Elends dich erbarme

Das steht in den Blumen des Bösen, die nach Frankenstein geschrieben wurden, und somit ist eigentlich klar, dass ich nicht Victor Frankenstein bin und dort oben nicht einen neuen Prometheus horte.

Sondern gleich ein paar Dutzend.

Manche Geschöpfe meiner ölschwarzen Kunst sind noch in Einzelteilen und warten auf die Vollendung, manche sind nagelneu und dämmern hier trotz ihres Alters wieder ein paar Jahrzehnte, manche habe ich nur zum Zeitvertreib gebaut und andere wiederum, weil Männer wie ich, wie man so schön sagt, zumindest ein Laster im Leben brauchen. Manche saufen, manche fressen, manche ruinieren sich beim Glücksspiel, sei es Roulette oder Partnerwahl, manche nehmen Drogen, manche machen Polit-PR beim NDR, manche studieren Gender, manche sind einfach nur fad und langweilig, und ich, nun, ich werfe einen Blick auf die Wettervorhersage. Die lässt mich wissen, dass es am Samstag auf 1500 Meter Schnee geben wird, und wie es der Zufall will: Genau dort hinauf sollte ich eigentlich fahren. Mit dem Rad.

Jeder normale Mensch würde sich nun an den Rechner setzen und eine Mail des Inhalts schreiben, die Veranstalter dieses Radrennens hoch zu den Gipfeln möchten es einem nachsehen, denn erstens habe man sich im Datum geirrt und zweitens sei das Auto kaputt und drittens fühlte man eine Grippe, man würde es also sehr bedauern, dass man nicht teilnehmen könnte. Ich schrieb, bevor ich die Treppe zu meinen Kreaturen hinauf ging, in die Waffenkammer der Drahtesel, dass ich mich im Datum geirrt habe und jetzt halt alles verschiebe und fliege, damit ich am Samstag, 9 Uhr, in Innichen den ersten Südtiroler Schnee nach dem Winter sehen und befahren kann.

Denn in Innichen ist die erste Auflage der L’Eroica Dolomiti, und ich bin ein wenig besessen. Ausserdem ist der Himmel heute morgen blau, das kann auch halten, und was weiss schon so eine Wettervorhersage? In den Alpen ist das Wetter immer überraschend. Und außerdem habe ich vor zwei Jahren ein Rad speziell für ganz schlechtes Wetter gebaut; Ein RUFA Sport von ca. 1972. Mit kleinen Schutzblechen. Was soll also schon auf dem bisserl Schnee, der ja auch nur Wasser ist, schon schief gehen? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden! Tief in mir drin sagt eine Stimme, dass ich mich überschätze und das alles sicher kein Spass wird, während ich die Winterhandschuhe suche, und eine alte Fliegerbrille gegen den Matsch. Man glaubt gar nicht, wie weit der Glibber fliegen kann. Wenn man mit Tempo 90 gute 50 Meter hinter einem anderen einen Pass hinunter brennt, bekommt man so viel Schneefango, dass die Haut für Monate kältekonserviert ist. So spart sich unsereins das Botox und die Wellnes-Suite.

Sehen Sie, es gibt halt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen sind eher vernunftgesteuert und heissen Frauen, die anderen haben das Hirn nur als Rezeptor für Adrenalin und Testosteron: Das sind dann Männer. Männer können monatelang gediegen auf dem Sofa sitzen und den Gesellschaftsfinger vom Hutschenreuther spreizen – aber irgendwann heften sie sich ein Abzeichen ans Revers, tun ein paar Tage etwas Unvernünftiges, und dann sind sie auch wieder zufrieden. Aber ein paar Mal im Jahr muss das ausgelebt werden, wenn schon das restliche Leben nicht mehr jene Situationen bietet, die gemeinhin die ständige Präsenz solcher Körpersäfte erforderlich machen. Vielleicht sorgt die neue Berufswelt der Menschen auch dafür, dass sie diese Stoffe zurückbilden, und Anlass für all die Transgeschichten liefern, die man heute in den Medien so liest. Ich fürchte, bei mir da nichts mehr zu machen. Dafür habe ich Franz-Gewinde in der Kurbel. Das ist auch schon was!

Die habe ich heute noch einmal überprüft – es ist nicht spaßig, wenn einem die Kurbel beim Antritt nach der Serpentine bricht. Frauen verstehen das nicht, weil sie nicht wissen, wie dieser Cocktail der Körpersäfte bergauf und bergab im vollen Ausmass tobt. Eine Bekannte mit intensiven Drogenerfahrungen – was wohl alles ist, wozu die Grüne Jugend wirklich taugt – meinte einmal, meine Erzählungen klängen doch sehr nach Drogenrausch. Ich zweifle jedoch, dass sie wirklich ahnt, was es bedeutet, wenn einen die Faust Gottes über ein schmales Asphaltband in die Tiefe pfeffert, und hinter jeder Kurve der Tod warten kann. Da ist es gut, dass der Mechaniker heute noch einmal die 50 Jahre alte Bremsenkonstruktion und die Speichen nachjustiert hat: Sorgfalt und Mut überlebt, Dummheit und Mut stört bei der natürlichen Auslese.

Das System, in dem wir leben, will etwas anderes: Es redet uns ein, wie wir die Welt sehen sollen, welches Verhalten richtig ist, welche Willkommenskultur wir zu leben und welche Positionen wir abzulehnen haben, Wir sollten Christopher Street Days schätzen, auch wenn dort inzwischen die Kirchen, nach Kernseife und Enthaltsamkeit riechend und Fett in Leggins pressend, mitgehen, und immer an die Umwelt denken, auch wenn die Macher dieser Vorschriften Natur nur als den Busch kennen, in dem ihr voll in die grüne Weltsicht integrierter Dealer die Drogen versteckt. Es gibt in diesem Wertesystem jenseits der reinen Fortpflanzung keine natürliche Auslese durch Leben und Tod, Geschlechtspartner und sich anziehende Gegensätze, die die Jungen stark machen. Es gibt Leitlinien und Filterblasen, an denen sich die Auswahl vollzieht.

Minister laufen mit Schauspielerinnen davon, EKD-Mitglieder finden sich in Räten, der Gewerkschaftler trennt sich irgendwann von der SPDlerin und politische Überzeugung ist wichtiger als körperliche Attraktivität oder gar Vermögen, Die Ausleseprozesse sind nicht mehr durch Umwelt und Not definiert, sondern von Sozialen Netzwerken, ideologischen Gruppen, Singlebörsen und der Fähigkeit des Mannes, Wellnessurlaube zu ertragen. Im Überfluss des Westens kann man sich tatsächlich beschweren, wenn der Partner einen Mangel wie ein Produkt hat, das man folglich umtauschen kann. Das wird als Grundrecht empfunden. Es überlebt in diesen Zirkeln nicht der Stärkste, sondern der, der sich diesem System am besten anpassen kann.

Die Fähigkeit, einen Berg im Schneetreiben zu erklimmen, ist da nicht mehr relevant, aber der Trieb ist jmmer noch da, also machen es die Männer alleine. Vor ein paar Wochen war ich mit einem ebenfalls nicht fitten Mann an einem Berg, und wir fuhren nebeneinander hoch: Trotz schwacher Muskeln am Limit natürlich, mit gefletschten Zähnen, und aus den Augenwinkeln sah ich, wie hinter uns seine Begleiterin die Augen verdrehte: Aber so ist eben die Natur, so funktioniert der Körper, man weiss, dass es nicht vernünftig ist, und man bekommt dafür keinen Preis. Aber es fühlt sich nett an, wie jener Sex, der in Zeiten von Social Freezing für die Frau auch nicht mehr nötig ist, wenn sie sich auf die Karriere konzentriert, und erst später auf das Finden des richtigen Partners, der bis dahin professionelle Sexdienstleistungen als ökonomische Alternative erkannt hat. Die schiere Kraft, die unsere Urgrosseltern noch besangen und auf Dorffesten bewunderten, ist etwas für Proleten, oder wird versteckt irgendwo in den Bergen ausgelebt. Da hilft auch keine Frauenquote und kein Programm für Familien. Es ist nun mal ein atavistisches Ritual. Eine Abweichung von der Norm der Evolution. Man könnte auch an der warmen Heizung sitzen und Tee trinken, und melancholisch in den Regen schauen.Man muss nicht verstehen, warum ich morgen um 9 Uhr im Regen hoch zu den drei Zinnen fahren werde, wo der Winter Einzug hält und der kalte Schlamm in alle Poren dringt. Man muss auch kein Mitleid haben, denn wer das macht, der lebt sein Testosteron. Das, was die Evolution vom Mann der Vergangenheit zur Memme der Gegenwart nicht beseitigen konnte: Das will es so. Es wird eine phantastische Sauerei, und ich hoffe, dass neben mir auch die Kamera überlebt, damit ich Bilder vom Gemetzel mitbringen kann. Die Kastraten der Zukunft werden schaudern, wenn sie das später einmal wieder entdecken.

Nein, ich habe nicht Frankensteins Monster im Speicher. Aber vielleicht werde ich morgen im Ziel selbst so aussehen.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Wie machen Sie das denn? Vom WG-Leben im Alter.

Vorbemerkung: Ich werde oft gefragt, wie man in die FAZ kommt, und die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Man wird gefragt und sagt Ja. So war es zumindest bei mir, meiner Kunstfigur Don Alphonso und meinen Blogs, und so geht das eben immer weiter. Ich lese viel, denke mir: Die könnte etwas taugen! – frage an, mansplaine und hole mir dann manchmal einen Korb. Diesmal ist es zum Glück anders, denn die Gastautorin, die ich hier einleten darf, kann etwas ganz Unerhörtes berichten: Dass man nämlich gar keinen barocken Stadtpalast für ein standesgemässes Dasein braucht, und auch in einer WG glücklich und zufrieden sein kann. Die Bilder sind natürlich trotzdem von Stadtpalästen, chacun a son gout, ausserdem ist es wie mit dem Tafelsilber, ich muss es nehmen, ich habe nichts anderes. Don Alphonso.

Das Huhn, das Huhn ist schuld daran, dass Sie ausgerechnet von mir etwas auf diesem Blog lesen. Man muss dazu wissen, dass Don Alphonso und ich eine Lebensgeschichte haben, ein Leben führen, das konträrer nicht sein könnte. Er, der Aufsteigerkinder wie mich aus kleineren Verhältnissen nicht immer schätzt. Und ich, die ich häufiger etwas irritiert darüber bin, wie man aus gesegneten Herkunftsverhältnissen heraus so manches Mal über andere so hart urteilen kann.

Das Huhn also.

Ich hatte eigentlich nur einen kleinen Tweet abgesetzt aus meinem kleinen, aber feinen WG-Leben.

Der Mitbewohner zerhackt gerade sein Huhn auf dem Holzschneidebrett der sonst wirklich toleranten Veganer-Mitbewohnerin.

*Holt Popcorn*

Und dann kam eine sehr nette Privatnachricht, warum ich eben über dieses WG-Leben nicht einmal was schreiben wolle. Hmmm, dachte ich, was soll man bloß darüber schreiben? Wir leben hier fröhlich zusammen, ab und zu gibt es mal eine kleine Auseinandersetzung, kurz darauf haben wir uns wieder lieb.

Für mich alles ganz normal, ich habe fast immer mit Menschen zusammengelebt, als Kind in der Großfamilie, später in langjähriger Partnerschaft und nach der Trennung eben in Wohngemeinschaften. Was soll daran besonders sein? Darüber dachte ich ein bisschen nach und stellte fest: Doch, es gibt da etwas Besonderes.

Ich gehe nämlich auf die 60 zu. Ich wohne derzeit mit einer Mitdreißigerin und einem Mitvierziger zusammen. Für Berliner Verhältnisse zum Beispiel mag das normal sein, dass auch Ältere in einer Wohngemeinschaft leben, in Bayern ist das nicht die Regel, wenn ich mir die Reaktionen so anhöre.

Neulich zum Beispiel im Biergarten. Ich sitze an einem heißen Sommermittag so da, vor mir eine Apfelschorle und eine Zeitung. Ein Mann mit Weißbier und Wurstsalat setzt sich an meinen Tisch, Alter zwischen Mitte 50 und Mitte 60, so ganz genau kann ich das nicht abschätzen.

„Sie müssen auch was essen, junge Frau.“
„Danke, wir essen später gemeinsam zuhause.“
Der Mann kratzt sich kurz am Kopf und fragt charmant: „Wer ist wir? Sie sind doch nicht etwa vergeben?“
Der Versuch einer Annäherung, das ist in München so, wenn man im Biergarten sitzt.
Kurzes Überlegen. Lügen mag ich auch nicht.
„Nein, ich lebe in einer Wohngemeinschaft.“
„In Ihrem Alter?“
„Ja, warum nicht?“
„Eine Weiber-WG also.“
„Nein, zwei Frauen, ein Mann.“
Der Mann kratzt sich wieder am Kopf.
„Ja streitet man sich da nicht dauernd um den Mann?“
„Nein, wieso? Und wie leben Sie so?“

Und dann erzählt der Mann seine traurige Geschichte. Seit 19 Jahren verheiratet, die Frau arbeitet noch. Wenn er, Frührentner, aufsteht, ist sie schon weg und wenn er nach seinen fünf, sechs Weißbieren, die er tagsüber trinkt, um 20 Uhr schon schläft, kommt sie nachhause. „Wir sehen uns fast nie.“

Und schließlich will er es noch einmal wissen.
„Und was ist, wenn Sie alle auf einmal auf die Toilette müssen?“
„Wir haben eine Gästetoilette und ein großes Bad mit Toilette.“
„Aber man muss sich ja auch sonst mal aus dem Weg gehen können.“
„Wir haben eigene große Zimmer und zwei große Balkone. Und wie ist das bei Ihnen so?“
„Ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine Küche, kleines Bad. Eng, aber wir sehen uns ja eh nie.“

Das Huhn, das Huhn, das lässt noch andere Erinnerungen in mir wach werden.

Die von der Kollegin, die in einem riesigen Haus wohnt und das gar nicht verstanden hat, dass ich in einer WG lebe. „Wir hätten da ja genug Platz. Mein Mann und ich leben so nebeneinander her, aber wildfremde Leute bei uns einziehen lassen? Da gibt es doch nur Probleme mit der Putzerei. Aber schön wäre das schon, so eine Mini-WG. Wir hätten endlich wieder jemanden, mit dem wir reden können.“ Und sie fügt hinzu: „Wie machen Sie das denn? Das ist doch bestimmt nicht unkompliziert, so ein Zusammenleben mit Nichtverwandten.“

Ja, wie ich das mache, weiß ich manchmal auch nicht. Ich weiß nur, dass mir das Leben in einem einsamen kleinen Appartement nicht liegt. Ich habe lange alleine gewohnt, sogar Jahre auf dem Land in einem schicken kleinen Häuschen. Wobei alleine so nicht ganz stimmt. Die Katze und ich lebten zusammen. Und ich bin da einfach nur untergegangen.

Ich könnte Ihnen noch viele Geschichten erzählen von „wie machen Sie das denn?“, von Bewunderung, von Abneigung, von Neid und doch denke ich gerade beim Schreiben so: Das Huhn, das Huhn …

Vielleicht will mich dieses Huhn ja einfach nur an meine eigenen Erfahrungen und an die Einsamkeit so vieler Menschen erinnern, von denen und über die ich zum Beispiel auf Twitter lese. Das macht mich manchmal ganz einfach nur traurig. Zwei meiner Follower haben sich umgebracht aus eben ihrer Einsamkeit heraus. Dazu die zahlreichen Tweets, die ich tagsüber, selten auch in der Nacht lese über Trennungen, über die Sehnsucht nach einem Partner, einer Partnerin, über das einsame Altern. Gerade letzteres beschäftigt mich sehr. Da leben die einen in viel zu großen Wohnungen und schwelgen alleine in Erinnerungen, während die anderen in ihrem kleinen Appartement sitzen, genauso einsam.

Und eine Zigarettenlänge später fällt mir die zentrale Botschaft ein: Bevor Sie so ganz alleine untergehen, ziehen Sie in eine WG oder gründen Sie eine, egal, wie alt Sie sind. Sie können nur gewinnen, nicht verlieren. In Ihr kleines Domizil mit Fernseher, Notebook, Pizzalieferservice, Katze und sich selbst können Sie immer noch zurückkehren. Oder Sie könnten, wenn Sie in einer zu großen Wohnung leben, erst einmal für kürzere Zeit untervermieten. Zusammenleben auf Probe sozusagen. Sie müssen ja nicht ganz so mutig sein wie ich, als ich damals nach der Trennung in einer viel zu großen Wohnung saß und die unterschiedlichsten Menschen einziehen ließ.

Das Huhn, es erinnert mich nämlich zum Beispiel an Herr S., den ich in den Anfangszeiten von BISS in deren Schreibwerkstatt kennenlernte. Herr S., ein ziemlich verrückter bayerischer Kerl um die 50, lebte damals auf der Straße und versuchte mit Hilfe der Gründer der Münchner Obdachlosenzeitung wieder Fuß zu fassen. Durch den Verkauf des BISS, aber auch durch das Schreiben. Das für ihn Unbegreifliche und damit sein Schicksal in Worte zu fassen, das war sein Ziel. Jahrelang war er auf Märkten unterwegs gewesen, hatte allerlei Sinniges und Unsinniges verkauft, gut verdient, aber leider vor lauter Arbeit den Überblick über seine Finanzen verloren. Zehntausende Mark an Steuerschulden, unfähig, das zu regeln, Scheidung von seiner langjährigen Partnerin, Kündigung der Wohnung.

In meiner WG war damals gerade kein Zimmer frei, aber hey, Platz ist in der kleinsten Hütte. Herr S. verkaufte also tagsüber den BISS und für die Nacht haben wir ihm eine Matratze in die große Wohnküche gelegt, bis er eine eigene Wohnung fand. Wir haben gemeinsam gekocht, gelacht, waren traurig. Und ich habe so viel begriffen, vor allem, wie schnell das Scheitern gehen kann.

Profitiert habe ich immer von den Menschen, die einzogen und mehr oder weniger lange blieben. Von B., die Theaterwissenschaften studierte und die mich für die Welt der großen Bühnenstücke und die des kleinen Experimentiertheaters begeisterte. Vom Mailänder Model M., der damals viel in München für große Modezeitschriften arbeitete und der das harte Geschäft erst richtig verstehbar machte. Oder von S., der für ein Gastsemester Philosophie in München war. Die Gespräche mit ihm über Gott und die Welt möchte ich nicht missen und auch nicht seine skurrile Sloterdijk-Hörigkeit. Wie oft saß er in der Küche mit Kopfhörern und Kassettenrekorder, hörte die Vorlesungen seines großen Vorbildes und murmelte ständig „was will er damit nur sagen?“ Wir anderen und auch er hatten dabei viel Spaß und Spaß gab es ohnehin immer viel.

Was ein Huhn so alles in einem an Erinnerungen wecken kann. Die meisten davon sind einfach nur schön und berührend.

von phoenicia erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Die Dialektik der historischen Aufklärung gegen die AfD

Ein Deutscher, ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.
Theodor W. Adorno

Es wird am Wahlabend, wenn nichts Gravierendes dazwischen kommt, natürlich viel Entsetzen über das Abschneiden der AfD geben, und ich vermute, dass das Entsetzen nicht auf Seiten von Frau Weidel und Herrn Gauland sein wird. Wie es immer so ist, wird man die Fehler bei jenen suchen, die sich falsch entschieden haben, und es ist anzunehmen, dass man mit abweichenden Meinungen im Lager der Kommentatoren wenig gnädig verfahren wird. Speziell, wenn sie auch noch darauf hinweisen, dass es nicht zu wenig Kampf gegen die AfD gegeben hat, sondern vor allem einen falschen Kampf mit den grundfalschen Argumenten. Ich bin nicht nur der höflichste, sondern auch der konfliktscheueste Mensch von der Welt, und als solcher möchte ich hier – zumal noch Zeit für Einsicht und Strategieänderung bleibt – einen in meinen Augen besonders gravierenden Fehler verdeutlichen: Der ständige Vorwurf, die AfD wollte zurück in die 50er Jahre.

Wer dieses Jahrzehnt wirklich im ganzen Umfang bewusst als Erwachsener erlebt hat, wurde um 1930 herum geboren und nähert sich dem 90. Geburtstag. Was die 50er Jahre wirklich waren, wissen die meisten Deutschen nur aus dem Geschichtsbuch, oder Erzählungen, die angesichts der harten Kriegszeiten davor gar nicht so schlecht sind, wie viele heute im Wohlstand meinen. Natürlich kann man in einem Soziologieseminar nicht offen darüber reden, wie der eigene Uropa in der fernen Provinz unter Adenauer den finanziellen Grundstock legte, auf dem man heute die Benachteiligung von Frauen und Migranten studiert. Aber die Zeiten von 1914 bis zur Währungsreform mit der DM waren mit ihren Krisen und Kriegsgräueln für die meisten Menschen alles andere als schön. Danach wurde es sehr schnell sehr viel besser, und zwar für breite Schichten der Bevölkerung – ganz gleich, ob in der BRD, England, Frankreich, Italien oder Österreich. In Deutschland schüttete man mit Aufstieg und Konsum die Erinnerung an Krieg und Völkermord zu. Das sorgt für den schlechten Ruf der Dekade. In anderen europäischen Ländern ist die Phase bis Mitte der 60er Jahre bis heute ein Goldenes Zeitalter geblieben.

Und selbst bei uns gibt es da zwei Arten der Geschichtsschreibung: Das eine ist die durch die 68er definierte, offizielle Haltung, die Adenauer, Globke, den deutschen Schlager, die Wiederbewaffnung, die hemmungslose Motorisierung, den Konsumwahn oder den Fortschrittsaberglauben mit seinen zubetonieren Flüssen und AKWs ablehnt. Diese Vorstellung der Epoche ist weitgehend negativ aufgeladen, und hin und wieder wird man daran erinnert, etwa, wenn die Opfer der Schwulenparagraphen rehabilitiert werden. Oder wenn von Bischof Mixa bis zu den Regensburger Domspatzen die Verfehlungen und Vertuschungen der Kirche offensichtlich werden. Oder wenn Zeitzeugen erzählen, wie sich Gastwirte der Gefahr aussetzen, wegen Kuppelei die Lizenz zu verlieren, wenn sie Männer und Frauen zusammen ein Zimmer nehmen ließen. Was uns heute beim Betrachten von 50er-Jahre-Filmen wie verklemmte Sexualität vorkommt, war damals frivolstes Kokettieren am Rande des gesellschaftlich Zumutbaren. Ich wäre höchst überrascht, nähmen AfD-Anhänger nicht auch ab und zu jene Dienste in Anspruch, die im Internet heute ganz anderes Filmmaterial auf den Rechner bringen – aber übel und bigott und sexfeindlich waren nun mal diese 50er Jahre, die man mit der AfD in Verbindung bringen will.

Das sind übrigens auch die 50er Jahre, von denen ich selbst immer erzähle, wenn ich mit anderen im Altmühltal unterwegs bin, in jener romantischen Juralandschaft, die ideal geeignet ist, um mit Kindern Rad- und Paddelbootausflüge zu machen, und Burgen zu erwandern. Die 50er Jahre haben hier wie in vielen ländlichen Regionen erst in den 80er Jahren aufgehört, und ich fühle mich verpflichtet, den hässlichen Kontext der Schönheit zu liefern: Hier steht nur noch so viel Altes, weil man sehr lange zu arm für Neues war. Hier sind die Kirchen so prächtig, weil die Bischöfe das Land ausplünderten. Die Dienstmädchen bei meiner Familie waren die unehelichen Töchter der hiesigen Bauern. In den Gaststätten hingen nicht wie heute Artefakte des bäuerlichen Lebens, sondern die Bilder all jener Männer, die in den Kriegen von 1870 bis 1945 “auf dem Feld der Ehre” geblieben sind, und darunter maulten die Veteranen und Reservisten, weil man 41 nicht nach Moskau kam. Ich erzähle das alles. Und komme nicht gegen das an, was die Menschen hier sehen.

Eine Welt mit fetten Sossen, riesigen Portionen und ausgewählten Zutaten, eine Welt, die wie die gute alte Zeit wirkt, aber damit nichts zu tun hat. Die “gute, alte Zeit” hier war gleichbedeutend mit fragwürdigem Kesselfleisch nach der Schlachtung, Fett am Schweinsbraten, Maggi am Tisch, stinkenden Zigarillos, und als besonderer Attraktion, gegenüber von einem der heute besten Lokale im ganzen Tal: Ein unhygienischer Pommes-Frites-Automat, der für ein Fuchzgerl Fettkartoffelstreifen auswarf. Und genauso, wie sich die Feinschmeckerei hier mit frischem Salat und Schnittlauchstreussel neu erfindet, mit ihren Prälatentellern und dem Ochsen am Spiess im Schloss für 40 Personen – so hat sich die ganze Region neu erfunden.

Das Altmühltal hat kein Meer und keine Berge, sondern nur die scheinbare Unschuld der 50er Jahre Romantik. Es ist hier so, wie es noch war, als Grossonkel Wilfried und Tante Gerda und Pudel Willy mit dem Opel Kadett ihre Nichte Marika abholten, weil das Faltboot ein Leck hatte. Ich merke das an mir selbst: Ich weiss, wie es früher gewesen ist. Es war schlimm. Es war überall schlimm, auch im Donaumoos, in der Holledau und überall, wo man sich heute als biologische und nachhaltige Alternative zum Urlaub in der muslimischen Welt anbietet. Der Bartelmarkt in Oberstimm war ein elender Treffepunkt für das ganze Gschleaf aus Bayern, aber heute gilt er als bundesweiter Geheimtip für echte Volksfeste.

Da möchte man die AfD hinein pferchen und sie in einem Gatter mit dem Schlimmen jener Tage halten. Das ist aber so eine elitäre Einstellung, die man sich eben leistet, wenn man aus der akademischen Oberschicht stammt. Da ist die Ablehnung jener Epoche ein Konsens, der aber auch nur dort gilt: Auf dem Land waren die 50er Jahre prima, man bekam damals Strom, Wasser, das Dieselross und Teer. Man hat sich das unter Strauss nicht schlecht machen lassen, und will von den negativen Aspekten nichts mehr hören.

Man hat die Geldspielautomaten, an denen sich die Landjugend mangels Alternativen ruinierte, in den Gaststätten entfernt, und hängt wieder Geweihe auf. Man hat die Saufrituale der Region mit kristallklaren Schnäpsen aus hier wachsenden Schlehen, Wacholder, Marillen und Zwetschgen ersetzt. Früher bekam man hier zum Datschi die Dose mit der Sprühsahne auf den Tisch gestellt. Heute ist der Datschi eine teuer gehandelte Delikatesse, und wird mit einem kleinen Klecks frischer Sahne veredelt. Es hat nichts mit der gar nicht so guten, alten Zeit zu tun -aber es wird so erlebt. Und natürlich ist der junge Schwarzafrikaner im Garten des Bischofs ein eifriger Gaststudent mit Stipendium, und nicht vergleichbar mit dem, was man im Görlitzer Park erlebt.

Ein schönes Beispiel für die unterschiedliche Auffassung ist die hiesige Jesuitenkirche: Kein wirklich aufgeklärter Mensch kann sich vorstellen, an einem Ort zu heiraten, an dem armen Bauern vorgegaukelt wurde, Schutzengel würden dauernd über ihrem Leben schweben. Zumal, wenn man weiss, dass die Jesuiten für eine brutale Durchsetzung des Glaubens mit religiöser Säuberung standen. Damals war die Grenze zwischen Bistum und evangelischen Reichsrittern auch die Grenze jeder zwischenmenschlichen Verbindung. Das hält aber nach meinem Wissen niemand davon ab, all die Schutzengel putzig und das Ambiente eindrucksvoll zu finden, nachdem die Kirche – in meiner Jugend noch ein finsteres Loch – jetzt nach der Restaurierung im neuen Glanz erstrahlt. Die Geschichte dahinter ist nicht schön, aber die Kirche ist das, was die Heiratswilligen darin sehen wollen. Das Altmühltal war bitterarm, aber es hat sich heute als die gute, alte Zeit herausgeputzt, die wir gerne im Urlaub sehen wollen.

Und mein Eindruck ist, dass die Rückwärtsgewandtheit der AfD ganz ähnlich funktioniert. Man sagt ihren Anhängern, die Partei sei 50er Jahre und daher im Sinne von Horkheimer und Adorno abzulehnen. Aber ihre Anhänger sehen da etwas wie das Altmühltal mit sauberen Strassen, geordneten Verhältnissen und gute Zeiten für jene, die gute Leistung bringen. Man gibt sich alle Mühe, die AfD in einen Schweinestall mit allen stinkenden Tieren der Vergangenheit zu pressen, aber die Anhänger der Partei sehen sich eher im schmucken Fachwerkhaus mit Blumen vor den Fenstern und Fahnen, wenn der Festzug zum Volksfest vorbei zieht. Für Akademiker, die ihre Legitimation aus dem Anspruch ziehen, eine bessere Welt zu erschaffen, sind die 50er Jahre eine negativ geprägte Epoche, über die man nicht mehr reden muss: Ihre Geschichtsschreibung hat das Urteil bereits gefällt, es ist die Übergangsphase zwischen Nazi und Licht der Frankfurter Schule, und nur als Kampfzeit gegen das Alte und Überkommene positiv zu betrachten.

Der AfD-Wähler dagegen lenkt seinen Diesel Kombi entlang der Biegungen des Flusses, freut sich an der Welt, die nie so heil war, wie sie heute zu sein scheint, und versteht nicht, warum man an diesem Zustand etwas ändern sollte, und ihn mit Fremden und Migration anreichern: Er hat zwei Kinder und seinen Teil dafür getan, damit in seiner Welt alles so bleibt. Das Nachwuchsverweigerungs- und Rentenproblem der Deutschen ist nun mal eher akademisch, feministisch, metropolitan, nicht in der Produktion tätig, und ärgert sich im 50 Wochenstunden dauernden Teilzeitjob einer Werbeagentur, wenn andere es gern idyllisch, romantisch, homogen und in letzter Konsequenz potemkin-dörflich haben, wie in einer Heimatfilmkulisse. Man kann ihnen fundiert vorwerfen, dass sie die Vergangenheit unangemessen idealisieren und negative Folgen ausblenden. Aber dafür müssten sie den Kündern der anderen Wahrheit zuhören wollen.

Wahlkampf mit der Geschichte ist immer problematisch, denn da werden Fässer wieder aufgemacht, die man vielleicht besser geschlossen gehalten hätte. Man erlebt eventuell, dass der totale Sieg im Feuilleton noch lang keinen Sieg auf dem flachen Land nach sich zieht, und sich die offizielle Geschichtsschreibung nur teilweise mit der mündlichen Weitergabe des Märchenhaften deckt- wäre es anders, gäbe es auch schon lange nicht mehr die Nachfolgepartei der SED. Man unterschätzt leicht die perfide Fähigkeit weniger studierter, aber nicht ungeschickter Bevölkerungsgruppen, die Vergangenheit so aufzuhübschen, dass man am Ende völlig aneinander vorbei redet, und dem anderen etwas als Verdammung entgegen schleudert, was der als Kompliment wertet. Es ist noch nicht einmal gelungen, eine Partei wegen ihrer Rolle in der der DDR unwählbar zu machen. Warum sollte es mit den 50er Jahren der BRD bei der AfD besser funktionieren?

Auch das ist, wenn man so will, eine Dialektik der Aufklärung, und der Wahlausgang wird uns da meines Erachtens noch höchst adornisieren.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.

Grün lackierte Mobilität und Volksferne

Jetzt kommt in allen Parteien die Playback-Generation.
Joschka Fischer

Sehen Sie, es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt: Die einen bevorzugen Olivenöl, und die anderen Butter. Und beide halten Margarine für Sondermüll und bezweifeln, dass es eine dritte Art von Menschen gibt, nämlich die, die mit Margarine nicht Kugellager, sondern Brote schmieren. Als höflichster Mensch der Welt stimme ich beiden Seiten zu und nehme nördlich der Alpen meist Butter und südlich der Alpen meist Öl. Gerade noch bin ich nördlich und bittschön, hier, Butter auf einer grossen Wiesenbrezn.

Das ist so eine simple, bayerische Spezialität und dennoch in ihrer Schlichtheit köstlich, regional natürlich und zwar so regional, dass die Beschaffung als technisches Wunder gelten kann: Es ist mir gelungen, die Zutaten mit minimalem Energieverbrauch zu beschaffen. Alle reden heute von emissionsloser Fortbewegung und meinen damit Verseuchung des Landes mit Kohle- und Atomkraftwerken, die die Emission für den Strom der E-.Autos woanders produzieren, Aber ich meine das ganz ernst: Gemessen an dem, was selbst ein Fussgänger an Energie verbraucht, habe ich mich mit geringeren Schadstoffmengen mit der Butterbreze bereichert. Denn ich habe Trekki genommen. Trekki ist ein 1994 gebautes Basismodell der Marke Trek, das durchaus solide und für den urbanen Einsatz gerüstet ist. Allerdings mochte die Besitzerin es nicht, warf es im Frühjahr nach 23 Jahren Gammeln weg. Ich habe es vom Schrottplatz gerettet und restauriert. Alles, was ich brauchte, war Werkzeug, Öl, Fett- echtes Titanfett und natürlich keine Margarine -, Lackpolitur und 10 Stunden Arbeit.

Bei der Rettung von Trekki entstanden nicht mehr Schadstoffe als bei einmal Fettucini al Oglio kochen und dem Verbrauch einer Packung Papiertaschentücher. Seitdem dient Trekki hier als Einkaufsrad und kann auch von anderen Hausbewohnern benutzt werden. Trekki ist robust, die Technik wird sicher noch 20, 30 Jahre halten. Reparaturen sind unkompliziert, und die wenigen schlechten Komponenten habe ich durch Besseres, ebenfalls vom Container, ersetzt. Verglichen mit der Verschrottung, der Trekki anheim gefallen wäre, war das umweltschonender, und die Fahrt mit dem Rad zum Bäcker verbraucht auch weniger Energie – und damit Essen und Energie für dessen Produktion – als ein Fussmarsch. Denn Radeln ist energieeffizienter als Gehen, Ich bin also nicht nur der höflichste, sondern auch der energieeffizienteste Mensch der Welt. Nur tot könnte man weniger Emissionen als ich verursachen – und das auch nur, bis der Verwesungsprozess einsetzt.


Kurz, wenn man wirklich alle Faktoren mit einrechnet und wirklich den ökologischen Fussabdruck reduzieren will, kommt man mit etwas Nachdenken auf exakt meine Lösung. Es ist nicht nur meine Vorstellung, es gibt auch Entwicklungshilfe für Afrika, die darin besteht, alte ´Räder dorthin zu bringen, wo sie benötigt werden, ohne dass die Umwelt unter der Mobilität der Menschen leidet. Ausserdem leidet dann das Gewissen der Deutschen nicht, wenn sie, statt die Kette zu wechseln, ein neues Rad kaufen und wohlig an den Afrikaner denken, der von ihrem Konsum profitiert. Momentan ist Sommer, momentan fahre ich fast alles mit dem Rad, hole frische Brezen, und wie das so beim Radeln ist, mache ich mir so meine Gedanken. Zum Beispiel über die Grünen, deren Spitzenkandidat Cem Özdemir das Verbot von Verbrennungsmotoren zur Koalitionsbedingung macht und behauptet, die Grünen seien die Partei der Ingenieure, die an der Zukunft der Mobilität arbeiten wollen.

Zu Zweiteren, das habe ich hinlänglich ökologisch-bewusst und schraubend bewiesen, gehöre ich. Beim Ersteren jedoch fällt mir wieder der Hashtag #Grüneversenken ein, der im Netz häufig zu lesen ist, denn ich glaube 2017 an die E-Mobilität wie 2015 daran, dass vor allem gut ausgebildete Rentenzahler nach Deutschland kommen. Ich bin damit wohl nicht ganz allein, und viele Bekannte sind der Ansicht, dass den Grünen als Partei der Studienabbrecher_Innen und Bonusmeilenflieger vier Jahre zur ausserparlamentarischen Neuerfindung sicher nicht schaden würden. Abgehoben und weltfremd wirkt die Partei, die ein bestimmtes, kleines Klientel in Städten perfekt bedient und dem Rest des Landes mit Verboten kommt. Es ist übrigens nicht so, dass ich etwas gegen Despotie hätte – meine bevorzugte Sozialordnung der Leibeigenschaft etwa lässt sich kaum demokratisch verwirklichen. Aber es gibt halt zwei Arten von Despoten auf der Welt: Bei den einen ist alles in Butter und die anderen saufen Öl Extra Vergine und Wein der Toskanafraktion, während der Rest mit Wasser und Margarine leben muss.

Von der ersten Sorte war König Maximilian II. Joseph von Bayern, der 1858 eine fünfwöchige Reise zu Pferd, zu Kutsche und zu Fuss von Lindau am Bodensee bis nach Berchtesgaden zu seinem bayerischen Volke unternahm, und bei der Gelegenheit übrigens auch direkt bei mir am Tegernsee vorbei kam. Diese Reise war damals höchst ungewöhnlich und wurde legendär, und später behauptete jeder, die königliche Hoheit gesehen zu haben, oder sie sei sogar im Gasthof verkehrt und habe einen angesprochen, und das Rehragout gelobt. Plötzlich soll einfach die Tür aufgegangen sein, und dann stand der Monarch beim Bürger, und hörte sich an, wie das Leben so war und was er zum Wohlergehen tun konnte. Der wandernde, staubige, vom Regen überraschte König hat die Menschen hier so beeindruckt, dass sie ihm einen Wanderweg widmeten, und ihn bis heute in bester Erinnerung halten, indem sie ihre Söhne Max nennen.

Das ist nicht schlecht für so einen naturnahen Vierteldemokraten und fünf Wochen Imagetour. Und wenn ich ein politischer Erbe der Dreivierteldespotie wäre, dann würde ich es ähnlich machen. Nehmen wir an, in meiner Partei gäbe es eine sportliche, jüngere, schlanke Frau, die emanzipiert wirkt: Nichts spräche dagegen, sie auf ein Rad zu setzen und zu sagen: 100km fährt man an einem Tag locker, also radle von Dorf zu Dorf, halte an, sprich mit den Leuten, sei freundlich und volksnah, höre Dir ihre Sorgen an und zeige, dass Du eine von ihnen bist. Schau in ihre Ställe, spiele mit ihren Kindern, hör einfach zu und versuch zu verstehen, was für das Volk die beste Lösung ist. Zeig, dass Du eine von ihnen bist, setz Dich aufs Bankerl vor dem Haus, radle mit ihnen ein paar Kilometer und verstehe das Land, das Du angeblich schützen willst, in all seinen Aspekten. Frühere Monarchen nannten sich “erste Diener des Staates”, versuch also, Dich als jemand zu zeigen, die “erste Dienstmagd des Volkes” ist. Sei nicht abgehoben, sei nicht Klientelpolitik, sei was Du bist und betrüge keinen mit unrealistischen Vorstellungen. Trink nicht mit ihnen frisches Bergwasser in Erwartung des Weins am Kabinetttisch. Dann wird der, der Dich sah, seinen Freunden sagen: Oiso, de Simone, ned woah, de woah ah bei uns am Hof, und de kennt se fei scho aus. Oiso dös sog i Eich: A gschupfte Hennah is de ned.

Ah so, werden dann die anderen sagen, und zuhören, wie die Simone mit ihrem grünen Rad den Feldweg entlang fuhr, mit einem Strauss Feldblumen im Korb, die Butterbrezen lobte und den kleine Maxl auf den Schoss nahm. Ich erzähle das, weil ich im Frühjahr beim Verband der Milchbauern im Oberland war, und dort CSU, SPD, freie Wähler und Bund Naturschutz Grussworte teils gegen heftige Beschimpfungen derbster Natur vorbrachten, aber kein Grüner sich sehen liess. Ich sage das auch, weil die Menschen auf dem Land eher durch Taten als durch Worte auf sozialen Kanälen erreichbar sind. Vor allem aber sage ich das, weil, naja, wie soll ich sagen: weil die Realität so anders ist. Denn die Simone mit dem grünen Radl, die gibt es wirklich. Sie heisst Simone Peter, ist Vorsitzende der Grünen und 6 Wochen bis zur Wahl auf Tour durch Deutschland. In den Städten fährt sie mit dem Rad.

Aber zwischen den Städten zeigt sie sich mit zwei schweren, grünen BMW530e Hybrid, die 252 PS haben und über 50.000€ Basispreis kosten. Oben auf dem BMW ist ein Dachträger für das grüne Rad, das im Gegenwind die Aerodynamik des Wagens versaut und auf 100km ein, zwei Liter mehr Benzin schluckt. Neben den BMWs stehen ihr nach Eigenaussage für die Tour auch noch ein Opel Ampera und zwei französische Fabrikate mit Elektromotor zur Verfügung. Zusammengerechnet sind das an automobilen Untersätzen rund 200.000 €. Und das wird ganz offen in Peters Twitterkanal an die Wähler daheim in den grossen Städten geschickt.

Als ich mich darüber mokierte und über die Preise der 3er und 7er Hybriden schrieb, antwortete Simone Peter (oder ihr Team, wer weiss das im Internet schon), dass man den 530e nur für sechs Wochen gemietet habe, mehr könnte sich die Partei nicht leisten. Maximilian trat als Herrscher dem Volk zu Fuß gegenüber, Simone Peter tritt dem Souverän mit einer ganzen Flotte von Autos gegenüber, die der Souverän für unpraktisch hält. Sie sind für ihn angesichts der Abgabenlast zu teuer, wie auch den Grünen selbst, die diese Autos nur gemietet haben, wie die Unterschicht für den Urlaub einen 911er mietet. Und die Grünen mieten dabei auch noch eine Mogelpackung: die Reichweite eines 530e liegt elektrisch bei maximal 50km. Ohne Stromtankstelle wird der Akku durch den Verbrennungsmotor geladen. Und dauerhaft verpflichten wollen sich die Grünen jenseits des Wahlkampfs auch nicht. Daher wird gemietet – ein Modell der Firma, für die der ehemalige Obergrüne Joschka Fischer als Lobbyist tätig war.

Kurz, Simone Peter fährt ein grünes Rad ungrün und schadstofffördernd auf einem schweren, gemieteten Auto durch das Land, dessen Antrieb vor allem ein Verbrennungsmotor leistet, den die Grünen verbieten wollen, angereichert mit einem Elektroantrieb, den die Grünen aber nicht kaufen und bezahlen wollen, und lackieren das ganze grün und schreiben “Mut als Motor Zukunft als Ziel” darauf. Unf möchten, dass die Bevölkerung sie wählt, weil sie für das Verbot von Verbrennungsmotoren, mehr Gendermainstreaming, Ende des Ehegattensplittings und mehr Migration und weniger Abschiebung eintreten.

Die Sache ist halt so: Natürlich kann man dem Bürger die Kosten für die Energiewende und das grüne Milliardengeschäft der Windmühlen aufhalsen, und ihn obendrein zum Kauf von Mobilität zwingen, die momentan auch den Grünen zu teuer ist. Dazu muss man nur Steuern massiv reduzieren, und es gibt durchaus Einsparpotenziale bei Gender Studies Lehrstühlen, teuren Quotenregelungen oder beim deutschen Sozialsystem, das erkennbar bislang von der ungebremsten und unkontrollierten Migration nicht profitiert: Möchte man dagegen weiterhin das andere finanzieren und das Geld dafür beim Steuerzahler holen, der dann nicht mehr Automobile bauen kann, ist die Mobilität eben kein BMW 530e, sondern mehr ein Gerät wie mein treues, vom Schrott gerettetes Trekki. Und zwar für alle. Egal, ob sie das aus grüner Überzeigung wie ich tun, oder aus Zwang wie jene, die momentan noch im gemieteten, grün lackierten BMW 530e oder drei anderen Alternativautos sitzen.

Das würde schlussendlich dazu führen, dass meine Vorstellung der radelnden Politikerin doch wieder Realität werden würde. Diesen Wahlkampf könnten die Grünen dann aber auch gleich noch mit jenen Hamstertouren verbinden, die in einem Deutschland mit wirklich emissionsfreier Mobilität ein Brauchtum wie die Butterbreze wären. Es ist selten ein Schaden, wo nicht ein Nutzen dabei ist, sagte meine Grossmutter immer, und sie hatte damit natürlich wie immer recht.

von Don Alphonso erschienen in Stützen der Gesellschaft ein Blog von FAZ.NET.